Zukunft in Sicht !

1. Pessimistische Zukunftsprognosen beruhen auf wissenschaftlich fundierten Fakten und rationalen Einsichten und Argumenten, die offenbar alle keinen anderen Schluss zulassen als die Erkenntnis, dass die Menschheit dabei ist, unseren Globus und sich selbst zugrunde zu richten.

Diese Argumente sind nicht falsch, aber die Tragweite ihrer Aussagen ist weniger weitreichend als anzunehmen wäre. Ihre wichtigsten Schwächen sind:

  • Wissenschaftliches Denken ist immer einseitig. Jede Wissenschaft denkt und erklärt aus ihrer spezifischen Perspektive, und dabei wird immer nur ein von dieser Wissenschaft erfasster Teil der Realität abgedeckt. Man geht dabei von der Vorstellung aus, dass jede Wissenschaft einen Teil eines Puzzles liefere, und dass alle Puzzleteile das Gesamtbild der Realität ergeben. Leider ist diese Analogie aber falsch, weil es in Wirklichkeit Teile unterschiedlicher Puzzles sind.
  • Die Realität ist komplex, und dazu zählen insbesondere auch (Gegen)Kräfte, nicht nur solche, die bereits existieren, sondern auch solche, die überhaupt erst durch die festgestellten und erwarteten Entwicklungen hervorgerufen werden. Welche das sind, wie sie wirken und welche Korrekturen am Gesamtbild sie hervorrufen werden, ist aber vollkommen unklar, weil es hierfür bislang keine Modelle gibt. Entsprechend können auch die Wissenschaften dazu nichts aussagen.
  • Sowohl Kräfte als auch Gegenkräfte sind immer als im Fluss befindlich zu betrachten. Und diese Dynamik erlaubt allenfalls einen kurzfristigen Blick in die Zukunft und keine klaren längerfristigen Prognosen.

Im Übrigen gilt: Je mehr man sich an „harten“ Fakten orientiert und um „harte“ Argumente bemüht, um eine möglichst große Gewissheit zu erlangen, umso mehr vernachlässigt man die ebenso realen Ungewissheiten. Diese können – wenn überhaupt – eher mit einer anderen Art Denken erfasst werden, das fließender, kreativer, ungenauer, vager … ist. Eine solche Sichtweise ist den Wissenschaften aber fremd, denn diese sind von rationalem, mechanistischem und/oder utilitaristischem Denken geprägt, das zahlen- und formel-fokussiert ist (s. die Bedeutung der Mathematik und Statistik in fast allen Wissenschaften bzw. ihren empirischen Teilen). Sie haben ihre Berechtigung, wenn es um einfache Verhältnisse oder statische Zustände geht, aber nicht mehr bei komplexen Systemen, zu denen auch das von irrationalem menschlichem Verhalten geprägte Gesellschaftsleben zählt. Zwar beschäftigt die Psychologie sich mit letzterem, aber ihre Erkenntnisse sind (mit Verlaub) überwiegend banal, und gerade im Bereich kollektiven Verhaltens tragen sie bislang wenig Relevantes zur Zukunftserklärung und -bewältigung bei.

Angesichts der im Übrigen gar nicht so seltenen wissenschaftlichen Fehlprognosen in der Vergangenheit sollte man daher grundsätzlich sehr vorsichtig sein, Katastrophenszenarien nur aus wissenschaftlichen Erkenntnissen und Beobachtungen abzuleiten.

2. Fairerweise muss man zugeben, dass zumindest ernsthafte Wissenschaftler selbst meiste keine dramatischen Entwicklungen prophezeien, sondern „nüchterne“ Zahlen liefern, die dann von Politikern, Journalisten und sonstigen engagierten Menschen interpretiert werden, und zwar typischerweise so, dass sie vor allem versuchen zu diagnostizieren, welche der potenziellen Risiken mit welcher Dramatik vermutlich zu welchen Problemen führen werden.

