Wahrheit als Erfindung eines Lügners?

Zu H. von Foerster, B. Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, Heidelberg 1998 (hier 9. Aufl. 2011)

1. Heinz von Foerster, österreichischer Physiker und Kybernetiker (1911-2002) war auch ein radikalkonstruktivistischer Philosoph. Für ihn existiert die Welt da draußen also nicht an sich, sondern nur als Resultat unserer Vorstellungen (S. 16 ff.).

Sein gedanklicher Fehler besteht jedoch darin, dass er die subjektive Perspektive verallgemeinert: Die Tatsache, dass alle Menschen jeweils ihre individuelle Realität konstruieren, bedeutet noch lange nicht, dass es eine solche objektiv nicht gibt.

Selbst wenn jeder Mensch ein Ding anders sieht, spürt oder bewertet, ist es doch immer dasselbe Ding. Nicht das Ding ist relativ, sondern wir sind es. Von Foerster behauptet, wir begehen einen Denkfehler, wenn wir sagen: „Das Ding ist da, also nehme ich es wahr.“ Ich sage, er macht einen Denkfehler, wenn er sagt: „Ich nehme etwas wahr, also ist es da.“ Selbst wenn die Menschen eine Realität nicht erkennen können, oder nicht in objektiver Weise, existiert sie. Die Realität ist eben nicht das Ergebnis unserer Erkenntnis. Sie wäre auch da, wenn es uns nicht gäbe.

2. Noch gravierender sind folgende Äußerungen von Foersters, die sich auf die Wahrheit beziehen:

„Mein Ziel ist es vielmehr, den Begriff der Wahrheit selbst zum Verschwinden zu bringen, weil sich seine Verwendung auf eine entsetzliche Weise auswirkt. Er erzeugt die Lüge, er trennt die Menschen in jene, die Recht haben, und jene, die – so heißt es – im Unrecht sind. Wahrheit ist, so habe ich einmal gesagt, die Erfindung eines Lügners. … Damit ist gemeint, dass sich Wahrheit und Lüge gegenseitig bedingen: Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zum Lügner.“ (S. 29)

„Meine Auffassung ist in der Tat, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet – man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition – Krieg. Man muss daran erinnern, wieviele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.“ (S. 30)

„In dem Moment, in dem man von Wahrheit spricht, entsteht ein Politikum, und es kommt der Versuch ins Spiel, andere Auffassungen zu dominieren und andere Menschen zu beherrschen. Wenn der Begriff der Wahrheit gar nicht mehr vorkäme, könnten wir vermutlich alle friedlich miteinander leben.“ (S. 32)

„Absolute Wahrheit bzw. Wahrheitssuche sollte durch Vertrauen ersetzt werden. Indem man dem anderen vertraut, ihm glaubt, entsteht eine vollkommen andere Relation.“ (S. 34)

Diesen Auffassungen muss man kategorisch widersprechen, und zwar aus den folgenden Gründen: Weiterlesen

Alles sofort?

Manchmal hilft es, Texte aufzuheben und ein paar Monate später noch einmal zu begutachten. Dann kommt es sogar vor, dass Dinge, die man verbal widerlegen wollte, schon von den Fakten „erledigt“ werden, im vorliegenden Fall von der Corona-Pandemie und dem Umgang damit.
So z. B. der Beitrag von Armin Nassehi: Alles sofort? Das geht nicht (ZEIT 24.10.2019, S. 54).
Dort schreibt er zur Klimapolitik insbesondere Folgendes (Anmerkungen nachstehend): Weiterlesen

Freiheitspendel

Eines der interessanten Rätsel der Gegenwart lautet: Warum sind die Menschen in entwickelten Gesellschaften, die noch nie eine größere Freiheit besessen haben als heute, offenbar bereit, zumindest auf Teile dieser Freiheit zugunsten von mehr Ordnung, Sicherheit, Einheitlichkeit, kultureller Abgrenzung und dergleichen zu verzichten?

Die nächstliegende Antwort lautet: Weil ihnen die Freiheit offenbar nicht (mehr) so wichtig ist und die Prioritäten sich verlagern. Aber warum ist das so? Weiterlesen

Zwiedenken

„Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, dass sie einander widersprachen und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm; zu glauben, Demokratie sei unmöglich, die Partei jedoch die Hüterin der Demokratie; zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren gegenüber um das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheit vorzuschieben, und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewusst zu werden.“
George Orwell, 1984 (hier zitiert an der Ullstein TB-Ausgabe 1978, S. 34-35)

Das Zwiedenken ist zwar (noch) nicht eine einseitig auferlegte Denkweise des Großen Bruders, findet sich aber in erschreckender Weise im öffentlichen Diskurs wieder. Ob das heute gravierender ist als vor einigen Jahrzehnten, wäre aber noch zu beweisen.

