In der Corona-Pandemie spielen Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Den einen ist das zu viel Wissenschaftlichkeit, den anderen zu wenig. Zu Letzteren zählen die meisten Wissenschaftler selbst. So hat sich eine Gruppe von sieben Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zu Wort gemeldet (ZEIT 18.2.2021, S. 33), die mit der bisherigen Strategie der „Politik“ und den darauf beruhenden Maßnahmen unzufrieden ist.
So weit, so gut. Nach der Lektüre ihres Textes fragt man sich aber, wo angesichts von Klugdünkel und Realitätsferne der Mehrwert liegt. Und vor allem, welchen Kollateralschaden die Sieben damit anrichten und wie man der Wissenschaft mehr Gehör verschaffen könnte.
Der Anspruch der Sieben ist eine Strategie einer lokalen, differenzierten Eindämmung der Pandemie auf konstant niedrigem Niveau durch einzelne differenzierte und zielgerichteten Maßnahmen, mit denen flexibel und bereichsspezifisch agiert werden soll.
Das ist lobenswert, aber abgesehen von der stärkeren Differenzierung als bislang weder originell noch neu. Vor allem aber rätselt man, wie das umgesetzt werden soll:
- Klares Kriterium für alle Maßnahmen sind ambitionierte konstant niedrige Inzidenzzahlen: Solange diese nicht erreicht sind, sind Einschränkungen erforderlich. Diese strikte Vorgabe soll aber die Freiheit nicht beschränken, sondern „für erreichbare Ziele motivieren und damit Freiheit gewinnen.“ Wie sollen Einschränkungen motivierend wirken? Für welche Ziele? Das wird nicht beantwortet, sondern soll sich offenbar aus dem Nachstehenden irgendwie ergeben.
- Es soll immer klar kommuniziert werden, welche Überlegungen und welche Evidenz Maßnahmen begründen. Eine produktive öffentliche Debatte sei wichtig, aber ohne Polarisierung: Dabei geben die Wissenschaftler allerdings selbst zu, dass niedrige Fallzahlen nur bei starkem gesellschaftlichem Konsens möglich sind. Dass dieser unter den gegebenen Umständen durch Einsicht erreicht werden soll, kann man zwar erhoffen, aber offenbar glauben die Sieben selbst nicht wirklich daran.
- Die Menschen sollen mit den benötigten Mitteln ausgestattet werden, um Hygienekonzepte und Regeln einhalten zu können: Was das ist, bleibt aber der Autoren Geheimnis. Vermutlich so etwas wie FFP2-Masken und Schnelltests. Das ist aber nicht neu, und rätselhaft bleibt, wer die Forderung denn in Zukunft erfüllen soll wenn es schon jetzt kaum funktioniert.
- Nicht viel besser ist es mit dem Wunsch an die Obrigkeit, sensibel auf Ungleichheiten zu reagieren und diese zu beseitigen, indem finanzielle, sozialarbeiterische und therapeutische Angebote bereitgestellt werden: Dieses Gleichheitsstreben mutet geradezu paradox an, wenn man bedenkt, dass doch gerade bereichsspezifisch differenziert werden soll. Soll es dann bedeuten, dass die Hilfen je nach spezifischem Lockdownlevel differenziert werden sollen? Wie soll denn abgestuft werden? Wer entscheidet darüber? Wer stellt die Ressourcen (Geld, Personal) zur Verfügung? So weit dringen die Vorschläge nicht durch.
Am meisten beeindrucken natürlich die angemahnten „durchdachten Stufenpläne, die transparent aufzeigen, welche Teile des öffentlichen Lebens in welcher Reihenfolge und auf Basis welcher Überlegungen geöffnet werden können.“ Wunderbare Planwirtschaft!
Aber der schönste Teil kommt noch: Erst wenn ein stabiles und sicheres Inzidenzniveau erreicht ist, kann zielgerichtet, intelligent (!) und regional abgestuft gelockert werden. Eigentlich besteht die wirkliche Herausforderung ja darin, trotz eines erhöhten Inzidenzniveaus Lockerungen zu realisieren, aber nun gut. Allerdings: Wenn dann doch etwas schiefläuft und der Inzidenzwert steigt, sind zeitnah wieder gravierende Lockdown-Maßnahmen nötig! Also nicht zu früh lockern, aber auch nicht zu viel einschränken, es ist alles sehr kompliziert. Daher wird gefordert: „Der Stufenplan braucht einen starken Mechanismus, der den Anstieg der Fallzahlen konsequent stoppt und umkehrt.“ Also vermutlich nicht zielgerichtet, intelligent und regional abgestuft – womit wir dann doch wieder da wären, wo die Politik doch jetzt auch schon ist, oder? Aber immerhin sollen die Menschen bestens informiert in den Lockdown gehen und daher die Maßnahmen mitttragen. Gehört das auch zum starken Mechanismus?
Übrigens: Die Überschrift der Veröffentlichung lautet: „Eine Perspektive ohne Auf und Ab“. Dummerweise wird hier aber genau das Gegenteil beschworen. Der angeblich zu vermeidende Jojo-Effekt wird gar zum Grundstein der Strategie und seines straken Mechanismus. Um diesen Widerspruch zu vertuschen bleibt nur noch eins: „Es braucht einen Zugang, der die Gesellschaft als lernendes System versteht. In der Entwicklung von Maßnahmen sollte jeder einzelne Schritt klar begründet und kommuniziert, evaluiert und dann gegebenenfalls nachjustiert werden.“
Wer ein Verständnis der Menschen besitzt, bei dem diese als informiert-einsichtige und jedenfalls fügsame Manipulationsmasse betrachtet werden, wird von solchen Ideen begeistert sein. Aber die Menschen verstehen sich nun mal leider nicht als Teil eines Mechanismus. Sie haben Wünsche und Bedürfnisse und wollen z. B. mobil sein. Wenn aber zur wissenschaftlich fundierten Differenzierung logischerweise die lokale Eingrenzung zählt (wie von den Sieben propagiert), wie soll diese dann erfolgen? Soll es Reisebeschränkungen geben? Wie soll das z. B. in Ballungsräumen umgesetzt werden? Keine Antwort.
