homo prudens

Es wird Zeit, dass wir uns von der Ära des homo sapiens verabschieden und die nächste Stufe erklimmen, die des homo prudens.

Denn die Menschheit erstickt an verfügbarem Wissen, aber sie ist nicht bzw. nicht schnell genug in der Lage, dieses Wissen auch in problemvermeidende und -lösende Maßnahmen umzusetzen. Zudem sinkt der durchschnittliche IQ der Menschen, und KI macht auf bloßem Wissen basierte Bildung für Menschen obsolet.

Wenn wir daher als Menschheit überleben wollen, und wenn wir uns als Einzelne im Berufs- und Privatleben unersetzlich machen und/oder zur Lösung gesellschaftlicher Probleme beitragen wollen, dann muss praktische Weisheit bzw. Klugheit unser Leitbild werden, d. h. die Fähigkeit, unter Nutzung aller verfügbarer Informationen für jede Aufgabe ein geeignetes Vorgehen zu finden, zukunftstaugliche Entscheidungen unter Komplexitätsbedingungen zu treffen und diese „Schlauheit“ nicht zu Lasten anderer einzusetzen, sondern in einem kooperativen Verhalten mit dem Ziel des bestmöglichen Ergebnisses für alle.

Dies erfordert eine tiefgreifende Änderung der Bildungssysteme auf allen Stufen, und zwar schnellstmöglich. Wissen wird dabei natürlich nicht überflüssig, aber alle Kompetenzen im Umgang hiermit werden Kern der Ausbildung, nicht der Erwerb des Wissens selbst.

Kenner und Könner

Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie lernfähig sind und dadurch wissend werden. Als homines sapientes bezeichnen sie demnach auch ihre eigene biologische Art, und in aller Regel steigt mit dem Wissen auch das Ansehen (und im Schnitt das Einkommen). Was sie aber mit ihrem Wissen „anzufangen wissen“, oder vielmehr: was sie damit „anfangen können“, das steht auf einem anderen Blatt.

Manche können ganz gut davon leben, ihr Wissen zu vermarkten: Lehrende jeglicher couleur, Wissenschaftler, Experten, und unter eleganter Beimischung von Meinungen auch Philosophen und Journalisten sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler. Die meisten wenden es auch als Basis für ihr Berufsleben an, vom Handwerker bis zur Ärztin, von der Reinigungskraft bis zum Ingenieur. Aber werden sie dadurch zu Könnern ihres Fachs?

Schon bei Handwerkern ist klar, dass Wissen zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Könnerschaft ist. Handwerkliche Geschicklichkeit und manchmal Kreativität müssen dazukommen. Bei höherwertigen Berufen ist das teilweise ähnlich, wenn man das Beispiel von Chirurgen, Zahnärzten oder Musikern nimmt.

Aber je „verkopfter“ ein Beruf ist, desto mehr neigen wir dazu, aus der Kennerschaft alleine schon die Könnerschaft abzuleiten: Juristen, viele ärztliche Fachrichtungen, oder Berater jeglicher Fachrichtungen sind in aller Regel kundige Kenner, aber keine klugen Könner. Sie glänzen als Fachspezialisten, können Schlaues dahersagen, aber wenn es darum geht, komplexere Zusammenhänge zu deuten und verstehen, und erst recht zu handhaben (oder managen), sieht man erst, mit wie wenig Wasser sie kochen (was aber umso einfacher Dampf erzeugt …).

Warum das relevant ist?

Zum einen weil wir heutzutage wesentlich stärker auf Könner angewiesen sind, als dies vor 50 Jahren der Fall war. Es gibt zwar heute viel mehr Kenner als früher, aber angesichts der Uferlosigkeit des Wissens sind alle Kenner zu Spezialisten geworden, deren Könnertum daher zwangsläufig ebenfalls zunehmend reduziert ist, und das ist angesichts einer hyperkomplexen Realität suboptimal bis katastrophal.