Selbst vorausgesetzt, dass sie die Zahlen korrekt deuten (was mit Sicherheit keineswegs immer der Fall ist), bleibt letztlich meist unerwähnt, nach welchen Kriterien sie die prognostizierten negativen Tendenzen bewerten. Denn Veränderungen sind zunächst einmal nur Veränderungen, zu Problemen oder Katastrophen (die zu Pessimismus berechtigen) werden sie erst durch die Bewertung, dass ihre Konsequenzen nicht akzeptabel oder wünschenswert sind. Aber:

  • Welche Kriterien kommen hier zur Anwendung? Woher stammen sie? Welches Wirkungsmodell liegt ihnen zugrunde?
  • Wer bzw. was legitimiert diese Kriterien? Welche Perspektive vermitteln sie?
  • Welchen Zeithorizont haben sie? Welche zwischenzeitlichen Gegenkräfte berücksichtigen sie?

Wenn z. B. das Kriterium (bzw. das Ziel unseres Handelns) darin besteht, möglichst den Status quo zu konservieren, wäre zu prüfen, wie wir diesen überhaupt beschreiben (und ggf. quantifizieren), und vor allem, ob wir nicht selbst bei einem Rückschritt (oder Verzicht) immer noch hervorragend dastehen. Wäre es nicht z. B. auch möglich, materiellen Wohlstand durch qualitatives Wohlergehen zu ersetzen?

Wenn man weiterdenkt und es darum geht, die Erde und die Menschheit im Kern zu retten, d. h. langfristig überlebensfähig zu machen, einen Übergang zu schaffen in eine neue Welt (oder vielleicht auch Dimension), dann verändert diese Perspektive automatisch die Bewertung, und die unvermeidbaren Veränderungen werden vielleicht sogar als wünschenswert betrachtet. Die „befürchteten“ Entwicklungen könnten also zumindest der Welt, aber vielleicht auch uns Menschen, Chancen eröffnen, die bisher gar nicht gesehen und von den Wissenschaften überhaupt nicht erfasst werden.

3. Der Zeithorizont, für den wir uns interessieren und innerhalb dessen wir denken (und uns fürchten), ist äußerst beschränkt und deckt in aller Regel nur die eigene Restlebenszeit oder vielleicht noch die unserer Kinder ab. Selbst innerhalb der Menschheitsgeschichte stellt dies allerdings nur einen Wimpernschlag dar.

Wenn wir z. B. von einem Zeitfenster von 100-200 Jahren ausgehen (was immer noch äußerst kurz ist) und betrachten, was sich in diesem Zeitraum in der Vergangenheit alles verändert hat, dann müssen wir zugeben, dass es vollkommen unmöglich ist, „vernünftige“ Prognosen zu stellen, nicht einmal für die nächsten 100-200 Jahre. Erst recht ist dies der Fall, wenn wir annehmen, dass sich die Entwicklung der Menschheit und vielleicht die Evolution in einem sich ständig verstärkenden Beschleunigungsprozess befindet.

Längere Zeiträume scheinen (weitgehend unbewusst) etwas so Unvorstellbares und Beängstigendes zu besitzen, dass sie in den Zukunftsbetrachtungen vollkommen ausgeblendet werden. Andernfalls müssten wir unsere Perspektive ernsthaft auf die Menschheitsevolution ausrichten. Und dabei müssten wir bei nüchterner Betrachtung zugeben, dass es keineswegs sicher ist, dass der homo sapiens die Krone der Schöpfung und das Ende der Evolution darstellt. Es ist mindestens ebenso wahrscheinlich, dass wir nur ein Zwischenstadium in einer noch undenkbar lang dauernden Weiterentwicklung darstellen.

Wenn wir diesen Gedanken als Hypothese weiterführen, müssen wir als plausible Möglichkeit die Tatsache in Betracht ziehen, dass die von uns erwartete Katastrophe (oder zumindest „dunkle“ Zeit) nur einen notwenigen Schritt zur nächsten Evolutionsstufe darstellt, der für uns vielleicht unangenehm ist, objektiv betrachtet aber wünschenswert bzw. notwendig. Dementsprechend können wir dann auch unser Schicksal in der näheren Zukunft mit einem anderen Verständnis und vermutlich größerer Gelassenheit betrachten.

