Rettungskatastrophe

Gemessen an dem Tempo, mit dem die Menschheit derzeit die Erde zugrunde richtet, sind unsere Einsichtsbereitschaft und -fähigkeit zu gering, Diskussions- und Entscheidungsprozesse zu langsam und getroffenen Maßnahmen zu beschränkt und halbherzig, und damit im Ergebnis die „Erfolge“ zu vernachlässigen. Und die Betrachtung wird auch nicht optimistischer, wenn man nicht überwiegend restrospektiv orientierte globale Durchschnittswerte zugrunde legt, sondern das Momentum der Veränderung, den Drive und die Begeisterung, in Zukunft wirksamer zu agieren, als Hoffnungswerte berücksichtigt.

Was also tun?

Optionen

Die irrationalste Reaktion ist das Leugnen. Das funktioniert einigermaßen beim Klimawandel, weil es sich um ein komplexes Phänomen handelt. Aber es gibt so viele andere Bereiche, in denen die zerstörerische Macht menschlicher Eingriffe so offensichtlich ist, dass Leugnen und Ignorieren das Problem verschärfen.

Nicht viel besser ist das Verdrängen. Das schützt psychisch vor Angst und Verzweiflung angesichts der überwältigenden Probleme, aber es führt ebenso zum Untätigsein.

Um einige Grad „vernünftiger“ ist das Hoffen und Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte der Natur und die Bewältigungsfähigkeit der Menschheit, die bislang offenbar noch jedes Problem in den Griff bekommen hat. Dumm ist nur, dass die Autoregulationsmechanismen der Natur gerade systematisch zerstört werden und im Übrigen nur langfristig wirken. Ähnliches gilt für die Hoffnung, dass die Menschheit das irgendwie packen wird: Der erste Bericht des Club of Rome (zum Nullwachstum) ist fast 50 Jahre alt, ohne dass sich etwas zum Guten gewendet hätte. Noch ein halbes Jahrhundert zu warten ist wohl keine ernst zu nehmende Option. Außerdem kann ein System sich nur dann weiterentwickeln, wenn es als solches noch existiert. Angesichts der derzeitigen Entwicklungen ist das nicht sehr wahrscheinlich.

Bliebe also nur das Handeln. Aber bei der gegebenen weltumspannenden Problematik würde dieses international abgestimmte Maßnahmen voraussetzen, die viel Geld kosten und vor allem Verzicht: Den der Reichen auf den bereits erworbenen Wohlstand, den der Armen auf den zu erwerbenden. Dass solche Konsensmaßnahmen auf freiwilliger Basis erreichbar sind, noch dazu schnell, ist vor allem Wunschdenken. Internationale Abkommen sind (abgesehen davon, dass ihre Einhaltung nicht erzwingbar ist) immer nur dann zustande gekommen, wenn jeder Beteiligte sich zumindest einreden konnte, dass er davon einen Vorteil hat, oder wenn bei Konfliktregelungen die Sieger den Besiegten Regeln und Verhaltensweisen auferlegen konnten. Theoretisch wäre es möglich, dass die Einsicht in die langfristigen Vorteile geeigneter Maßnahmen für alle ein gemeinsames Handeln möglich macht. Praktisch sind wir aber von der Einsicht darin offensichtlich noch weit entfernt.

Bliebe also nur Zynismus und/oder Verzweiflung, beides ggf. abgemildert durch Flucht ins entweder Metaphysische oder rein materielle Vergnügen. Auf ein besseres Leben im Jenseits zu vertrauen oder sich den maximalen Spaß im Diesseits zu holen sind Optionen, die man heute schon bei einem Teil der Bevölkerung beobachten kann, die letztlich aber auch kontraproduktiv sind.

Rettungskatstrophe

Das Einzige, was dann noch bleibt, ist die Hoffnung auf eine Rettungskatastrophe: Nämlich dass etwas so Dramatisches geschieht, dass die Menschheit innehält und umkehrt bzw. sich so verhält, wie es in ihrem objektiven Interesse wäre.

