Experten-Entfremdung

In der Corona-Pandemie spielen Wissenschaftler eine wichtige Rolle. Den einen ist das zu viel Wissenschaftlichkeit, den anderen zu wenig. Zu Letzteren zählen die meisten Wissenschaftler selbst. So hat sich eine Gruppe von sieben Wissenschaftlern unterschiedlicher Disziplinen zu Wort gemeldet (ZEIT 18.2.2021, S. 33), die mit der bisherigen Strategie der „Politik“ und den darauf beruhenden Maßnahmen unzufrieden ist.

So weit, so gut. Nach der Lektüre ihres Textes fragt man sich aber, wo angesichts von Klugdünkel  und Realitätsferne der Mehrwert liegt. Und vor allem, welchen Kollateralschaden die Sieben damit anrichten und wie man der Wissenschaft mehr Gehör verschaffen könnte. Weiterlesen

Leben auf der Erde

Gab es irgendwann Leben auf dem Mars? Zur Beantwortung dieser Frage werden  Abermilliarden ausgegeben (s. die Beispiele der Mars-Projekte Mars Perseverance oder Mars One, oder die diesbezüglichen Zukunftspläne der NASA).

Und wieviel Geld wird für die Beantwortung der Frage ausgegeben, ob es irgendwann noch Leben auf der Erde geben wird?

Kreuz- und Quergedenke

Es wird zur Zeit viel Aufhebens gemacht von „Querdenkern“ und Konsorten. Warum eigentlich? Halbgare Ideen, schwache Argumente, fehlerhafte Logik, schwülstiges Gerede und Verweigerung der Realität hat es immer schon gegeben und als solches nie viel bewirkt.

Ein wesentlicher Unterschied zu früher ist allerdings, dass diese Leute jetzt organisiert auftreten. Das hebt zwar nicht die Qualität, wohl aber steigert es die Quantität. Und das reicht, um die Demokraten aufzuwecken, weil „ihre“ Demokratie plötzlich gefährdet erscheint, womit sie (wie z. B. der bayrische Ministerpräsident) in Wirklichkeit ihre Mehrheit meinen. Bei genauer Betrachtung bringen diese z. T. antidemokratischen Reaktionen auf die Proteste die Demokratie eher in Gefahr als das Sammelsurium uneiniger Protestler. Insoweit sollte man die „Feinde der Demokratie“ anderswo suchen als bei Letzteren.

Mich stört viel mehr, dass der Begriff „Querdenker“ von diesem Denkproleten gekapert wurde. Was früher als Lob gedacht war, weil der Schwerpunkt auf „-denker“ lag, ist heute zu einem „Kreuz- und Quergedenke“ von Wirrköpfen verkommen, die sich zudem noch bereitwillig von außen manipulieren lassen. Während echte Querdenker eigentlich frische, neue Sichtweisen in eine Diskussion einbringen und das Denken bereichern, stiften die heutigen Querdenker vor allem Verwirrung und Dummheit.

Wenn wir ihnen dennoch den Gefallen tun, sie ernster zu nehmen als es ihnen gebührt, dann liegt das wohl auch daran, dass die echten Querdenker selten geworden sind. Sie sind Außenseiter bzw. sie werden zu solchen gemacht (auch und gerade von den „Demokratiefreunden“) und möglichst ignoriert. Nur wer provoziert und auf Krawall macht, hat noch eine Chance, in die mediale Aufmerksamkeitszone zu gelangen. Und das macht es für die Möchtegernquerdenker leicht, sich selber diesen Nimbus zu geben und den Begriff zu kapern.

Mal schauen, wie lange die Mehrheitsdenke benötigt, um wieder „Ordnung“ herzustellen. Ungelegen kommt es ihr jedenfalls nicht, Querdenker undifferenziert schlechtzureden.

Gute Vorlesungen

Seit Covid-19 grassiert und Präsenzveranstaltungen auf Eis liegen, wird von den einen gerne daran erinnert, wie wichtig die Präsenz-Vorlesung sei, und andere freuen sich lautstark, dass nun endlich die Digitalisierung der Lehre vorankomme.

