Wahre Literaten

Literaturkritik beschäftigt sich mit der Qualität bestimmter literarischer Produkte, aber damit geht immer – mal mehr, mal weniger explizit – eine Würdigung oder auch Beurteilung der Leistungen deren Urheber einher.

Meines Erachtens wäre der umgekehrte Prozess mindestens so relevant: Ausgehend von der Persönlichkeitseinschätzung des Autors (m/w/d) zu prüfen, was sich davon in der Literatur wiederfindet.

Natürlich erscheint es banal, Merkmale eines literarischen Werks mit der Persönlichkeit des Literaten zu verknüpfen. Denn aus einem Nichts könnte sich auch nur ein Nichts ergeben. In welchem Maße ein Werk aber nur die Persönlichkeit des Schaffenden reflektiert, ohne die Freiheitsgrade der Kreativität zu explorieren, sollte m. E. zumindest in die Nebenbewertung des Werks einfließen, auf jeden Fall aber für die Würdigung der Person ausschlaggebend sein.

Denn allzu oft ist Literatur nur ein fast zwanghafter Persönlichkeitsabdruck, und je auffälliger dessen Merkmale und Störungen, desto „origineller“ das Schreibergebnis. Schreiben ist für viele in erster Linie ein Versuch der Selbsttherapie oder -regulierung, abhängig und mehr oder weniger stark geprägt von den vor allem psychischen, seltener körperlichen Belastungen. Das ist vollkommen legitim, und wenn jemand das lesen möchte und sich davon angesprochen fühlt (vielleicht oder möglicherweise sogar wahrscheinlich), weil es ihm beim Selbsttherapieren oder -regulieren hilft, ist das eine glückliche win-win-Situation.

Aber darf bzw. sollte man daraus auf die literarischen Fähigkeiten von Literaten schließen? Sollte wahre Kunstfähigkeit oder Künstlerqualität nicht daran gemessen werden, wie breit und tief diese Personen in der Lage sind, das absolute Kreativitätspotenzial auszunutzen und nicht „bloß“ jene Optionen zum Ausdruck zu bringen, die sich in mehr oder weniger einseitiger und zwangsläufiger Weise aus seiner Persönlichkeit ergeben?

Wenn man Werke von Autoren aus dieser Perspektive betrachtet, fällt auf, wie wenig kreativ viele letzten Endes sind: Bei ihnen gibt es nur wenige thematische und stilistische Leitmotive, und diese werden endlos in immer neuen Kontexten eingesetzt. Das kann sehr unterhaltsam und kommerziell erfolgreich sein, aber wahre Literaten zeichnet es nicht aus.

Wenn ich eine Vermutung äußern sollte, warum meine Sicht so wenig verbreitet ist, dann wäre es diese: Auch Kunstkritiker tragen eine persönlichkeitsgeprägte Lesebrille und verwenden darauf beruhende Bewertungsmaßstäbe. Es ist einfacher, Literaten einmal zu taxieren, statt sich jedes Mal neu mit ihnen auseinanderzusetzen, und es überfordert Kritiker schnell, wenn sie sich mit neuen Kunstverständnissen auseinandersetzen und künstlerische Leistungen neu würdigen müssen.

Von den Lesern wird man ohnehin nichts anderes erwarten können. Sie suchen sich nicht nur ihre Lieblingsautoren, die ihnen routiniert immer dieselbe Qualität liefern, sondern orientieren sich – wenn überhaupt – an „verlässlichen“ Kritikern.

Und da alle Beteiligten zum Glück unterschiedlich sind, kann man nur hoffen, dass sich daraus eine entsprechende Vielfalt ergibt und auch hält. Sicher ist das allerdings nicht: Massengeschmack in Musik und Malerei wird inzwischen kommerziell orientiert bedient, natürlich auch schon in der Literatur, nur ist es dort nicht so dominant. In einer Welt, in der das eigene Lesen und Schreiben eine zunehmend unwichtige Zivilisationstechnik darstellt, die zunehmend ersatzweise von „künstlichen“ Maschinen ausgeübt wird, sind aber gerade taxierbare Literaten leicht kopier- und ersetzbar.

Umso wichtiger wäre es, wahre Literaten als Beispiele für echte menschliche Leistungsfähigkeit zu erkennen und fördern.