Zum anderen weil unser Bildungssystem leider in erster Linie Kenner produziert, keine Könner. Diplomiert und ggf. sogar staatsexaminiert, aber letztlich nicht in der Lage mehr zu leisten, als im beruflichen Kontext Wissen zu reproduzieren auf jene Standardfälle, die sich freundlicherweise in die Theorie des Erlernten einpassen. Wenn Sachverhalte, Probleme oder Aufgaben aber darüber hinausgehen, sind Kenner überfordert, nicht zuständig oder manchmal auch so dreist, Könnerschaft zu simulieren. Nur kommt dabei nichts Brauchbares heraus.

Die Menschheit müsste also einen evolutorischen Schritt hin zu mehr Könnerschaft machen. Aber was wären wir denn als homines potentes?

Insbesondere würden wir

  • Wissensrelevanz erkennen statt Bildungswissen aufhäufen,
  • holistisch denken statt analytisch,
  • die Folgen für alle (und nicht nur die Menschen) bedenken statt den Glanz der eigenen Tat herauszustellen,
  • problemlösungsorientiert statt lösungstheoriemodellabhängig arbeiten,
  • an Qualität interessiert sein statt von Quantität gesteuert,
  • nach relativem Fortschritt streben statt nach absoluter Maximierung,
  • die eigenen Grenzen erkennen und sie vorsichtig ausloten statt vom Allwissenheitsanspruch beseelt schnelle Fakten zu schaffen,
  • kooperationsfähig sein statt eigenerfolgssüchtig,
  • usw.

Es geht dabei nicht um ein Zurückfahren der Akademisierung, sondern um ein anderes Verständnis der Hochschulbildung, das sich z. T. an Fachhochschulen wiederfindet, von diesen aber bildungspolitisch und strategisch zu wenig genutzt wird.

Dass das Bildungssystem sich selbst reformieren könnte, ist derzeit allerdings wohl Wunschdenken. Dazu wird es zu sehr von Kennern dominiert. Aber wenn irgendwann die defizitären Kenner-Realitäten selbst dem Kurzsichtigsten ins Auge springen, könnte eine Art spontane Evolution Veränderungen zugunsten von mehr Könnerschaft zuwege bringen.

Lob des Wissensverzichts

Eine der Grundlagen des westlichen – europäisch geprägten – Wissenschafts-verständnisses ist, dass mehr Wissen besser ist als weniger. Das erscheint selbstverständlich vor dem Hintergrund des Bemühens der Menschheit, ihre Lebensbedingungen stetig zu verbessern, was sie dann auch durch Umsetzung des Wissens in konkrete Maßnahmen getan hat und weiterhin tut.

Die Menschheit hat es also weitestgehend geschafft, sich durch das zunehmende Wissen die „Erde untertan“ zu machen. Dabei ist sie zweifellos in vielen Bereichen zu weit gegangen, aber angesichts der vorherrschenden Grundhaltung verwundert es nicht, dass wiederum das weitere Forschen der Hoffnungsträger dafür ist, Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme zu finden. Angesichts der bisherigen Erfahrungen muss man nüchtern betrachtet aber befürchten, dass – wenn überhaupt noch etwas bewirkt werden kann, was wir im Übrigen nicht mit Sicherheit „wissen“ – durch zusätzliches Wissen nur alte Probleme durch neue ersetzt werden.

Ein kreativerer Ansatz bestünde darin, einmal innezuhalten und zu fragen, ob nicht weniger Wissen besser wäre, dafür aber relevantes und beherrschbares Wissen, das allen zugänglich ist, und das uns vor allem von der Wahnvorstellung befreit, wir könnten und müssten all unser Wissen auch immer konkret zur weiteren Optimierung von allem Denkbaren einsetzen.

Weniger Wissen würde uns die Grenzen unserer Gestaltungsmacht bewusst machen und vorsichtiger entscheiden lassen. Und durch den Verzicht auf das fast zwanghafte wissensbasierte Optimieren würden wir letztlich auch eine humanere Welt erschaffen.

Das möchte ich anhand von zwei Beispielen verdeutlichen. Diese sind zwar nicht aus dem Bereich der Natur-, sondern der Humanwissenschaften, aber gerade hier ist besonders offenkundig, wie fatal es ist, dass auch sie das naturwissenschaftliche Paradigma des Mehrwissens verbunden mit dem Optimierungszwang verinnerlicht haben. Weiterlesen