Beides entspringt nicht nur einer einseitigen Betrachtung, sondern ist auch deswegen irreführend, weil zu wenige Lehrende verstehen, was den Kern einer guten Vorlesung ausmacht. K. Zierer (ZEIT 10.9.2020, S. 35) hat das auf den Punkt gebracht:

„Gute Vorlesungen zeichnen sich aus durch eine Atmosphäre des Vertrauens und Zutrauens, durch ein durchdachtes System von Regeln und Ritualen, durch klare Ziele, die weder zu leicht noch zu schwer, sondern herausfordernd sind, durch Austausch und Kooperation, Reflexion und Kritik, durch Beantwortung der Frage nach der Sinnhaftigkeit des zu Lernenden und durch Rückmeldungen für die Lehrenden, um die nächste Vorlesung planen zu können, und für die Studierenden, um zu erkennen, was sie geleistet haben und woran sie als nächsten arbeiten müssen. Digitalisierung kann in allen Aspekten hilfreich sein, wenn sie nicht anstelle von Präsenz, sondern für ihre Optimierung eingesetzt wird.“

 Das ist leider komplex und anstrengend. Und eben deshalb wurde und wird es auch kaum praktiziert, und auch Corona wird daran wohl nichts ändern.

Kenner und Könner

Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie lernfähig sind und dadurch wissend werden. Als homines sapientes bezeichnen sie demnach auch ihre eigene biologische Art, und in aller Regel steigt mit dem Wissen auch das Ansehen (und im Schnitt das Einkommen). Was sie aber mit ihrem Wissen „anzufangen wissen“, oder vielmehr: was sie damit „anfangen können“, das steht auf einem anderen Blatt.

Manche können ganz gut davon leben, ihr Wissen zu vermarkten: Lehrende jeglicher couleur, Wissenschaftler, Experten, und unter eleganter Beimischung von Meinungen auch Philosophen und Journalisten sowie Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler. Die meisten wenden es auch als Basis für ihr Berufsleben an, vom Handwerker bis zur Ärztin, von der Reinigungskraft bis zum Ingenieur. Aber werden sie dadurch zu Könnern ihres Fachs?

Schon bei Handwerkern ist klar, dass Wissen zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Könnerschaft ist. Handwerkliche Geschicklichkeit und manchmal Kreativität müssen dazukommen. Bei höherwertigen Berufen ist das teilweise ähnlich, wenn man das Beispiel von Chirurgen, Zahnärzten oder Musikern nimmt.

Aber je „verkopfter“ ein Beruf ist, desto mehr neigen wir dazu, aus der Kennerschaft alleine schon die Könnerschaft abzuleiten: Juristen, viele ärztliche Fachrichtungen, oder Berater jeglicher Fachrichtungen sind in aller Regel kundige Kenner, aber keine klugen Könner. Sie glänzen als Fachspezialisten, können Schlaues dahersagen, aber wenn es darum geht, komplexere Zusammenhänge zu deuten und verstehen, und erst recht zu handhaben (oder managen), sieht man erst, mit wie wenig Wasser sie kochen (was aber umso einfacher Dampf erzeugt …).

Warum das relevant ist?

Zum einen weil wir heutzutage wesentlich stärker auf Könner angewiesen sind, als dies vor 50 Jahren der Fall war. Es gibt zwar heute viel mehr Kenner als früher, aber angesichts der Uferlosigkeit des Wissens sind alle Kenner zu Spezialisten geworden, deren Könnertum daher zwangsläufig ebenfalls zunehmend reduziert ist, und das ist angesichts einer hyperkomplexen Realität suboptimal bis katastrophal.

Zum anderen weil unser Bildungssystem leider in erster Linie Kenner produziert, keine Könner. Diplomiert und ggf. sogar staatsexaminiert, aber letztlich nicht in der Lage mehr zu leisten, als im beruflichen Kontext Wissen zu reproduzieren auf jene Standardfälle, die sich freundlicherweise in die Theorie des Erlernten einpassen. Wenn Sachverhalte, Probleme oder Aufgaben aber darüber hinausgehen, sind Kenner überfordert, nicht zuständig oder manchmal auch so dreist, Könnerschaft zu simulieren. Nur kommt dabei nichts Brauchbares heraus.

Die Menschheit müsste also einen evolutorischen Schritt hin zu mehr Könnerschaft machen. Aber was wären wir denn als homines potentes?