Denn was soll die Menschen aus ihrer derzeitigen ratlosen und/oder selbstzufriedenen Lethargie und Tatenlosigkeit retten außer einer Katastrophe? Da wir heute schon ständig von Katastrophennachrichten und sonstigen Skandalmeldungen geflutet werden, müsste es allerdings eine sein, die möglichst viele Menschen real betrifft, die nicht irgendwo in der Ferne geschieht und die nicht zu lange auf sich warten lässt, damit es auch noch etwas zu retten gibt.

Die Logik der Rettungskatastrophe entspricht dem berühmten Froschexperiment: Wenn ein Frosch in einem Wasserbehälter sitzt, dessen Wasser langsam aufgeheizt wird, dann merkt er zu spät, dass ihm das nicht guttut und er wird darin verenden. Wenn man hingegen versucht, den Frosch in heißes Wasser zu setzen, wird er sofort rausspringen und sich retten. Mit anderen Worten: Die Menschheit braucht einen Aufrüttler, der einen Bruch der kontinuierlichen Entwicklung darstellt, und der sie zwingt, fast reflexhaft Schutzmaßnahmen zu ergreifen.

Es ist theoretisch möglich, dass ein solcher „Unfall“ in naher Zukunft geschieht. Wahrscheinlicher ist aber, dass wir uns weiter in kleinen Schritten dem Abgrund nähern und die hiervor beschriebenen Verhaltensweisen weiter vorherrschen bis alle der Meinung sind, dass ohnehin nichts mehr zu retten ist.

Wer unter diesen Umständen nicht auf einen „göttlichen Eingriff aus Mitleid mit dem Menschengeschlecht“ warten möchte, dem wird die Alternative verlockend erscheinen, der Katastrophe etwas nachzuhelfen, mit dem Ziel, noch rettende Maßnahmen treffen zu können.

Unsinnig ist diese Denkweise nicht, denn Menschen lernen aus Fehlern und Problemen. Dass wir z. B. in Europa schon so lange in einer Friedensperiode leben, hat sicher damit zu tun, dass die Katastrophen der beiden Weltkriege stark genug waren, das alte Kriegsdenken zu überwinden. Ähnlich könnte eine Umweltkatastrophe, die auch als solche unmittelbar von allen wahrgenommen wird, sich positiv auf die Bereitschaft auswirkt, den Globus überlebensfähig zu erhalten.

Zwar haben wir schon Katastrophenunfälle gehabt, aber diese waren noch zu lokal begrenzt. Und viele Umweltentwicklungen sind zwar als katastrophal zu bezeichnen, werden aber angesichts ihres schleichenden Charakters (und der dosierten Wahrnehmung über die Medien) nicht als solche wahrgenommen. Wir brauchen also etwas, das uns effektiv betrifft und aufrüttelt.

Eine zu lange Phase des Wachstums, Wohlstands und Friedens hat uns faul und bequem, aber auch stressempfindlich und kraftlos gemacht. Ebenso wie das Immunsystem des Körpers „trainiert“ werden muss, um gut zu funktionieren, benötigt die Gesellschaft ausreichend gravierende Katastrophen, um seine Bewältigungskraft zu üben und das Überleben zu sichern. Auch in diesem Sinne kann man argumentieren, dass solche Katastrophen sinnvoll sind und dass es möglicherweise nicht gut war, dass wir so lange keine Katastrophe in den entwickelten Ländern erlebt haben.

Ist das menschenverachtend?

Man könnte der Idee der Rettungskatastrophe, vor allem der von Menschenhand hervorgerufenen, entgegenhalten, dass diese natur- und menschenverachtend wäre und dass es ethisch grundsätzlich nicht vertretbar ist, Schäden absichtlich zu verursachen, zumal nicht sicher ist, dass die so generierte Rettungskatstrophe tatsächlich dazu führen würde, die Dinge zum Besseren zu wenden.