Es stellt sich in diesem Zusammenhang ohnehin die Frage, warum unser heutiger Standpunkt (bzw. Entwicklungsstand) überhaupt relevant sein soll. Natürlich ist es naheliegend, dass wir von unserem persönlichen und jetzigen Zustand aus die Welt und ihre Entwicklung betrachten. Aber sobald wir aktuell Besorgten nicht mehr existieren (und das ist erd- und zivilisationsgeschichtlich schon sehr (!) bald), sind unsere dann erloschenen Vorstellungen ohnehin irrelevant. Denn so geht das grundsätzlich von Generation zu Generation. Warum also sollte es für zukünftige Generationen relevant sein, was wir heute denken und von der Zukunft erwarten, die aber dann schon gar nicht mehr die unsrige ist, sondern die ihrige?

Außerdem: Interessiert uns heute (außer vielleicht aus geschichtswissenschaftlicher Sicht) in irgendeiner Weise, was die Menschen vor 50, 500 oder gar 2.000 Jahren gedacht und gewollt haben? Mitnichten. Wir betrachten die früheren Generationen als schlecht informiert, ungebildet oder sonstwie defizitär, so dass es uns vollkommen gleichgültig ist, welche Zukunft sie sich vorgestellt haben. Gleichzeitig bilden wir uns jedoch ein, dass wir dereinst nicht als so beschränkt betrachtet werden und dass es für unsere Nachfahren relevant sein wird, was wir heute über die Zukunft denken und für sie planen. Da machen wir uns ganz entschieden etwas vor.

So weit zu denken und uns in Anbetracht dessen in Bescheidenheit und Zurückhaltung zu üben, ist aber offenbar unmöglich. Vielleicht liegt es daran, dass wir uns dann hilflos vorkämen, dass uns das wichtige Gefühl der Selbstwirksamkeit fehlte und es konträr zu den Allmachtsfantasien der modernen Menschen und unserer Kultur stünde. Vielleicht ist unsere ganze Aufgeregtheit aber auch unbewusst darauf zurückzuführen, dass wir unser ansonsten unausweichliches Gefühl der Irrelevanz unbedingt verdrängen müssen. Dabei ist es doch auch eine große Chance und Gelegenheit zu tiefer Gelassenheit.

4. Es fehlt uns die Vorstellungskraft einer Zukunft, die wir nicht beeinflussen können, obschon wir doch genau wissen, dass genau das gerade passiert, nämlich dass wir die Kontrolle verlieren.

Wenn wir weiter bzw. tiefer gehen, fehlt uns ein Sinn der Evolution oder des Schicksals. Seit wir finden, dass Gott tot ist, fehlt uns der Zukunftsglaube, außer in der Ausprägung, dass die innovativsten Technologien schon dazu beitragen werden, dass wir jedes Problem lösen können, auch weil die Ökonomen uns lange genug weis gemacht haben, dass die materiellen Ressourcen dafür unendlich ausreichen – zumindest wenn man wie die meisten dem Mainstreamdenken folgt und ausblendet, dass der Club of Rome uns schon vor mehr als 50 Jahren aufgezeigt hat, dass Wachstum endlich ist.

Esoterisches Denken und alles abseits der etablierten Wissenschaften florierendes Deuten und Imaginieren ist in vielen Facetten sicherlich Unfug, aber eine nüchterne Auswertung der dort vertretenen Ideen und Ansätze könnte uns helfen, aus unserem festgezimmerten Gedankengefängnis auszubrechen. Wir brauchen Inspirationsquellen jenseits der Mainstream-Credos, die uns ja letztlich in die jetzige Lage gebracht haben, aber auf der Seite des Optimismus wenig mehr zu bieten haben als Zähneknirschen und Durchhalteparolen (natürlich tiefsinnig formuliert …).

Qualitatives, nachhaltiges, kreatives, abseitiges, ungezügeltes usw. Idealdenken ist erst einmal angesagt, außerdem Klugheit statt Wissenschaft und nicht zuletzt die Bereitschaft zu einem Lernprozess, der uns möglicherweise teuer zu stehen kommt, sowohl materiell als auch intellektuell. Auch wenn wir die Zukunft nicht kontrollieren können, wir können sie uns vorstellen. Zwar anders als das, was wir bisher kennen und vielleicht immer schon so gemacht haben. Aber auf jeden Fall lebenstauglich.

