Gemittelte Unvernunft

B. Ulrich hat in einem Artikel über den Insektozid (Auszüge hier) zutreffend darauf hingewiesen, dass das in Deutschland seit langem vorherrschende „Gebot der mittleren Vernunft“ zwar politischen Extremismus weitgehend verhindert hat, aber leider nicht geeignet erscheint, „nicht-mittlere Probleme“ zu lösen. „Denn die Demokratie der mittleren Vernunft ist nicht nur blind für die oft extremen Folgen ihres eigenen so gemessen erscheinenden Tuns, sie bestraft zugleich reflexhaft jene, die proportional auf die realen … Gefahren hinweisen oder versuchen, ihnen entgegenzuwirken.“

Naturgesetze, Wirtschaftskrisen oder verwirrte Führungskräfte bedürfen in der Tat einer wahrheitsorientierten Einsicht, nicht einer wie auch immer zustande gekommenen politischen mehrheitsfähigen Meinung. Es mag sein, dass es früher einmal gerechtfertigt war, Wahrheit aus Mehrheit abzuleiten. Die heutigen Kompromissmehrheiten führen jedoch zwangsläufig zu Halbwahrheiten, und dort, wo die Richtigkeit einer Maßnahme von Erkenntnisnuancen abhängt, wird dies in absehbarer Zeit unausweichlich zu Katastrophen führen müssen. Weiterlesen

Tabarnia

Es gibt sie noch, intelligente Politprovokation: Tabarnia! Katalonischer Separatismus wird durch spanischen Sub-Separatismus unterminiert und ad absurdum geführt: Die Chef-Separatisten müssen sich gegen die Abtrünnigen wehren wie der spanische Staat gegen die katalonischen Separatisten. Und was bliebe noch von Katalonien ohne ihre Vorzeigemetropole Barcelona?

Damit ist nicht gesagt, dass sich in Spanien nichts ändern muss, dass aber Unabhängigkeit von allem und noch wem keine Lösung darstellt, sondern nur eine Veränderung des Problems, vor allem wenn die Mehrheiten so knapp sind wie in Katalonien. Dann sind kreativere Lösungen gefragt als sie den Separatisten vorschweben, aber natürlich auch als jene, die die derzeitige spanische Regierung praktiziert.

Vielleicht (oder besser: hoffentlich) bringt Tabarnia die Streitparteien ja dazu, ihr Gehirn anzuwerfen. Und vielleicht inspiriert es ja auch die Brexit-Gegner zu etwas kreativerer Gegenwehr als Schicksalsergebenheit in eine grunddumme Entscheidung, in der eine momentane (und stark manipulierte) Stimmungslage politische Festlegungen auf Jahrzehnte zur Folge hat, die erkennbar suboptimaler sein werden als eine kreative Verhandlungslösung mit der unbestreitbar reformbedürftigen EU es gewesen wäre. Da übrigens auch Hr. Pugdemont gerade in Brüssel weilt, könnte er sich z. B. das zu Unrecht vielbelächelte belgische Modell mal näher anschauen.

Hoffen wir mal, dass dieser viral-politische Kreativitätsausbruch in Europa viele andere, insbesondere in Brüssel und London, ansteckt.

Makroentwicklungen der Rechtsordnung

Dass das positive Recht sich kontinuierlich verändert, ist eine Binsenweisheit. Betrachtet man diese Veränderungen nicht für einzelne Rechtsbereiche oder Normkomplexe, sondern aus einer Makroperspektive für das Rechtssystem insgesamt, kann daraus ein tieferes Verständnis für langfristige (Wesens)Entwicklungen abgeleitet werden, die sich im Laufe von Jahren oder Jahrzehnten inkrementell vollziehen und deshalb oft nicht bewusst wahrgenommen werden.

Die Wissenschaft, insbesondere Rechtswissenschaft und Rechtssoziologie, nehmen diese allenfalls als Einzelaspekte wahr, ohne hieraus ein Gesamtbild zu entwickeln. Letzteres wäre aber notwendig, um tiefgreifende Veränderungen verstehen und hierauf ggf. steuernd Einfluss nehmen zu können. Denn unabhängig von den derzeit konkret beobachtbaren Phänomenen gilt grundsätzlich, dass das Wesen des Rechts, seiner Erscheinungsweisen und gesellschaftliche Funktion, sich in einer permanenten Evolution befindet. So sehr sie sich in den letzten einhundert Jahren verändert hat (und mehr noch in längeren Zeiträumen), so sehr wird sie sich in Zukunft weiterentwickeln, wenn nicht noch stärker angesichts von auf hohen Touren laufenden gesellschaftlichen Entwicklungen.