Verstand und Vernunft

„Unsere heutige Bildung ist hauptsächlich an materiellen Werten und an Verstandesbildung orientiert. Aber die Realität zeigt, dass wir mit dem Verstand allein nicht zur Vernunft kommen. Es geht auch um Ziele wie Liebe, Mitgefühl, ein Gefühl für Gerechtigkeit, Achtsamkeit und Vergebung. Und dies als Bildungsziele von den Kindergärten bis zu den Universitäten. Bildung muss ein globales Denken über die Zukunft der Welt vermitteln.“

Dalai Lama, in : Publik-Forum Nr. 3/2018, S. 20.

Schlaumeiermeinungen

Manchmal frage ich mich, was andere wohl darüber denken (werden), was ich so blogge.

Nicht, dass das meine Meinungen bzw. Haltungen ändern würde. Es geht mir vielmehr um den Begriff, den man dafür verwenden würde.

Eigentlich sollten es ja „Profnarreteien“ werden, aber das habe ich weitgehend aufgegeben. Denn was bedeutet das Narrentum noch, wenn die ganze Realität verrückt spielt? Dies humorig auszuschlachten machen die (guten) Kabarettisten wohl besser.

„Philosophenstatements“ trifft es ebenso wenig wie „Expertengerede“. Treffender wäre schon „Klugscheißergeplappere“ oder „Besserwissergelaber“, zumindest wenn man meine Beiträge nicht mag. Auch etwas von „Moralpredigt“ ist darin zu finden, wenn auch nur als Beilage, nicht als Hauptgericht, das eher als „Quereinsicht“ daherkommt (wobei mir die Wortverwandtschaft mit den angeblichen Querdenkern allerdings missfällt). Auch „Wahrheitsannäherungen“ würde mir ganz gut gefallen.

Am liebsten aber wäre mir ehrlich gesagt die Bezeichnung „Schlaumeiermeinungen“. Denn ich wäre gerne ein Schlaumeier, der die Dinge praxisbezogen zu Ende denkt und zu einer möglichst überzeugenden Meinung kondensiert.

Leider hat diese Art „Zuendedenken“ keine Konjunktur (und hatte sie vermutlich auch nie). Die Menschen wollen der Wahrheit nicht ins Gesicht sehen, sondern lieber im Ungefähren leben, wo man sich und andere belügen und so sein bequemes Leben ableisten kann. Diese Haltung ist vermutlich auch ein wesentlicher Grund für die moderne Bildersucht: Bilder gaukeln Information vor, die aber gerade in den allermeisten Fällen keine überzeugenden Argumente liefern können und allenfalls zum Flachdenken animieren. Wenn eine Kultur auf die Wortsprache verzichten will, wird das nicht zu ihrem Vorteil sein. Mein Bloggen ist auch ein Versuch, das unbebilderte Denken zu fördern. Wie man das bezeichnen könnte, weiß ich allerdings auch nicht.

Nichtwissenlernen

Alle Wissenschaften, und auch das darauf beruhende Bildungswesen, haben als primäres Ziel, Wissen zu generieren und es zu verbreiten.

Das erscheint selbstverständlich, sinnvoll und sogar zwangsläufig, denn wir Menschen sind homines sapientes, und Wissen ist die unabdingbare Voraussetzung für Denken und Handeln in einer modernen Gesellschaft. Das Wissen selbst, und das Wissen darum, welche Bedeutung Wissen hat, hat zudem eine beruhigende Wirkung, denn es lässt uns glauben, die Realität im Griff zu haben.

Zunehmend müssen wir aber feststellen, dass Letzteres ein Irrglauben ist und wir uns zu sehr auf das Wissen verlassen haben (und es immer noch tun). Denn selbst die gigantische Wissensexplosion der letzten Jahrzehnte reicht nicht aus, mit den komplexen Problemen der heutigen Realität klar zu kommen. Irgendetwas scheint dort zu fehlen und damit das Versprechen eines wissensbasierten Überlebens der Menschheit in Frage zu stellen. Als Reaktion darauf generieren wir noch mehr Wissen in der Hoffnung, bald den wissenden Stein der Weisen zu finden.

Wir wollen also letztlich das Nichtwissen auslöschen, und wenn wir das erreicht haben, dann muss doch alles gut werden, oder?

