Die Persönlichkeit von Menschen, insbesondere ihre Ein- und Weitsichtsfähigkeit, erkennt man besonders gut dann, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht und sie nicht mehr ihre eingeübten Routinen abspielen können.
Die „Fridays For Future“-Schüler-Demos sind hierfür ein probates Beispiel.
Da löst die Schwedin Greta Thunberg, eine „bockige“ Jugendliche (inzwischen 16) (mit tatkräftiger Unterstützung ihrer Eltern) eine Streikwelle bei Schülern weltweit aus, die fordern, dass die Erwachsenen nun endlich konsequent Klimaschutzmaßnehmen verabschieden und umsetzen sollen, und was machen die Erwachsenen? Zunächst einmal ignorieren sie es; als das Ganze eine gewisse Größe erreicht, sind sie erstaunt bis fassungslos; und sobald das Engagement droht, das „System“ durcheinanderzubringen, wird zurückgeschossen: Die haben doch keine Ahnung! Wo kämen wir hin, wenn man das durchgehen ließe? Das ist eine Verletzung der Schulpflicht!
Dieselben Menschen, die immer wieder bedauert haben, die Jugend engagiere sich ja für nichts, wollen das Engagement möglichst schnell im Keim ersticken. Was für ein kleingeistig-erbärmliches Verhalten. Das Gerede von der Schulpflicht usw. ist scheinheilig. Man könnte ja die ohnehin ausfallenden Stunden (die offenbar niemanden wirklich stören) einfach auf den Freitag legen, oder auch die Stunden jener Lehrer, die unmotiviert oder unfähig sind.
Getoppt wird dieser Krämergeist noch durch den perfiden Versuch der großen Politik, Greta und ihre Mitstreiter durch Umarmung zu erdrücken. Einladungen von höchster Stelle sollen signalisieren, dass dort das Anliegen ernst genommen wird und dass man sich kümmert. Aber das muss dann auch reichen. Die Kleine soll sich mal wieder beruhigen.
Zum Glück tut sie das nicht. Greta hat zwar diese PR bislang mitgemacht, aber (soweit erkennbar) sich nicht vereinnahmen lassen. Früher oder später wird sie als Symbolfigur aber überfordert sein (und einen Schulabschluss machen wollen). Man kann daher nur hoffen, dass der Bewegung nicht so schnell die Luft ausgeht bzw. sie ihr genommen wird.
Die Erwachsenen können vielleicht nicht aus Umweltschutzgründen streiken wie die Jugend, aber sie können und sollten ihre Kinder ermutigen, für ihre Zukunft zu streiken. Denn was bringt ein bisschen mehr Bildung in einem Leben, das nur von Klimakatstrophen gekennzeichnet ist?
Die Kinder und Jugendlichen haben das verstanden. Es ist schließlich ihre Zukunft. Wenn die Eltern und Großeltern schon nicht willens sind, sich für ihre Kinder und Enkel zu engagieren, dann tun sie es eben selber. Weiter so! Und „Tack, Greta!“
Nachtrag
Der Text war gerade geschrieben, da hat sich Jens Spahn zu Wort gemeldet (ZEIT 28.3.19, S. 7) und den Beweis dafür geliefert, wie wichtig die Demos sind, und nicht nur wie dumm, sondern auch wie perfide führende Politiker wie Spahn damit umgehen.
Ein paar Kostproben aus seinem Text mit kurzer Kommentierung mögen dafür genügen:
„Mich freut das politische Engagement. Wer die Schüler ernst nimmt, muss sie gleichzeitig fragen: Wie soll es konkret weitergehen? Was schlagt ihr vor, welche Folgen haben eure Vorschläge für wen – und wie gehen wir konkret mit diesen Folgen um?“ Wieso sollen die Kinder und Jugendlichen die Arbeit der Politik machen? Ziel der Demos ist es, Druck auszuüben, damit Politiker endlich genau diese Fragen in Angriff nehmen. So zu tun, als sei das die Aufgabe der Schüler, ist eine Frechheit. Wenn sich hier jemand zu rechtfertigen hat, dann Spahn, denn er ist Mitglied der Regierung.
