Eine der Grundlagen des westlichen – europäisch geprägten – Wissenschafts-verständnisses ist, dass mehr Wissen besser ist als weniger. Das erscheint selbstverständlich vor dem Hintergrund des Bemühens der Menschheit, ihre Lebensbedingungen stetig zu verbessern, was sie dann auch durch Umsetzung des Wissens in konkrete Maßnahmen getan hat und weiterhin tut.
Die Menschheit hat es also weitestgehend geschafft, sich durch das zunehmende Wissen die „Erde untertan“ zu machen. Dabei ist sie zweifellos in vielen Bereichen zu weit gegangen, aber angesichts der vorherrschenden Grundhaltung verwundert es nicht, dass wiederum das weitere Forschen der Hoffnungsträger dafür ist, Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme zu finden. Angesichts der bisherigen Erfahrungen muss man nüchtern betrachtet aber befürchten, dass – wenn überhaupt noch etwas bewirkt werden kann, was wir im Übrigen nicht mit Sicherheit „wissen“ – durch zusätzliches Wissen nur alte Probleme durch neue ersetzt werden.
Ein kreativerer Ansatz bestünde darin, einmal innezuhalten und zu fragen, ob nicht weniger Wissen besser wäre, dafür aber relevantes und beherrschbares Wissen, das allen zugänglich ist, und das uns vor allem von der Wahnvorstellung befreit, wir könnten und müssten all unser Wissen auch immer konkret zur weiteren Optimierung von allem Denkbaren einsetzen.
Weniger Wissen würde uns die Grenzen unserer Gestaltungsmacht bewusst machen und vorsichtiger entscheiden lassen. Und durch den Verzicht auf das fast zwanghafte wissensbasierte Optimieren würden wir letztlich auch eine humanere Welt erschaffen.
Das möchte ich anhand von zwei Beispielen verdeutlichen. Diese sind zwar nicht aus dem Bereich der Natur-, sondern der Humanwissenschaften, aber gerade hier ist besonders offenkundig, wie fatal es ist, dass auch sie das naturwissenschaftliche Paradigma des Mehrwissens verbunden mit dem Optimierungszwang verinnerlicht haben. Weiterlesen