Meines Erachtens fehlt es uns aber nicht an Wissen, sondern am rechten Verständnis, am Durchblick, am klugen Handeln usw. Wie man diese Fähigkeiten erlernt?

Das ist komplex. Der erste notwendige Schritt wäre jedenfalls ein Bewusstsein unseres Nichtwissens. Es wäre sinnvoll, zumindest einen Eindruck davon zu haben, was wir alles nicht wissen, denn das würde uns schon einmal nachdenklicher, vorsichtiger und verantwortungsbewusster machen und verhindern, dass wir dem Wahn der Wissensmacht bzw. -mächtigkeit erliegen.

Es müssten also parallel zum Wissenserwerb bzw. in der Wissenskommunikation immer auch die weißen Flecken auf der Wissenslandkarte offengelegt werden, und daneben auch, wie man mit diesem Nichtwissen umgehen kann bzw. soll. Erst wenn ein Mensch diese Kompetenzen besitzt, verfügt er über eine echte Grundbildung.

Das aber wird in Bildungswesen gerade nicht vermittelt, von dem Medien ganz zu schweigen (dort berichtet man lieber über skurrile „Theorien“, die genau dieses Vakuum nutzen, um Anhänger zu finden.

Abgesehen von der Unfähigkeit zum unvoreingenommenen Denken liegen diese Defizite vermutlich auch daran, dass ein solches Bewusstsein auch Ängste vor dem Unkontrollierten und vielleicht Unkontrollierbaren schüren kann, und das würde – wenn es (voraussehbar) irgendwann in Panik mündet – die zu bewältigende Lage noch schwieriger machen. Also wird das Thema lieber gemieden, selbst wenn unsere Wissenslücken eigentlich irgendwo bekannt sind, nur eben nicht Allgemeingut.

So bleibt der Einzelne abhängig davon, was man ihm preisgibt, und er tröstet sich weiter damit, dass er ja nicht alles wissen müsse, sondern sich auf das System verlassen könne. Das ist aber ein weiterer Irrtum, denn das System besteht aus der Summe der Einzelnen und ist letztlich nicht klüger als diese, sondern spiegelt allenfalls deren Durchschnitt oder Dummheit. Vielleicht ist es sogar so, dass analog zum schwächsten Glied einer Kette die Verbildeten (im oben genannten Sinn) der Schwachpunkt im Überlebenskampf unserer Gesellschaft sind.

So bleibt unser Bildungssystem jedenfalls eines von Einbildung und Scheinbildung, solange wir nicht lernen, unser Nichtwissen zu erkennen und damit umgehen zu können.

Schluss mit lustig? Schluss mit dumm!

Und wieder einmal hat Jan Schweitzer (Schluss mit lustig, ZEIT Nr. 3 vom 13.1.2022) die grobe Keule ausgepackt, um auf jene einzudreschen, die vom Pfad der naturwissenschaftlichen Rechtgläubigkeit abgewichen sind. Während ihm beim letzten Mal die Unlogik der Grünen als Vorwand diente, wird nunmehr dasselbe undifferenzierte Denken (allerdings auf einem noch niedrigeren Niveau) auf angebliche Esoteriker und Konsorten losgelassen.

Anhand des Beispiels des Tennisstars N. Djokovic, offenbar ein Anhänger esoterischer Methoden (vermutlich wegen seines Missionierungseifers hat Schweitzer sich nicht einmal die Frage gestellt, wie man denn trotz einer aus einer Sicht mindestens zu belächelnden ineffizienten Haltung weltbester Tennisprofi werden kann) und von uneinsichtigen Impfunwilligen (die der Autor der Einfachheit halber mit Esoterikern in einen Topf wirft) versucht Schweitzer eine große Bedrohung an die Wand zu malen, nämlich die „wissenschaftliche Medizin zu verunglimpfen und unpassende Fakten zu leugnen“.

Sein eigentliches Anliegen aber ist folgendes: „Esoteriker und Alternativmediziner hatten bislang erstaunlich viel Spielraum, viele Heilpraktiker etwa dürfen ohne nennenswerte Ausbildung erstaunlichen Unsinn treiben. […] Geht es aber um ernste Krankheiten, die mit wissenschaftsbasierten Methoden behandelt oder verhindert werden können, darf die Alternativmedizin keine Rolle spielen.“

Ein solcher Aufruf (Schluss mit lustig!) ist starker Tobak, vor allem wenn man berücksichtigt, wie schwach Schweitzers Argumentation ist: Weiterlesen

Gerechter Zufall per Gesetz?