„Und: Ist eine Demo zur Schulzeit der erfolgversprechende Weg? Gegen wen oder was streikt ihr? Wen setzt ihr mehr unter Druck: eure Lehrer, die Politiker, eure Eltern – oder euch selbst? Würde es eurem Anliegen nicht sogar mehr Nachdruck verleihen, nur nach der Schule zu demonstrieren?“ Auf jede dieser Suggestivfragen müsste man eine bissige Antwort geben. Vor allem wird dabei insinuiert, die armen Dummerchen hätten ja gar keine vernünftigen Plan. Gerade das macht die Demos ja so authentisch, Herr Spahn! Sie haben die Nase voll, und wollen, dass Sie endlich handeln!
Spahn empfiehlt den Schülern stattdessen, selbst parteipolitisch aktiv zu werden (und stellt sich dabei als leuchtendes Beispiel dar), um dann in 10 Jahren vielleicht mitentscheiden zu können. Auch hier stellt Spahn sich dümmer dar, als er eigentlich sein dürfte (und hoffentlich ist): Denn natürlich wollen die Schüler keine 10 Jahre warten, das ist doch gerade ihr zentrales Argument, das Spahn vollkommen ignoriert.
„Dagegen wird der Weg ausschließlich über die Straße vermutlich in die Enttäuschung führen. Erstens weil das Argument zu kurz greift, für ein wichtiges Thema nicht in die Schule zu gehen. Das kann dauerhaft nicht funktionieren. Auch wohlwollende Bildungsministerinnen und -minister werden früher oder später auf die Schulpflicht pochen müssen – schon um eurer selbst willen. Und wer soll entscheiden, für welche Themen die Schule geschwänzt werden darf und für welche nicht? Wäre es auch für Papas Job im Braunkohletagebau OK?“ Möglicherweise wird der Weg ausschließlich über die Straße in die Enttäuschung führen. Aber nur, wenn Abwiegler wie Spahn konsequent so tun, als verstünden sie den Punkt nicht. Es geht auch nicht darum, abstrakt zu entscheiden, wofür „geschwänzt“ (nein Herr Spahn: gestreikt!) werden darf oder nicht. Das werden die Streikenden schon selbst entscheiden. Jetzt geht es konkret ums Klima, und das ist nicht misszuverstehen.
„Zweitens wird es den großen, einfachen Wurf, der alle Probleme löst, wahrscheinlich nicht geben. Gerade beim Klimaschutz stellt uns ja vor allem die Komplexität vor die größte Herausforderung. Energieerzeugung, Mobilität und unsere alltägliche Lebens- und Ernährungsweise greifen Hand in Hand. Unsere Demokratie ist darauf ausgelegt, nach Ausgleich und Kompromissen zu suchen. Ja, das dauert manchmal länger, als es einem lieb ist. Aber: Es ist der richtige Weg.“ Und noch einmal unterstellt Spahn Dinge, die nicht gefordert werden: Niemand erwartet einen großen Wurf, sondern dass überhaupt etwas Ernsthaftes passiert. Das geht auch in einer Demokratie, wenn die Parlamente und Regierungen nicht voller Bremser wie Spahn wären.
Spahn redet um den Brei herum und unterstellt den Schülern Dinge, die er glaubt, widerlegen zu können. Denn gegen die echten Argumente hat er nichts zu sagen. Wie erbärmlich!
„Habt Zuversicht!“ ruft er den Schülern zu. Haben sie aber richtigerweise nicht, sonst würden sie ja nicht demonstrieren. Und Spahn selbst ist das beste Beispiel dafür, dass sie Politikern nicht trauen sollten. Erbärmlich, erbärmlicher, Spahn.