Logikfalle?

Jan Schweitzer hat in der ZEIT (24.10.2019, S. 33) in seinem nimmermüden Feldzug gegen Impfgegner, Homöopathiegläubige und sonstige Naturheilkundeanhänger zur Abwechslung nicht nur die Dummheit und uneinsichtige Sturheit dieser Schulmedizinverächter angeprangert, sondern versucht es jetzt einmal mit den Argumenten der gedanklichen Inkonsequenz und fehlenden Logik.

Sein simples Argument (mit einigen überflüssigen Zutaten aufgepeppt): Wenn der Feind (in diesem Fall müssen die Grünen dafür herhalten) beim Klimawandel (zurecht) die eigene Position auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützt, dann könne er unmöglich gleichzeitig Anhänger der Homöopathie sein, da die Naturwissenschaft wiederholt deren Wirkungslosigkeit nachgewiesen habe. Wer so inkonsequent sei, der tappe in eine (inakzeptable) Logikfalle und müsse sich endlich der Naturwissenschaft und Schulmedizin beugen.

Es kann hier nicht dazu Stellung bezogen werden, ob Homöopathie Scharlatanerie ist oder nicht, aber wohl muss festgestellt werden, dass der Autor als offensichtlich blinder Anhänger der Naturwissenschaft und Schulmedizin weitaus größere gedankliche Defizite aufweist als die Grünen.

Seine wesentlichen persönlichen Logikfallen sind die folgenden: Weiterlesen

Angstkollektiv

Die Warnrufe der Umwelt- und Klimaschützer, der Wirtschafts- und Sozialweisen, der Wissenschaftler und Philosophen usw. werden lauter und dringender. Aber die große Mehrheit der Bevölkerung (es soll hier nur die Rede sein von Ländern, in denen entsprechende Informationen überhaupt zugänglich sind bzw. verbreitet werden) verhält sich trotzdem weitgehend irrational und ist offenbar nicht bereit bzw. dazu in der Lage, geeignete Rettungsmaßnahmen zu treffen.

Die Gründe für diese Negierung und Passivität sind sicherlich vielfältig. Mein persönlicher Erklärungsansatz leitet sich aus der Idee bzw. Überzeugung ab, dass die Menschen (zumindest unbewusst) Angst haben, dass zudem Menschenkollektive sich analog zum Einzelmenschen verhalten (Sozial- und Individualverhalten spiegeln sich), und dass daher Angst als prägendes Element menschlichen Verhaltens auch eine brauchbare Erklärung für unser kollektives Verhalten im Zusammenhang mit dem Klimadrama darstellen kann.

In der Tat führt Angst beim Menschen typischerweise zu i. W. fünf möglichen Verhaltensweisen, die man auch auf kollektiver Ebene als Erklärungsansatz wiederfinden kann. Weiterlesen

Menschheitssinn und Menschendemut

Wir Menschen – zumindest in den westlichen Zivilisationen – betrachten uns mit größter Selbstverständlichkeit als etwas Spezielles, ja sogar Einzigartiges, sowohl auf unserem Planeten als auch im uns bekannten Universum. Und ebenso selbstredend verbinden wir mit diesem Sonderstatus eine positive Bedeutung.

Dabei haben die Wissenschaften uns ausreichend Erkenntnisse beschert, die uns nicht nur wesentlich bescheidener auftreten, sondern demütiger mit dem Sinn unseres Daseins beschäftigen lassen sollten.

Die Astronomie z. B. hat dem Menschen als erste eine Reihe von Demütigungen beschert: Zuerst verschob sie die Erde aus dem Zentrum der Welt auf eine Bahn um die Sonne. Dann verzwergte sie die Sonne zu einem unbedeutenden Stern am Rande einer mittelgroßen Galaxie. Diese wiederum positionierten Astronomen bald in ein Universum, in dem es vor Galaxien so wimmelt. Von der Menschheit bleibt da allenfalls Nanostaub.

Die Genetik (inkl. Paläogenetik) machte dasselbe im Kleinen mit der Rolle der Menschen auf diesem Globus: Es ist gar nicht so lange her, dass wir uns vom Tier zum homo sapiens entwickelt haben, sodass auch heute noch 99% unseres Erbguts mit dem der Mäuse übereinstimmt.

