Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie lernfähig sind und dadurch wissend werden. Als homines sapientes bezeichnen sie demnach auch ihre eigene biologische Art, und in aller Regel steigt mit dem Wissen auch das Ansehen (und im Schnitt das Einkommen). Was sie aber mit ihrem Wissen „anzufangen wissen“, oder vielmehr: was sie damit „anfangen können“, das steht auf einem anderen Blatt.
Manche können ganz gut davon leben, ihr Wissen zu vermarkten: Lehrende jeglicher couleur, Wissenschaftler, Experten, und unter eleganter Beimischung von Meinungen auch Philosophen und Journalisten sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler. Die meisten wenden es auch als Basis für ihr Berufsleben an, vom Handwerker bis zur Ärztin, von der Reinigungskraft bis zum Ingenieur. Aber werden sie dadurch zu Könnern ihres Fachs?
Schon bei Handwerkern ist klar, dass Wissen zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Könnerschaft ist. Handwerkliche Geschicklichkeit und manchmal Kreativität müssen dazukommen. Bei höherwertigen Berufen ist das teilweise ähnlich, wenn man das Beispiel von Chirurgen, Zahnärzten oder Musikern nimmt.
Aber je „verkopfter“ ein Beruf ist, desto mehr neigen wir dazu, aus der Kennerschaft alleine schon die Könnerschaft abzuleiten: Juristen, viele ärztliche Fachrichtungen, oder Berater jeglicher Fachrichtungen sind in aller Regel kundige Kenner, aber keine klugen Könner. Sie glänzen als Fachspezialisten, können Schlaues dahersagen, aber wenn es darum geht, komplexere Zusammenhänge zu deuten und verstehen, und erst recht zu handhaben (oder managen), sieht man erst, mit wie wenig Wasser sie kochen (was aber umso einfacher Dampf erzeugt …).
Warum das relevant ist?
Zum einen weil wir heutzutage wesentlich stärker auf Könner angewiesen sind, als dies vor 50 Jahren der Fall war. Es gibt zwar heute viel mehr Kenner als früher, aber angesichts der Uferlosigkeit des Wissens sind alle Kenner zu Spezialisten geworden, deren Könnertum daher zwangsläufig ebenfalls zunehmend reduziert ist, und das ist angesichts einer hyperkomplexen Realität suboptimal bis katastrophal.
Zum anderen weil unser Bildungssystem leider in erster Linie Kenner produziert, keine Könner. Diplomiert und ggf. sogar staatsexaminiert, aber letztlich nicht in der Lage mehr zu leisten, als im beruflichen Kontext Wissen zu reproduzieren auf jene Standardfälle, die sich freundlicherweise in die Theorie des Erlernten einpassen. Wenn Sachverhalte, Probleme oder Aufgaben aber darüber hinausgehen, sind Kenner überfordert, nicht zuständig oder manchmal auch so dreist, Könnerschaft zu simulieren. Nur kommt dabei nichts Brauchbares heraus.
Die Menschheit müsste also einen evolutorischen Schritt hin zu mehr Könnerschaft machen. Aber was wären wir denn als homines potentes?
Insbesondere würden wir
- Wissensrelevanz erkennen statt Bildungswissen aufhäufen,
- holistisch denken statt analytisch,
- die Folgen für alle (und nicht nur die Menschen) bedenken statt den Glanz der eigenen Tat herauszustellen,
- problemlösungsorientiert statt lösungstheoriemodellabhängig arbeiten,
- an Qualität interessiert sein statt von Quantität gesteuert,
- nach relativem Fortschritt streben statt nach absoluter Maximierung,
- die eigenen Grenzen erkennen und sie vorsichtig ausloten statt vom Allwissenheitsanspruch beseelt schnelle Fakten zu schaffen,
- kooperationsfähig sein statt eigenerfolgssüchtig,
- usw.
Es geht dabei nicht um ein Zurückfahren der Akademisierung, sondern um ein anderes Verständnis der Hochschulbildung, das sich z. T. an Fachhochschulen wiederfindet, von diesen aber bildungspolitisch und strategisch zu wenig genutzt wird.
Dass das Bildungssystem sich selbst reformieren könnte, ist derzeit allerdings wohl Wunschdenken. Dazu wird es zu sehr von Kennern dominiert. Aber wenn irgendwann die defizitären Kenner-Realitäten selbst dem Kurzsichtigsten ins Auge springen, könnte eine Art spontane Evolution Veränderungen zugunsten von mehr Könnerschaft zuwege bringen.