Für die Umsetzung braucht man darüber hinaus auf jeden Fall Daten, Schnelltests, Impfungen usw., die aber, so geben die Strategen zu, leider alle nicht ausreichend vorhanden sind. Aber immerhin haben sie einen Trost parat: In den nächsten Monaten können wir es schaffen! Und bis dahin? Tja … Weiter ein- und ausgeschlossen auf Besserung hoffen, oder auf den starken Mechanismus.
Kein Wort über nicht planbare Mutationen, Pleitewellen, Schulpflicht usw. Immer dann, wenn es praktisch und schwierig wird, schweigt der Klugen Stimme. Das Ganze liest sich wie eine Bachelor-Erstsemester Wunschliste, fern jeglicher Realität. Die Wissenschaftler in ihrem Realitätsnirvana produzieren eine Fleißkärtchenarbeit, die mit viel Aufwand simple Ideen zu Papier bringen, von denen man nicht im Ansatz erwarten kann, dass sie Realität werden.
Nicht nur die normalen Menschen drehen also angesichts der Pandemiedauer durch, sondern offenbar auch die Experten. Sie liefern ein perfektes Beispiel dafür, dass Wissenschaftler gut darin sind, intelligent zu reden, aber nicht, brauchbar und klug (d. h. insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsachen) zu handeln. Wie sollen die Menschen da Vertrauen in Expertenmeinungen entwickeln? Letztlich diskreditieren die Autoren sich selbst und ihre Wissenschaft beim „Volk“.
Letztlich haben wir es hier mit einem Dilemma zu tun: Die Wissenschaften sollen uns helfen, unsere Gesellschaft zu organisieren, aber sie (bzw. die Wissenschaftler) operieren in ihrer jeweils eigenen Fachspezifizität. Die Pandemie zeigt überdeutlich, dass sie überfordert sind, sobald Erkenntnisse mehrerer Fachrichtungen kompatibel gemacht werden müssen, und vor allem wenn sie auf eine Realität (insbesondere Menschen) treffen, die nicht bereit oder in der Lage ist, sich rational zu verhalten. Dann kommt dabei etwas zustande wie die Strategiepläne der klugen Sieben.
Das bedeutet nicht, dass die wissenschaftlichen „Fachidioten“ überflüssig sind, aber es werden darüber hinaus Klammerwissenschaften benötigt, die ganzheitlich denken und ganzheitliches Handeln ermöglichen. Das geht aber nur um den Preis, dass man sich auf dieser Ebene vom klassischen Wissenschaftsverständnis verabschiedet und neue Formen der Steuerungswissenschaften fördert, die es genau genommen gibt, aber offenbar keinerlei Gehör finden. So könnten die Wissenschaften sich der Politik nähern.
Die Politik nähert sich den Wissenschaften ihrerseits vom anderen Ende mit vielfach kurzfristigen, situativen und irrationalen Denk- und Handlungsweisen, die zunehmend riskanter für die Gesellschaft werden.
Und es geht nun darum, den Zwischenraum zwischen klassischer Wissenschaft und traditionellem Politikverständnis durch die neuen Klammerwissenschaften sinnvoll zu füllen. Das ist wesentlich erfolgversprechender als der Versuch, Wissenschaft der Öffentlichkeit näher zu bringen. Selbstverständlich ist Letzteres im Sinne der Bildung unabdingbar. Aber man kann nicht erwarten, auf dieser Basis eine Gesellschaft zu lenken.
Die Ideen zur Annäherung von Wissenschaft und Öffentlichkeit sind bislang weitgehend formeller Art: Kommunikation, Organisation, Technische Unterstützung usw. Dadurch werden beide aber nicht kompatibel. Das Grundproblem ist nämlich: Echte Wissenschaft ist nicht einfach und auch nicht der Öffentlichkeit kommunizierbar, jedenfalls nicht auf eine Art, die unter Zeitdruck große Menschenmassen erreichen könnte.
Jede Wissenschaft ist nämlich so speziell, dass selbst andere Wissenschaften sie nicht (ohne großen Aufwand) verstehen und auf demselben begrifflichen Level miteinander kommunizieren können (das ist seit jeher das Grundproblem der Interdisziplinarität). Das gilt dann erst recht, wenn man Wissenschaft der Öffentlichkeit verständlich machen will. Das geht letztlich nur um den Preis, dass die eigentliche Wissenschaftlichkeit aufgegeben wird: Vereinfachte Sprache, unterschlagene Hypothesen und Parameter, undifferenzierte Pauschalierung usw.
Die vermittelnden Wissenschaften müssen also bei diesem Problem ansetzen und in erster Linie den Link zur Handlungsebene (also der Politik) herstellen, nicht zur Verständnisebene des Volkes. Die Politik ihrerseits überzeugt das Volk nicht dadurch, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse zitiert, sondern dadurch, dass ihr Handeln die richtigen Ergebnisse erzielt.
Dass das Volk sich von den Experten entfremdet, ist unvermeidlich. Problematisch wird es erst, wenn es sich von der Politik entfremdet.