Gesellschafts- und Verhaltenswissenschaften haben uns gezeigt, wie unbewusst, irrational, aggressiv, verantwortungslos usw. unser individuelles und kollektives Verhalten ist. Naturwissenschaft und Technik haben uns eine unvergleichliche Macht über das Naturgegebene verschafft, aber es wird immer deutlicher, dass die Auswirkungen unserer Erfindungen zunehmend unbeherrschbar werden, insbesondere weil wir von der Komplexität des Geschaffenen überfordert sind, da die Realität – auch die von Menschen geschaffene – sich schneller entwickelt als die menschlichen Fähigkeiten zum Umgang mit dieser.

Und nicht zuletzt sind die mentalen Modelle, nach denen wir unser Zusammenleben gestalten, und die Instrumente, derer wir uns dabei bedienen, zu einseitig und simpel, um ein friedvolles und geordnetes Miteinander zu schaffen, das auch die Lebensgrundlagen nicht nur der Menschen, sondern auch der gesamten Natur, nachhaltig sichern würde. Weiterlesen

Verzichtsverzicht

Derzeit wird viel darüber nachgedacht, wie man die Menschheit daran hindern könnte, sich und den Planeten Erde zu ruinieren. Ich habe dazu das Modell der Rettungskatastrophe  skizziert, das mir noch ehesten in der Lage erscheint, die Menschen zur Umkehr zu bewegen.

Zur Vertiefung möchte ich noch einmal auf die Alternativen „freiwilliger Verzicht“ und dessen Gegenpart „Zwangsregulierung“ eingehen, die beide unbeliebt sein mögen, wohl aber mehr Akzeptanz erfahren dürften als ein Katastrophenszenario. Weiterlesen

Lob des Wissensverzichts

Eine der Grundlagen des westlichen – europäisch geprägten – Wissenschafts-verständnisses ist, dass mehr Wissen besser ist als weniger. Das erscheint selbstverständlich vor dem Hintergrund des Bemühens der Menschheit, ihre Lebensbedingungen stetig zu verbessern, was sie dann auch durch Umsetzung des Wissens in konkrete Maßnahmen getan hat und weiterhin tut.

Die Menschheit hat es also weitestgehend geschafft, sich durch das zunehmende Wissen die „Erde untertan“ zu machen. Dabei ist sie zweifellos in vielen Bereichen zu weit gegangen, aber angesichts der vorherrschenden Grundhaltung verwundert es nicht, dass wiederum das weitere Forschen der Hoffnungsträger dafür ist, Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme zu finden. Angesichts der bisherigen Erfahrungen muss man nüchtern betrachtet aber befürchten, dass – wenn überhaupt noch etwas bewirkt werden kann, was wir im Übrigen nicht mit Sicherheit „wissen“ – durch zusätzliches Wissen nur alte Probleme durch neue ersetzt werden.

Ein kreativerer Ansatz bestünde darin, einmal innezuhalten und zu fragen, ob nicht weniger Wissen besser wäre, dafür aber relevantes und beherrschbares Wissen, das allen zugänglich ist, und das uns vor allem von der Wahnvorstellung befreit, wir könnten und müssten all unser Wissen auch immer konkret zur weiteren Optimierung von allem Denkbaren einsetzen.

Weniger Wissen würde uns die Grenzen unserer Gestaltungsmacht bewusst machen und vorsichtiger entscheiden lassen. Und durch den Verzicht auf das fast zwanghafte wissensbasierte Optimieren würden wir letztlich auch eine humanere Welt erschaffen.

Das möchte ich anhand von zwei Beispielen verdeutlichen. Diese sind zwar nicht aus dem Bereich der Natur-, sondern der Humanwissenschaften, aber gerade hier ist besonders offenkundig, wie fatal es ist, dass auch sie das naturwissenschaftliche Paradigma des Mehrwissens verbunden mit dem Optimierungszwang verinnerlicht haben. Weiterlesen

Rettungskatastrophe

Gemessen an dem Tempo, mit dem die Menschheit derzeit die Erde zugrunde richtet, sind unsere Einsichtsbereitschaft und -fähigkeit zu gering, Diskussions- und Entscheidungsprozesse zu langsam und getroffenen Maßnahmen zu beschränkt und halbherzig, und damit im Ergebnis die „Erfolge“ zu vernachlässigen. Und die Betrachtung wird auch nicht optimistischer, wenn man nicht überwiegend restrospektiv orientierte globale Durchschnittswerte zugrunde legt, sondern das Momentum der Veränderung, den Drive und die Begeisterung, in Zukunft wirksamer zu agieren, als Hoffnungswerte berücksichtigt.

Was also tun?

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