Insbesondere würden wir

  • Wissensrelevanz erkennen statt Bildungswissen aufhäufen,
  • holistisch denken statt analytisch,
  • die Folgen für alle (und nicht nur die Menschen) bedenken statt den Glanz der eigenen Tat herauszustellen,
  • problemlösungsorientiert statt lösungstheoriemodellabhängig arbeiten,
  • an Qualität interessiert sein statt von Quantität gesteuert,
  • nach relativem Fortschritt streben statt nach absoluter Maximierung,
  • die eigenen Grenzen erkennen und sie vorsichtig ausloten statt vom Allwissenheitsanspruch beseelt schnelle Fakten zu schaffen,
  • kooperationsfähig sein statt eigenerfolgssüchtig,
  • usw.

Es geht dabei nicht um ein Zurückfahren der Akademisierung, sondern um ein anderes Verständnis der Hochschulbildung, das sich z. T. an Fachhochschulen wiederfindet, von diesen aber bildungspolitisch und strategisch zu wenig genutzt wird.

Dass das Bildungssystem sich selbst reformieren könnte, ist derzeit allerdings wohl Wunschdenken. Dazu wird es zu sehr von Kennern dominiert. Aber wenn irgendwann die defizitären Kenner-Realitäten selbst dem Kurzsichtigsten ins Auge springen, könnte eine Art spontane Evolution Veränderungen zugunsten von mehr Könnerschaft zuwege bringen.

Elefantenwahrheiten

Dass Wahrheit relativ und meist unvollständig ist, zeigt das seit Langem bekannte Gleichnis der blinden Männer und dem Elefanten.

Was anhand eines konkreten Gegenstands – nämlich des Elefanten – sowie des Befühlens leicht nachvollziehbar ist, gilt darüber hinaus aber auch für abstraktere Betrachtungsgegenstände oder -methoden: Jede Wissenschaft arbeitet dabei in der Tat wie ein blinder (oder sehr kurzsichtiger) Mensch, weil sie per Definition einseitig sein muss, um etwas kohärent erklären zu können, und dabei auch nur bestimmte Ausschnitte der Gesamtrealität fokussiert. Aus einem anderen Blickwinkel und in einer anderen Wissenschaftssprache stellt sich die Wahrheit über den Gegenstand hingegen schon anders dar. Selbst was ein einzelner Begriff bedeutet, hängt von der Perspektive und dem Definitionsansatz ab, und nur aus der Kombination unterschiedlicher Sichtweisen ergibt sich der „intrinsische Sinn“ eines Wortes, einer Idee, einer Aussage usw.

Wer aber mit der komplexen Realität bzw. dem Wesenskern eines Gedankens – d. h. dem Elefanten selbst – in der Praxis umgehen will, muss alles im Blick haben und aus vielen „Blinden“ oder „Kurzsichtigen“ einen „Sehenden“ machen. Auf dieser Ebene verabschieden sich dann die Wissenschaften, weil Interdisziplinarität nicht ihre Stärke ist, und sie überlassen es den Künsten und Kunstfertigkeiten, aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild zu entwerfen und gestalten.

Man könnte sicher modernere Alternativen zum vorgenannten Gleichnis finden, z. B. durch die Verwendung von Farbfilteranalogien oder Spektroskopievergleichen. Aber es hapert letztlich weniger an einem passenden Gleichnis als vielmehr an der Bereitschaft der Beobachter und Erklärer, die Relativität der eigenen Perspektive zu erkennen, ihren eigenen Erkenntnissen zugrunde zu legen und ihren Argumenten vorauszuschicken. Das würde in der Tat dazu beitragen, viele unnütze Diskussionen zu vermeiden, und der Überzeugung entgegenwirken, die Wahrheit sei ja grundsätzlich einfach und einseitig.

Aber was schert einen die (komplexe) Wahrheit, wenn man eine (einfache) Überzeugung besitzt? Der Elefant mag eigentlich unübersehbar sein, aber wenn man eben doch nur den Rüssel sehen will, dann bieten sich auch Teilwahrheiten an, d. h. wenn man ihn wegen der eigenen verzeihlichen „Blindheit“ mit einer Schlange verwechselt, wer kann einem das schon übelnehmen? Wer nicht sehen will sieht auch nicht.

Dummerweise setzt die „Elefantenwahrheit“ zudem voraus, dass Elefanten tatsächlich existieren und dass man in der Lage ist, einen solchen zu erkennen, wenn man ihm gegenübersteht, was aber wiederum voraussetzt, dass Elefanten (und sei es nur als Bild oder Vorstellung) dem Wahrheitssuchenden bereits bekannt sind.