5. Krisen und Katastrophen werden üblicherweise als negativ und nicht wünschenswert betrachtet. Es kann aber durchaus sein, dass man manchmal durch Krisen und sogar Katastrophen gehen muss, damit der Knoten sich löst, mit dem wir uns selbst gefesselt haben. Phönix ist aus der Asche entstanden, nicht aus einem goldenen Palast. Auch der Untergang des römischen Reiches war nicht das Ende Roms oder der dort Lebenden, auch wenn es in der Folge viele Probleme gab. Das Ende des Einen ist vielmehr typischerweise der Anfang von etwas Anderem, und nicht selten muss man das Alte zerstören oder fahren lassen, um etwas Neues aufzubauen.

Wenn wir uns dieses Andere vorstellen könnten, würde es uns einfacher fallen, das jetzt Erreichte aufzugeben, und vielleicht würde es sogar überhaupt erst die Möglichkeit eröffnen, das Andere zu erreichen. Wenn wir aber unsere ganze Energie darauf verwenden, den jetzigen Zustand zu bewahren, gewinnen wir nichts, sondern verlieren nur Zeit.

Wenn wir uns dazu nicht freiwillig durchringen können, würde uns z. B. eine Katastrophe die Entscheidung abnehmen und uns zu einem Neustart zwingen. Natürlich erscheint es schockierend, Katastrophen als sinnvoll oder gar notwendig zu betrachten. Aber:

  • Nicht jede vergangene Katastrophe war denknotwendig und auch nicht so beschaffen, dass es keine weniger gravierende Lösung gegeben hätte. Wenn sie aber eingetreten ist, haben sich neue Chancen ergeben, eine Situation des Neuanfangs und der Überwindung früherer Probleme. Das wird zukünftig umso besser gelingen, je besser wir auf ein solches Szenario vorbereitet sind.
  • Katastrophen sind manchmal der einzig verbleibende Weg der Rettung, wenn die Menschheit nicht aus Einsicht und kooperativ in der Lage ist, ihre Probleme zu bewältigen. Ohne rechtzeitige Katastrophe kann dies den „Untergang“ bedeuten oder zumindest später eine noch schlimmere Katastrophe eintreten, so dass eine zügige „Rettungskatastrophe“ das kleinere Übel darstellt.
  • Was wir jetzt als Katastrophe empfinden, ist in der Menschheitsgeschichte, und erst recht der Erdgeschichte, vielleicht ein Stolpern, aber kein Sturz. Diese potenziell nützliche Zäsur, die uns radikal zum Umdenken oder zur Umkehr zwingen würde, wird erst durch unser gefühlsmäßig geprägtes Katastrophendenken zu einem Scheinriesen (bzw. Scheindrama) aufgebläht.

Vielleicht ist so ein einschneidendes Ereignis irgendwann nötig, damit wir lernen und einsehen, was durch rationale Argumente und Überzeugung alleine nicht in die Köpfe und das Verhalten der Menschen eindringt. Manchmal bringen erst solche Ereignisse kollektive Lernprozesse in Gang, die notwendig sind, um auf gesellschaftlicher Ebene eine Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Bedenken sollten wir auch, dass wir in der Not eher bereit sind, notwendige kollektive Maßnahmen zu akzeptieren und umzusetzen, die in einer diskussionsbasierten Demokratie zu lange brauchen oder gar nicht zu einem Ergebnis gebracht werden können. Warum sollten wir uns also vor der Not fürchten?

6. In manchen Situationen ist es richtig, vorsichtig zu sein und Ängste nicht einfach zu ignorieren. Aber Ängste dürfen uns nicht vollständig dominieren, da sie lähmen und uns mut- und kraftlos machen.

Wir haben in der Tat einen solchen Grad an Wohlstand erreicht, dass wir den Eindruck haben, viel zu verlieren zu haben. Hinzu kommt, dass diese Wohlstandswachstumsphase schon so lange dauert, dass wir die sieben armen Jahre nach den sieben fetten allenfalls noch aus Lehrbüchern oder der Bibel kennen, aber nicht als normalen Lebensrhythmus, so dass jeder Rückgang der Wohlstandskennzahlen (deren Aussagefähigkeit im Übrigen äußerst fragwürdig ist) gleich einen Alarm auslöst.