In der ZEIT (Nr. 49 v. 2.12.2021, S. 15: „Nur der Zufall ist gerecht“) hat Prof. T. Walter dafür plädiert, dass im Pandemie-Kontext die Triage-Entscheidungen auf den Intensivstationen nicht mehr der alleinigen Verantwortung der dort tätigen Ärzte überlassen, sondern gesetzlich geregelt werden sollten.

Seines Erachtens bedarf es eines solchen Gesetzes zum einen, um für Ärzte und Patienten Rechtssicherheit zu schaffen. Zum anderen erfordere das Grundgesetz ein solches Parlamentsgesetz, wenn es um die Verteilung knapper intensivmedizinischer Ressourcen gehe (genau wie für Spenderorgane bei Transplantationen).

Diese Sichtweise vertritt grundsätzlich auch das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung 1 BvR 1541/20 vom 16.12.2021. Ihm zufolge muss der Gesetzgeber im Rahmen seiner Schutzpflicht aus Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG „dafür Sorge tragen, dass jede Benachteiligung wegen einer Behinderung bei der Verteilung pandemiebedingt knapper intensivmedizinischer Behandlungsressourcen hinreichend wirksam verhindert wird. Der Gesetzgeber ist gehalten, seiner Handlungspflicht unverzüglich durch geeignete Vorkehrungen nachzukommen.“ (Rn. 130) Obschon es her nur um eine mögliche Benachteiligung Behinderter ging, wird der Gesetzgeber dem zwecks Vermeidung einer positiven Diskriminierung nur nachkommen können, indem er allgemeingültige Triageregeln aufstellt.

Allerdings lässt das BVerfG dem Gesetzgeber weitestgehend freie Hand, welche Triagekriterien und/oder -modalitäten er vorgibt (s. die Rn. 126-128 der Entscheidung im Anhang zu diesem Post). Im Gegensatz zu Walters Einschätzung sieht das BVerfG dabei die klinische Erfolgsaussicht im Sinne des Überlebens der aktuellen Erkrankung als verfassungsmäßig unbedenklich an, nicht hingegen die Maximierung der Gesamtlebenszeit der Patienten (Rn. 116-117).

Die aus Walters Sicht einzige Lösung des Dilemmas, dass der Staat zum einen verpflichtet ist, regulierend einzugreifen, aber anderseits nicht diskriminieren darf, sei der Zufall, da nur dieser letztlich Gerechtigkeit herstellen könne. Der Gesetzgeber müsse demnach eine Triage nach Zufall vorschreiben, wie z. B. einen Losentscheid, oder besser noch eine Priorisierung nach fortlaufender Nummerierung bei Einlieferung Dieses first come, first served-Prinzip wäre sowohl zufallsgleich, weil es von Zufällen abhänge, wer eher erkrankt und eher eingeliefert wird, als auch leichter zu handhaben.

Diese Forderung ist aber aus rechtlichen, ethischen und praktischen Gründen nicht überzeugend: Weiterlesen

Traumaprofiteure

Traumen haben vielfältige Auswirkungen auf die psychische und körperliche Gesundheit der Menschen, die von der oft verwendeten pauschalen Bezeichnung „Post-Traumatische Belastungsstörungen“ sehr unzureichend charakterisiert werden.

Befasst man sich mit dem Grundprozess der Traumatisierung aufgrund einzelner schockierend-überwältigender Ereignisse und/oder Bindungen/Beziehungen, erkennt man das Erklärungspotenzial für eine große Vielfalt von Erkrankungen jeglicher Art. Und man wundert sich, dass so wenige Psychologen auch nur in der Lage wären, eine Traumatisierung zu erkennen, geschweige denn einen Heilungsprozess zu initiieren und begleiten. Von den Ärzten kann man ein entsprechendes Verständnis erst recht nicht erwarten, da sie ja nur für den Körper zuständig sind (und offenbar keinerlei Interesse an umfassender Heilung, sondern nur an Behandlung haben).