Dem kann man Folgendes entgegnen:

  • Wenn eine kleine Katastrophe dazu beiträgt, eine große zu verhindern, dann ist das unterm Strich vorteilhaft und vertretbar. Kurzfristig betrachtet kommen Menschen zu Schaden, langfristig betrachtet sichert es der Menschheit aber das Überleben. Das Gegenargument, dass die Rettungskatastrophe real sein wird, die Endkatastrophe aber allenfalls wahrscheinlich, stimmt so nicht: Auch die Endkatastrophe ist sicher, nur derzeit bzgl. Ausmaß und Zeitpunkt nicht genau kalkulierbar.
  • Es wird in der Tat vermutlich so sein, dass manche Menschen unter dieser Katastrophe leiden, sie ggf. nicht überleben, andere aber davon profitieren. Aber das ist nur dann ein Problem, wenn wir weiterhin die einzelnen Menschen als das wichtigste Gut auf Erden betrachten. Diese Betrachtungsweise ist aber überholt: Es wird in Zukunft nicht mehr um den Einzelnen gehen, sondern um das Kollektiv der Menschheit.
  • So wie die Menschheit derzeit lebt, verhält sie sich wie eine diktatorische Spezies, die allen Reichtum der Erde für sich in Anspruch nimmt. Das ist anmaßend und der Kern des Problems. Deshalb muss die Lösung auch darin bestehen, dies zu überwinden. Es gibt keinen Grund, warum nur andere Lebewesen unter uns leiden, und nicht auch unsere eigene Spezies. Es wird daher in Zukunft darum gehen, den gesamten Globus bzw. die gesamte Schöpfung zu bewahren. Und die Menschheit als wesentlicher Verursacher der Probleme muss dann auch den wesentlichen Preis dafür zahlen. Im Übrigen ist der Mensch Teil des Ökosystems bzw. Teil der lebenden Welt. Wenn er weiterhin so tut, als ginge es nur um ihn, wird er sein Überleben gefährden, weil er in einer rein künstlichen Umwelt nicht überleben wird (zumindest nicht als die Spezies, die er derzeit ist).
  • Ob die Rettungskatastrophe tatsächlich etwas Positives bewirken würde, kann natürlich niemand vorhersehen. Insofern stellt sie eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung dar. Sie ist vergleichbar mit einer Notoperation, welche selber tödlich enden kann, aber die einzige Möglichkeit darstellt, einem Schwerverletzten zu helfen, wenn man ihn nicht seinem Schicksal überlassen will. Den Versuch ist es wert. Im Übrigen zeigt die Erfahrung, dass die Menschen Ungeahntes erreichen können, wenn sie ihre Kräfte bündeln und gezielt einsetzen.

Welche Katastrophe?

Bliebe noch die Konkretisierung, um welche Art Katastrophe es sich handeln könnte bzw. sollte. Dazu fehlt mir das fachliche Know-how, aber formal betrachtet sollten folgende Leitideen gelten:

  • Am ehesten verzichten kann man auf das, was ohnehin im Überfluss vorhanden ist: nämlich Menschen.
  • Die Katastrophe sollte aber ausreichend lebenswerte Umwelt erhalten, um der Spezies Mensch eine (letzte) Chance zu geben.
  • Je mehr natürliche und kulturelle Vielfalt übrig bleibt, um so besser.

Es mag sein, dass dem Einen oder Anderen das zu zynisch ist, insbesondere wenn man die Option in Betracht zieht, dass Menschen etwas nachhelfen könnten. Aber ist es nicht mindestens genau so zynisch, die Menschheit einfach weiter machen zu lassen und die Schöpfung, die ja eindeutig nicht sein Werk ist, zerstören zu lassen?

Wer handelt, übernimmt Verantwortung. Wer nicht handelt aber auch, selbst wenn wir uns gerne das Gegenteil einreden und die Übermacht des Faktischen als Ausrede für alternativloses Nichthandeln anführen.

Das einzig mögliche Gegenargument wäre, dass die wirkliche Rettungskatastrophe genau jene ist, auf die wir bereits zusteuern, und dass wir deshalb keiner anderen bedürfen. Nur dass eben danach die Erde eine andere ist und das Leben, wie wir es derzeit kennen, ein anderes sein wird. Da die Erde, zumindest wenn man die lebensspendende Kraft der Sonne berücksichtigt, noch ca. 1 Milliarde Jahre vor sich hat, würde diese Langfristperspektive sehr wahrscheinlich ohnehin irgendwann Realität werden. Nur fehlt uns kleinen Menschenhirnen die Einbildungskraft, diesen Entwicklungsschritt auch nur vorauszuahnen. Deshalb bleibe ich lieber bei der hiervor beschriebenen Option.

Nachtrag: Zur Ergänzung s. auch Verzichtsverzicht