Ergo verhalten wir uns individuell und kollektiv wie Angsthasen und Mutlose. Nur: Noch „gefährlicher“ als die Angst ist die Tatsache, dass wir sie verdrängen und unsere Ängstlichkeit zum Normalitäts-Standard machen. Gerade die demokratischen Staaten ähneln zunehmend Angstkollektiven, in denen immer lauter nach der starken Hand gerufen wird. Eine ungewisse Zukunft wird in erster Linie mit Risiken assoziiert, nicht mit Chancen.

Ein gesünderes und verantwortungsvolleres Verhalten bestünde darin, sich des Auf-und-Ab des Lebens – auch des gesellschaftlichen – bewusst zu sein und die schwierigen Phasen als Vorbeugung für sonst unausweichliche Katastrophen zu akzeptieren. Aber wahrscheinlich ist es definitiv nicht, dass wir aus Vernunft und Einsicht unsere Ängste begraben, im Gegenteil: Je stärker diese werden, desto weniger werden wir in der Lage sein, noch rational zu entscheiden, was den derzeit im Gang befindlichen Prozess noch beschleunigen würde.

Aber vielleicht ist ja gerade diese emotionale Dimension (die ja entwicklungsgeschichtlich offenbar neueren Datums ist) die Grundlage für den nächsten Entwicklungsschritt der Menschheit oder unserer Gesellschaftsform. Wenn wir daher die durch Ängste zurückgehaltenen Energien in Mut und Zuversicht kanalisieren, muss uns vor der Zukunft nicht bange sein.

7. Wenn sich Denker und Macher über ihre Einstellung zur Zukunft äußern, dann scheinen für sie nur die beiden Optionen Optimismus und Pessimismus zu existieren. Das ist jedoch zu simpel.

Zum einen setzt es voraus, dass es überhaupt möglich ist, solch klare Positionen überzeugend zu argumentieren, aber das geht nur dann, wenn man die Komplexität der Realität ignoriert.

Zum anderen entsprechen beide Haltungen offenbar dem Bedürfnis nach Klarheit und Sicherheit, sind also Anti-Angst-Haltungen, die zudem noch starr sind und wohl mehr einem persönlichen Bedürfnis entsprechen als einer verantwortungsvollen Verhaltensweise.

Daneben bzw. dazwischen ist aber auch eine nichtwissende und hoffende Gelassenheit möglich, die mit wachem Verstand und offenen Sinnen die Realität beobachtet, auf sie einwirkt und sich dabei an zukunftstauglichen Werten, Idealen und Zielen orientiert.

Frei machen müssen wir uns vor allem vom ökonomischen Denken, das zwar eine Weile hilfreich war, aber seine Grenzen bzw. die einer rational durchgetakteten und strukturierten Gesellschaft nicht erkannt hat und sich grade selbst ad absurdum führt. Wir müssen von der individuellen Nutzenmaximierung, dem Gewinnstreben und Effizienzdenken, dem „immer mehr“ in jeglicher Variante zu anderen Werten, Prioritäten und Formen des Zusammenlebens kommen, die insbesondere Nachhaltigkeit, Kooperation, Gegenseitigkeit, Respekt, Genügsamkeit, Verantwortungsbewusstsein und andere qualitative Werte in den Mittelpunkt stellen.

Es geht auch nicht ums Recht haben und besser Wissen, um Machtspiele und Partikularinteressen, sondern um Lern- und Veränderungsbereitschaft, offenes, aber zielgerichtetes Denken gepaart mit Mut und Fehlertoleranz, und geopolitisches Denken im Bewusstsein eines gemeinsamen terrestren Schicksals. Dann ist es gleichgültig, wie es um unseren materiellen Wohlstand steht, der allenfalls noch Mittel, aber nicht Zweck unseres Daseins ist. Dann zählt nur noch, dass wir im positiven Sinne bereit für die Zukunft sind.