Einig ist man sich darin, dass die von Traumen Gepeinigten Geschädigte sind, die leiden und kompetente Hilfe benötigen. Und zurecht spricht man von ihnen als „Opfer“, die keinerlei Verantwortung für das tragen, was ihnen geschehen ist und sie belastet.

Übersehen wird dabei jedoch, dass das, was man als schlimme Traumatisierung thematisiert, auch im Kleinen existiert und die Menschen in ihrer „Persönlichkeit“ (i. w. S.) prägt. Letztlich wird es wenig Menschen geben, die gar kein Trauma erlitten haben. Die meisten haben Traumen erlebt und sie sind von ihnen geprägt, aber sie nehmen das hin als einen Teil ihres Charakters, ihres Schicksals oder ihrer Herkunft und beschäftigen sich nicht weiter damit, weil es ihr Leben nicht in dem Maße beeinträchtigt, dass sie es als behandlungsbedürftig betrachten würden.

Eigentlich könnte jeder davon profitieren, seine Traumen „abzuarbeiten“, denn erst dadurch findet er zu seinem wahren „Ich“. Traumarbeit ist Entwicklungsarbeit hin zu einer erfüllten und unverfälschten Persönlichkeit, die nicht gelenkt wird durch Erfahrungen, derer man sich oft nicht einmal bewusst ist.

Diese Sichtweise entspricht letztlich aber der Haltung, dass ein Trauma immer etwas Negatives ist und der Mensch entsprechend geheilt werden muss. Man kann dies allerdings auch anders sehen: In ihrer Strategie zur Bewältigung von (insbesondere frühkindlichen) Traumen entwickeln viele Menschen besondere Gaben, erhöhte Sensibilität und Einfühlungsvermögen, intellektuelles und spirituelles Interesse, Leidenschaften und Engagement usw. Kurzum: Sie entwickeln besondere Persönlichkeiten, die sie aus der Masse heraustreten und ein besonderes Leben leben lassen, zu dem sie sonst keinen Zugang gehabt hätten. Sie sind die Überflieger, Leistungsträger, Kreative, Wissenschaftler und Leader, welche die Gesellschaft prägen. Ohne Trauma wäre ihnen dies (vermutlich: Testen kann man das nicht) vorenthalten geblieben.

Wirklich verstanden hat man diese Zusammenhänge bis heute nicht. Und vermutlich ist es richtig, sich in erster Linie um jene zu kümmern, die unter der Traumatisierung leiden oder durch sie zu gefährlichen Individuen werden.

Dennoch könnte das Eingeständnis, dass es auch Traumaprofiteure gibt, z. B. im Rahmen eines Heilungsprozesses positive Impulse geben, wenn man versucht, nicht alles rückgängig zu machen, sondern den durch die Traumatisierung entstandenen Input umzuleiten und zu einem positiven Ergebnis beitragen zu lassen.

Bücherschrumpfen

„Es wäre mir recht, wenn Sie die geschriebenen Wörter und Sätze in diesem Buch so lesen würden: Erlauben Sie all den Dingen, die Sie nicht brauchen können, sich einfach zu verflüchtigen. Es wäre nicht schlecht, wenn man Bücher drucken könnte, in denen bei jedem Leser nur die Sätze übrig bleiben, die für ihn wichtig waren. Die anderen könnten verschwinden oder verblassen wie eine Geheimschrift. Wenn die übrig gebliebenen Sätze dann auch noch zusammenrücken würden, könnten wir unsere privaten Bibliotheken schön verkleinern.“

Hanne Seemann, Freundschaft mit dem eigenen Körper schließen, Stuttgart 2007/2016 (10. Aufl.), S. 7.

Und am allerliebsten wäre es mir, ich wüsste schon vor Beginn des Lesens, wie dick ein solchermaßen geschrumpftes Buch in Wirklichkeit ist bzw. wird.

Verdummungslernen

„Wer nichts lernt, bleibt dumm.“

Das ist per Definition richtig, aber interessanterweise ist die negative Umformulierung dieser Aussage falsch. Denn die Aussage „Wer etwas lernt, wird klug“ stimmt so nicht, zumindest nicht, wenn man dem eine allgemeingültige Bedeutung beimisst.