Dass eine Wahrheit schon existieren muss, bevor ich sie erkenne, leuchtet ein. Aber muss man auch Wahrheiten schon kennen, um sie er-kennen zu können? Muss ich nicht zumindest eine genaue Vorstellung eines Elefanten haben, wenn ich in der Lage sein soll, Einzelmerkmale eines Elefanten richtig zu erkennen?

Hier zeigt sich die Grenze des Elefantengleichnisses: Die Wahrheit ist nicht vergleichbar mit einem Elefanten, weil sie nicht zwangsläufig außerhalb von uns ist, sondern auch in uns konstruiert wird, und die Wahrheit, die ich er-kenne, in vielen Fällen eine ist, die ich er-schaffe oder er-baue.

Zwiedenken

„Zu wissen und nicht zu wissen, sich des vollständigen Vertrauens bewusst zu sein, während man sorgfältig konstruierte Lügen erzählte, gleichzeitig zwei einander ausschließende Meinungen aufrechtzuerhalten, zu wissen, dass sie einander widersprachen und an beide zu glauben; die Logik gegen die Logik ins Feld zu führen; die Moral zu verwerfen, während man sie für sich in Anspruch nahm; zu glauben, Demokratie sei unmöglich, die Partei jedoch die Hüterin der Demokratie; zu vergessen, was zu vergessen von einem gefordert wurde, um es sich dann, wenn man es brauchte, wieder ins Gedächtnis zurückzurufen, und es hierauf prompt wieder zu vergessen; und vor allem, dem Verfahren gegenüber um das gleiche Verfahren anzuwenden. Das war die äußerste Spitzfindigkeit: bewusst die Unbewusstheit vorzuschieben, und dann noch einmal sich des eben vollzogenen Hypnoseaktes nicht bewusst zu werden.“
George Orwell, 1984 (hier zitiert an der Ullstein TB-Ausgabe 1978, S. 34-35)

Das Zwiedenken ist zwar (noch) nicht eine einseitig auferlegte Denkweise des Großen Bruders, findet sich aber in erschreckender Weise im öffentlichen Diskurs wieder. Ob das heute gravierender ist als vor einigen Jahrzehnten, wäre aber noch zu beweisen.

Siegerbildung

„Die Verlierer haben, wie die Autodidakten, stets ein viel größeres Wissen als die Sieger. Wenn Du siegen willst, musst du eins und nur dieses eine wissen und darfst keine Zeit damit verlieren, auch noch alles andere zu lernen. Das Vergnügen der Gelehrtheit ist den Verlierern vorbehalten. Je mehr Dinge einer weiß, desto mehr sind die Dinge bei ihm nicht zum Besten gelaufen.“

Umberto Eco, Nullnummer (Hanser, München 2015, hier zitiert nach der Hörbuchfassung, CD 1, Track 5, Min 2:10 ff).

Logikfalle?

Jan Schweitzer hat in der ZEIT (24.10.2019, S. 33) in seinem nimmermüden Feldzug gegen Impfgegner, Homöopathiegläubige und sonstige Naturheilkundeanhänger zur Abwechslung nicht nur die Dummheit und uneinsichtige Sturheit dieser Schulmedizinverächter angeprangert, sondern versucht es jetzt einmal mit den Argumenten der gedanklichen Inkonsequenz und fehlenden Logik.

Sein simples Argument (mit einigen überflüssigen Zutaten aufgepeppt): Wenn der Feind (in diesem Fall müssen die Grünen dafür herhalten) beim Klimawandel (zurecht) die eigene Position auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützt, dann könne er unmöglich gleichzeitig Anhänger der Homöopathie sein, da die Naturwissenschaft wiederholt deren Wirkungslosigkeit nachgewiesen habe. Wer so inkonsequent sei, der tappe in eine (inakzeptable) Logikfalle und müsse sich endlich der Naturwissenschaft und Schulmedizin beugen.

Es kann hier nicht dazu Stellung bezogen werden, ob Homöopathie Scharlatanerie ist oder nicht, aber wohl muss festgestellt werden, dass der Autor als offensichtlich blinder Anhänger der Naturwissenschaft und Schulmedizin weitaus größere gedankliche Defizite aufweist als die Grünen.