8. Denken und Gefühle sind die wesentlichen Merkmale, die uns von Tieren unterscheiden. Aber sie sind gleichzeitig in Form von Ideologien, Verschwörungstheorien usw., oder auch wissenschaftlichen Erkenntnissen die wesentliche Ursache dafür, dass wir „durchdrehen“, nicht adäquat auf die Realität und ihre Anforderungen eingehen, uns nach dem Paradies auf Erden sehnen oder ans Nirwana der dauerhaften Glückseligkeit bereits zu Lebzeiten glauben, und das alles zu Lasten aller anderen Lebensformen auf diesem Planeten.

Vielleicht muss die Erde bzw. natürliche Umwelt sich ja auch nur von der Infektion durch die Rasse „Mensch“ erholen. Wir sind zu viele, zu gefährlich für alle nicht-menschlichen Wesen, leben weder untereinander in Symbiose noch (trotz unseres parasitären Verhaltens) mit dem Wirt. Da liegt es nahe, dass das Ökosystem sich wehren muss und die Menschen möglicherweise zu einem Großteil „ausgemendelt“ werden.

Auch in diesem Aspekt ist ein Umdenken eine „preisgünstige“ Zukunftsperspektive, für die es sich lohnt, kleinere Brötchen zu backen, die aber trotzdem schmecken und uns ernähren.

9. Unsere Zukunftsängste gründen sich in hohem Maße darin, dass wir von der Welt, der Gesellschaft, jedenfalls den anderen erwarten, dass sich dort etwas ändert, damit wir wieder unbelastet in die Zukunft schauen können. Das Potenzial unseres Eigenbeitrags zum Gesamtgeschehen wird als verschwindend gering betrachtet, also tun wir erst mal nichts und hoffen, dass wir so über die Runden kommen.

Natürlich kann ein Einzelner keine Gesellschaftsprobleme lösen. Aber wenn wir nicht den Mut zur Eigenverantwortung aufbringen und uns trotzdem beteiligen, liefern wir uns dem aus, was wir befürchten. Und in der Tat erweckt der ganze Umgang mit dieser Thematik den Eindruck einer „self-fulfilling prophecy“: Jeder glaubt zu wissen, dass die Zukunft schlecht wird, und deshalb wird sie schlecht. Dabei spiegeln wir weitestgehend nur die Meinung anderer, ohne uns eigene Gedanken zu machen.

Wir können den Spieß aber auch umdrehen und zum Bestandteil der oben zitierten Gegenkräfte werden, die eine sich selbst beschleunigende Gegenbewegung in Gang setzt. Haben wir nicht schon oft die Erfahrung gemacht, welche unglaublichen Dinge möglich sind, wenn sich eine solche Bewegung bildet, die ihr Zukunftsvertrauen aus der eigenen Leistung ableitet?

10. Schließlich geht es für uns persönlich genau genommen nicht um „die“ Zukunft, sondern um „unsere“. Jeder lebt sein Leben, hat seine Überzeugungen, trifft seine Entscheidungen usw. Natürlich sind wir in gewissem Maße auch von gesellschaftlichen Entwicklungen abhängig, aber all das Vorstehende befähigt jeden Einzelnen, „seine“ Zukunft so zu gestalten, dass das Leben lebenswert ist und die Zukunft nicht angsteinflößend.

Man muss „Chaos und Untergang“ nicht lieben, aber selbst wenn es auf so etwas hinausliefe, kann man auch mit solchen Bedingungen durchaus umgehen und ihnen als Individuum Positives und Lebenswertes abgewinnen, wenn man die entsprechende Einstellung mitbringt.

Vielleicht funktioniert das „survival of the fittest“ ja auch so, dass sich letztlich jene durchsetzen (bzw. verschont bleiben), die diesem Erdball und sich selbst eine dauerhaft tragbare (oder nachhaltige) Zukunft im vorgenannten Sinne sichern. Es steht jedem von uns frei, das unter Beweis zu stellen, unabhängig davon, was andere denken und tun.

„Morituri te salutant“ (Die Todgeweihten grüßen Dich), so grüßten die Gladiatoren den römischen Kaiser, wenn sie zum Kampf in der Arena antraten. Vielleicht schicken wir Leidensgenossen diesen Gruß an die Zukunft und tun unser Bestes, damit wir auf der Siegerseite bleiben?