Denn es gibt ein rein wissensorientiertes Lernen, das verblödet, weil es Menschen zu Fachidioten macht. Je mehr Expertise nämlich jemand in einem Bereich erwirbt, desto mehr glänzt er durch Nichtwissen in anderen Bereichen und desto anfälliger wird er für einseitig begründete Entscheidungen und letztlich fehlgesteuertes Verhalten.

Das erklärt sich aus zweierlei Gründen:

  • Das aufgehäufte Wissen des Experten wird durch die im Übrigen herrschende Ignoranz entwertet, weil es seinen Kontext verliert, der Wissende es immer weniger einordnen und nutzbringend anwenden kann und sich als Fachmann letztlich in einer Wissensblase bewegt. Im Gesamtsystem wird die Kommunikation zwischen diesen Wissensinseln immer schwieriger und seltener, und komplexe Probleme werden zwangsläufig soweit vereinfacht, dass der Experte es mit seinem fachlimitierten Wissen und seinen fachspezifischen Methoden bearbeiten kann. Da die Realität nun mal aber komplex ist, führt dies zwangsläufig zu wissensinduzierten Irrtümern und Fehlern.
  • Diese einseitig Hochgebildeten sind meist nicht mehr in der Lage, ihr Nichtwissen zu erkennen und ihre Expertise zu relativieren, d. h. in ihrer Tragweite und Nützlichkeit realistisch einzuschätzen. Viele halten ihr Gedankengebäude für die Realität und propagieren Meinungen und Problemlösungen, die einseitig und damit inadäquat die Realität beschreiben und auch gestalten.

Natürlich trifft das nicht auf alle zu. Aber es ist sehr auffällig, wie stark Lehrer, Professoren, Wissenschaftler und sonstige Experten ihr Verständnis der Welt verabsolutieren und sich auf Meinungsstreitigkeiten einlassen, deren einziger Grund die Tatsache ist, dass jeder nur seine einseitige Sichtweise kennt und andere Perspektiven damit nicht verknüpfen kann.

Je mehr jemand das Fachspezifische beherrscht, desto mehr verlernt er die Intuition, den gesunden Menschenverstand, ein komplexes Problemverständnis und die Bereitschaft, andere Ansichten zu verstehen und mit der eigenen Perspektive in Einklang zu bringen.

Wirklich klug-gelernte Menschen dürfen gerne fachlich versiert sein. Sie verfügen aber immer auch über Meta-Wissen, sind sich der Grenzen ihrer eigenen Kompetenzen bewusst und jederzeit bereit, den eigenen Horizont durch andere Expertisen zu erweitern, Disziplingrenzen zu überschreiten und zu einem integrierten Verständnis zu gelangen.

Gesellschaftlich bedeutet dies insbesondere, dass es gefährlich ist, Experten zu Politikberatern zu machen, wenn hier nicht für Multidisziplinarität und Ausgleich gesorgt wird. Die jahrzehntelange ziemlich einseitige Dominanz der Ökonomen z. B. hat uns einen sehr prekären Wohlstand, aber maximale Umweltprobleme beschert. Wenn in diesen Pandemiezeiten nun Virologen und andere Naturwissenschaftler die Entscheidungshoheit erlangen, muss man sich nicht wundern, wenn ohne ausreichendes Gegengewicht demnächst soziale (und wirtschaftliche) Probleme aus dem Ruder laufen.

Gestohlene Kindheit

Was machen wir bloß mit der Kindheit unserer Kinder?

Wir haben das Vertrauen in ihre natürliche Entwicklungsfähigkeit verloren, saugen uns mit Erziehungsratgebern voll, die vorgeben, wie man „das“ Kind (als standardisierter neutraler Gegenstand) zu erziehen habe, und wollen sie gegen jegliche Gefahren und negative Erfahrungen schützen. Wir geben ihre Erziehung an Schulen ab, welche ihre individuelle Persönlichkeitsentwicklung vor allem behindern, von zu viel überforderten Lehrern bevölkert werden und vor lauter Regularien ihrem eigentlichen Sinn und Zweck aus den Augen verloren haben. Und wir treten vehement dafür ein, dass diese schulbedingte Unmündigkeit möglichst bis zum 19. Lebensjahr durchgehalten wird. Die Talentierten werden unterfordert, die weniger Begabten überfordert, wirklich in seinen persönlichen Eigenheiten gefördert wird kaum jemand. Das Alles beschönigen wir mit dem Ziel der „gleichen Bildungschancen für alle“, das als möglichst einförmiges Beschulen für alle missverstanden wird.

