Freiheitspendel

Eines der interessanten Rätsel der Gegenwart lautet: Warum sind die Menschen in entwickelten Gesellschaften, die noch nie eine größere Freiheit besessen haben als heute, offenbar bereit, zumindest auf Teile dieser Freiheit zugunsten von mehr Ordnung, Sicherheit, Einheitlichkeit, kultureller Abgrenzung und dergleichen zu verzichten?

Die nächstliegende Antwort lautet: Weil ihnen die Freiheit offenbar nicht (mehr) so wichtig ist und die Prioritäten sich verlagern. Aber warum ist das so?

Es liegt m. E. daran, dass die Einschätzung der besonderen Bedeutung der Freiheit aus einer Zeit stammt, als sie wesentlich beschränkter bzw. seltener war und damit einen größeren Wert besaß. Heute ist sie in Fülle, vielleicht sogar im Übermaß gegeben, und dadurch lässt ihre relative Wertschätzung nach und andere Werte gewinnen an Einfluss.

Wer diese etwas ökonomisch angehauchte Argumentation nicht mag, kann denselben Gedanken auch philosophischer formulieren: Nur wer Unfreiheit kennt, kann Freiheit wertschätzen und den Wesenskern der Freiheit verstehen (oder zumindest erahnen). Da aber kaum noch jemand echte Unfreiheit kennt, verkommt Freiheit zur Beliebigkeit, zur grenzenlosen Ego-Anmaßung und zur Überzeugung, dass Alles immer und überall verfügbar, möglich und erlaubt ist.

Oder literarischer formuliert:
Freiheit ohne Grenzen
ist eher eine eihei
und ohne Wesenskern
nur eine vage ei ei

Auf diese Weise degeneriert das Ideal der Freiheit zu einer leeren Floskel, der Sinn und Bedeutung abhanden gekommen ist. Diese Leere aber überfordert die Menschen, so dass sie wieder nach Halt und Autorität suchen, selbst um den Preis einer Freiheitseinschränkung, denn erst auf diese Weise können sie die Freiheit wieder wertschätzen.

Vielleicht ist das Ideal der Freiheit auch insofern überbewertet, als es einem gedanklichen Ideal entspringt, die Psyche der Menschen aber ab einem gewissen Grad überfordert. Diese könnte nämlich für ihr Wohlbefinden genauso auf Ordnung und Stabilität angewiesen sein wie auf Freiheit.

Führt man diesen Gedanken weiter, dann könnte in diesem Zusammenhang ein selbstgesteuerter Anpassungsprozess aktiv sein, der dazu beiträgt, das individuelle und gesellschaftliche Gesamtgefüge im Gleichgewicht von Freiheit/Unfreiheit zu halten. Wenn demnach das Pendel zu sehr in Richtung Freiheit ausschlägt, (was derzeit der Fall zu sein scheint), bewegt es sich irgendwann quasi zwangsläufig in die andere Richtung.

Wenn dies der Fall ist, kann man dem dann überhaupt gegensteuern, um zu vermeiden, dass das Pendel sich zu sehr in die freiheitseinschränkende Richtung zurückbewegt?

Das ist schwer zu beantworten, wäre aber auf jeden Fall den Versuch wert. Z. B. indem das vorgenannte „ei ei-Gefühl“ mit Sinn verbunden oder ergänzt wird, um wieder den Wert der Freiheit zu verspüren. Dazu wird aber ein Lebens- oder Gesellschaftsmodell benötigt, das andere Ziele zum Ausdruck bringt als nur maximal seine Freiheit auszuleben und die Freiheitsgrenzen auszutesten. Anderseits werden aber auch Beschimpfungen der Freiheitsgegner oder -skeptiker oder an sie gerichtete Appelle nicht reichen, um den erreichten Status quo zu retten.

Da die (einsichtsmäßig stets beschränkte) Masse sich gegen eine einsichtsstarke Minderheit immer durchsetzt, ist zu befürchten, dass das Pendel ziemlich weit in die andere Richtung ausschlagen wird, wenn keine besonderen exogenen Umstände auftreten, die ihm den Schwung nehmen.

PS: Das Bild des „Pendels“ ist im Übrigen zugegebenermaßen etwas einfach, man könnte ebenso gut an eine Sinuskurve denken oder an eine Spirale, die sogar dreidimensionale Bewegungen darstellen kann (wonach z. B. die Freiheit nicht nur ihre relative, sondern auch ihre absolute Bedeutung verändern könnte). Am Ergebnis würde das aber nichts ändern.