Spahnsinn

Verkrampfter Umgang mit der deutschen Sprache ist nicht neu, Anglizismen werden seit jeher gegeißelt, und das nicht erst, seit der Verein Deutsche Sprache sich der Sache mit Verve angenommen hat.

Die Politik hat dieses Themas zum Glück weitgehend ignoriert. Bis der Shooting Star (Verzeihung: aufstrebende Nachwuchspolitiker) Jens Spahn sich medienwirksam daran gestört hat, „dass in nicht wenigen Berliner Restaurants ausschließlich nur noch auf Englisch bedient wird.“

Wieviel „nicht wenige“ sind? Nun immerhin einige in Kreuzberg, im Prenzlauer Berg und in Neukölln. Wie dramatisch. In den Randbezirken Berlins natürlich nicht (hat er vermutlich vorsichtshalber nicht getestet), aber die zählen ja auch nicht. Immerhin weiß er: In Paris käme keiner auf die Idee (wie oft war er denn dort?).

Frage: Wo ist das Problem? „Es geht mir vor allem um uns Deutsche selbst, um die Bereitschaft, die eigene Sprache hintanzustellen, selbst wenn es nicht nötig wäre.“ Gähn, wie schlimm! Warum sorgt er sich nicht lieber um die Menschen, die sich ausbeuten lassen, obschon es nicht nötig wäre?

Aber unser Oberlehrer weiß genau, warum das schlimm ist: Wenn zwei Deutsche sich in schlechtem Englisch unterhalten, dann ist das nicht cool oder kosmopolitisch, sondern peinlich provinziell. Immerhin, Provinz kennt der Mann, dort kommt er her und deren Gefühle bedient er nur zu gerne: Ein bisschen Deutschtümelei und gleichzeitig der Berliner Scheinelite eins auswischen: Da freut sich die Provinz! Denn die echten Kosmopoliten, das sind nach seiner Erkenntnis die soliden Mittelständler aus der münsteraner Provinz, die der dort beheimatete Möchte-Gern-Deutsch-Kosmopolit Spahn natürlich gerne umschleimt.

Und für diejenigen, denen die Provinz nicht imponiert, wird noch der ganz große Blickwinkel präsentiert. Denn während Migranten Deutsch lernen, „verlegen sich die Großstädte hipsterhaft aufs Englische und schotten sich von Otto Normalverbraucher ab.“ Hä? „Alle die nicht mithalten können bei der Generation easyJet bleiben außen vor.“ Ist das nicht eine wunderbar differenzierende Betrachtung? Herr, schütze uns vor der Berliner Parallelgesellschaft junger Leute aus aller Welt, die unter sich bleiben! Whats wrong with it? Zu alt oder zu dumm, dazu zu gehören? Welche anderen Weltstädte kennt der Mann eigentlich noch? Ach ja, er relativiert seine Aussage dahingehend, dass das (auch) ein globales Phänomen sei. Also was nun? Alles Deutsch oder was? Na ja, ist eigentlich egal, welchen Schwachsinn er redet, Hauptsache wir hüten und pflegen die deutsche Sprache!

Welches Problem damit gelöst wird? Keines, außer dass Hr. Spahn bei den Dumpfbacken auf (erfolgreichen) Stimmenfang geht und einen wertvollen Beitrag zur „kulturellen Sicherheit“ in Deutschland leistet.

Wenn er der Typus Politiker ist, der demnächst in der CDU den Ton angibt, muss man sich darüber mehr Sorgen machen als über die AfD.