Damit die Kinder im Schulsystem auch möglichst gut „performen“ – davon hängt schließlich der Zugang zur Hochschulbildung ab, und teilweise sogar die Chance auf eine qualifizierte Ausbildung, die beide letztlich für das Lebenszeiteinkommen entscheidend sind – , wird ihre Entwicklung kontinuierlich optimiert. Bei manchen beginnt das schon im fötalen Status (Berieselung mit der richtigen Musik), bei anderen in der Kita (spielerisches Erlernen einer Fremdsprache), auf jeden Fall im Kindergarten, in dem es zwingend intelligenz- bzw. schulerfolgsfördernde Beschäftigung geben muss.

Und wenn der Nachwuchs-Produktionsgegenstand sich dann doch nicht wie gewünscht entwickelt, werden Nachhilfelehrer, Kinderpsychologen, Kieferorthopäden oder gar Schönheitschirurgen engagiert, um das angestrebte Optimierungsziel doch noch zu erreichen.

Was mögen diese Kinder wohl darüber denken, wenn sie dereinst erwachsen geworden sind? Welche Art Menschen werden sie sein? Werden sie nach jahrelanger Indoktrinierung überhaupt noch erkennen können, was ihnen fehlt? Werden sie ihre fehlende Kindheit unbewusst nachholen und dem Druck des Erwachsenendaseins ausweichen wollen? Werden sie angesichts der misslungenen Kindheit körperlich und seelisch anfälliger sein und ihren hart erkämpften materiellen Wohlstand dazu nutzen (müssen), ihre Gesundheit und ihr Gleichgewicht zu retten? Wie werden sie ihrerseits ihre Kinder erziehen?

Warum hat ausgerechnet die Elterngeneration, der es in der Menschheitsgeschichte materiell am besten geht/gegangen ist, so wenig Verständnis für das Kindseinbedürfnis? Welche eigenen Defizite versuchen wir dadurch zu kompensieren? Warum übertragen wir unseren Wunsch nach Lebensglück in diesem Ausmaß auf die „Leistungen“ unserer Kinder? Warum betrachten wir jene misstrauisch, die den Mut haben, ihre Kinder nicht diesem Zeitgeist zu unterwerfen?

Die Zukunft wird diese Fragen mehr oder wenig deutlich beantworten. Wenn alles gut läuft, wird die heranwachsende Generation aus unseren Fehlern lernen. Ob und in welchem Maße die Umstände dann noch ein Umdenken und Umschwenken erlauben, wird sich zeigen. Die Gentechnik jedenfalls steht bereit, den Wunsch der generationsweisen Weiteroptimierung der Nachkommen zu verstärken und damit die Neigung, den Verlust der unbeschwerten Kindheit als überholte Nostalgie einzelner Zukunftsverweigerer darzustellen. Retten könnte die zukünftigen Kinder vielleicht das angeborene Bedürfnis nach unbeschwerter Persönlichkeitsentwicklung. Aber vielleicht kann man ja auch das wegtherapieren.

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„Wir zögerten das Ende der Kindheit so lange wie möglich hinaus. Heute ist die Welt voller Pläne, wie man Kinder am schnellsten zu Erwachsenen macht. Kindheit ist kein Zeitabschnitt, Kindheit ist ein Lebewesen, das nach und nach wie viele andere Lebewesen ausgerottet wird. Die Kinder der Welt gehören ihren Völkern nicht mehr. Sie sind ein über den Erdball verstreutes Volk, das nun vom Volk der Erwachsenen besiegt unter den Bedingungen des Siegers lebt. Dieser Gedanke fällt mir immer wieder ein, wenn ich durch deutsche Städte gehe und die Spielplätze der Kinder sehe. Es sind Reservate. Wir hatten in Damaskus richtige Bäume mit Früchten, Dornen und Blüten. Hier stehen auf den Spielplätzen merkwürdige Konstruktionen aus totem Holz, Kunststoff, Beton und Stahl.“

Rafik Schami, Die Farbe der Worte. 34 Kalendergeschichten, Hörbuch WDR 1999, CD 2, Track 14