Seine wesentlichen persönlichen Logikfallen sind die folgenden: Weiterlesen

Künstliche Dummheit

Ich habe mich schon öfter über Dummschwätzerei und Künstliche Intelligenz ausgelassen. Der folgende Text von Harald Welzer (Quelle s. unten) geht in dieselbe Richtung und ergänzt das bestens:

[…] „Die fröhliche Unbedarftheit in Sachen Wirklichkeit ist symptomatisch für die gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung – sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann: Auf der einen Seite gibt es die Bequemlichkeitsreklame der Digitalwirtschaft, die Bedürfnisse zu befriedigen behauptet, die man kurz zuvor noch gar nicht hatte; auf der anderen Seite mit Spezialwissen ausgestattete Warner […], die alarmieren, aber den smarten betrieb in keiner Weise stören. Dazwischen: wenig oder nichts.

[…]  Die Entscheidung über ihren Einsatz kann nicht durch das Vorhandensein der Technologie begründet werden. Die Digitalisierung wirkt sich, wie jede andere Technologie, nach ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Gebrauch höchst unterschiedlich aus, weshalb wir Digitalisierung endlich als gesellschaftspolitische Frage begreifen müssen […].

Und beim meist wenig kenntnisreichen Schwadronieren über 4.0, 5G oder KI werden schwach begründete, aber bestens finanzierte Interessen artikuliert, die Benutzeroberfläche des demokratischen Rechtsstaats upzudaten. Und war, wie bei Updates so üblich, ohne zu fragen, wer die eigentlich haben möchte. Und warum.

Das alles ist unterlegt mit einem Solutionismus, der die Welt nur insoweit zur Kenntnis nimmt, als sie in lösbare Probleme filettierbar ist. Ob und für wen diese Probleme Probleme sind oder in welchen Kontexten und Handlungsketten sie entstehen, tritt dabei nicht in den Blick. Alles, was in diesem Sinn dirty, also nicht binär ist, fliegt raus. Das erzeugt allerdings erst wirklich Probleme.

[…] Die Zuständigkeit der Profis beschränkt sich auf die Lösung von Problemen, deren Kontexte sie nicht interessieren oder zu interessieren haben. Das schon hinlänglich bekannte Problem der organisierten Unverantwortung erreicht hier eine neue Stufe.

Wenn auch ansonsten allerorts nach der Devise „Digitalisierung first, Nachdenken second“ gehandelt wird, muss die Absenz einer öffentlichen Aufmerksamkeit, geschweige denn einer Debatte doch irritieren. […]

Vielleicht ist es ja auch so, dass diese ganze Start-up- und Innovations- und Disruptionsberauschtheit die Menschen zunehmend unter Vollzeitablenkung stellt und kaum noch jemand in der Lage ist, zwischendurch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Einen Gedanken etwa dazu, dass in der Demokratie der flächendeckenden Implementierung einer Großtechnologie eine Auseinandersetzung vorangehen muss, ob man das eigentlich will und wenn ja, wie und wofür. Das heißt: Nach einer vielleicht nicht so überraschenden Überwältigung durch all die Formen, in denen die Digitalisierung nachgerade über uns kommt, ist es jetzt mal Zeit, die Dinge politisch zu sortieren, und zwar nach Maßgabe der Frage, was von den zweifellos hervorragenden Möglichkeiten dieser Technologie für das zivilisatorische Projekt nützlich ist und was nicht.

[…] Wenn man Digitalisierung gesellschaftspolitisch wendet, füllt sich der Raum zwischen Euphorie und Alarmismus mit der Frage, wer wir als Gesellschaft sein wollen und wo uns die Technik dabei nutzt.

Solcher von der Frage nach ihrem zivilisatorischen Sinn geleiteter Einsatz digitaler Technologie wäre großartig. Das zivilisatorische Projekt der Moderne ist der schon ganz gut gelungene Versuch, die Verhältnisse zwischen den Menschen zu verbessern. Das aber geschieht durch soziale Intelligenz – durch rechtsstaatliche Ordnungen und Verfahren, funktionierende Institutionen, abwählbare Regierungen und einiges mehr.

Im Augenblick wedelt der Schwanz mit dem Hund. Sich von Algorithmen vorschreiben zu lassen, wie man leben soll, ist der Wiedereintritt der Menschen in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Man könnte auch sagen: in künstliche Dummheit. Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe.“

(Harald Welzer, Künstliche Dummheit, ZEIT 15.8.2019, S. 6)