Mangels breiter wissenschaftlicher Auseinandersetzung mit diesen Fragen beruhen die folgenden Feststellungen auf vielfältigen Lektüren, persönlichen Erfahrungen und individuellen Beobachtungen, die ihrerseits überprüfbar sind. Ob und in welchem Maße sie dauerhaft sind, wird sich in einer Langfristperspektive zeigen. Es lohnt sich auf jeden Fall, sie im Auge zu behalten: Weiterlesen

Dummkraut

Dummkraut wächst immer,
Klugblumen blühn kurz,
am meisten zählt Glimmer,
das Wahre nur’n Furz.

Es siegt der Großmaulbestimmer
meist über den Weisheitswurz,
doch droht dem Gipfelerklimmer
gelegentlich der krude Sturz.

Dann folgt meist ein heillos’ Gewimmer,
den Verstand deckt schließlich kein Schurz,
von Einsicht erscheint nicht mal ein Schimmer.
Und die Nachwelt? Ihr ist eh’ alles schnurz.

Liebe und Überleben

Dass und wie zwischenmenschliche Liebe den Tod überleben kann, wurde schon oft beschrieben.

Der Pater und Zen-Meister Williges Jäger verweist darauf, dass auch das Überleben der Menschheit davon abhängen wird, ob die Durchsetzung des Prinzips Liebe gelingt:

„Eine Spezies, die nicht gemeinschaftsfähig war, wurde in der Evolution immer ausgeschieden. Nicht ein notorischer Mangel an Intellekt, sondern mangelndes „Wissen“ über die Bedeutung von Gemeinschaft und Liebe hat uns dieses gegenwärtige, weltweite Chaos beschert. Die Wiederentdeckung der alles verbindenden Kraft „Liebe“, die wir der Technisierung, Intellektualisierung und Aufklärung geopfert haben, wäre daher die Rettung unserer Spezies….

Leider entfernen wir Menschen uns immer weiter von dieser ganzheitlichen Auffassung des Seins. Damit verfehlen wir uns gegen das Innerste der Welt. Mit unserem Egozentrismus bedrohen wir unser Überleben als Menschheit. Wenn wir nicht aufwachen, werden wir daran zugrunde gehen. Unser derzeitiges Verhalten gleicht einer Krebszelle, die nur für ihr eigenes Wachstum sorgt und damit am Ende sich selbst und den ganzen Organismus vernichtet.“ (S. 64)

„Wir stehen als Menschheit wieder einmal vor einem epochalen Umbruch, vor einer Art kopernikanischen Wende. So wenig wie die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist, kann unser Ich der Mittelpunkt unserer Existenz sein. Nur eine Öffnung unserer rationalen Eingrenzung zugunsten eines transrationalen Begreifens wird uns weiterbringen. In dieser Öffnung zu unserem Seinsgrund liegt unsere Überlebenschance als Menschheit.“ (S. 67).

Aus: W. Jäger, A. Grün, Das Geheimnis jenseits aller Wege. Was uns eint, was uns trennt, Münsterschwarzach 2013

Männererziehung durch Sex-Verträge?

Die Irrungen und Wirrungen des Zusammenlebens der Geschlechter werden derzeit durch eine neue Pointe bereichert, die einmal mehr beweist, dass bei diesem Thema ein Mix aus Vorurteilen, Ideologien und Emotionen einen fruchtbaren Humus für Gedankenunkraut bildet, das auch seriöse Themen überwuchert.

Es geht einmal mehr um den Schutz von Frauen vor sexuellen Übergriffen und Erniedrigungen durch Männer. Lassen wir einmal die empirisch zu klärende Frage beiseite, ob alle derzeit durch #MeToo dokumentierten Geschehnisse wirklich in diese Kategorie fallen und so verbreitet sind, dass man Männer per se unter Generalverdacht stellen muss, so wird man sich dennoch ohne Weiteres darauf verständigen können, dass es immer wieder zu nicht hinnehmbaren Grenzüberschreitungen durch Männer kommt und dass es gut wäre, dagegen ein probates Mittel zu besitzen.

Meist wird in dem Zusammenhang eine Verschärfung des Strafrechts ins Spiel gebracht. Aber die Erfahrungen mit den bereits bestehenden (und teilweise auch schon verschärften) Regeln zeigen, dass deren Umsetzung mit zahlreichen praktischen Problemen behaftet ist und diese letztlich wenig bewirken.

Jetzt wurde als neue Idee vorgebracht, das Problem doch über privatrechtliche Verträge zu lösen (s. z. B. L. Weisbrod, Regelt den Verkehr!, ZEIT 26.10.17, S. 39, dessen pauschalierende und wirre Argumentation hier allerdings lieber nicht weiter kommentiert werden soll). Was ist davon zu halten?

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Die Welt im Theatermodus

Die Welt ist voller Probleme und Herausforderungen, und um hiermit adäquat umgehen zu können muss die Realität richtig erfasst werden.

Als Quelle der Erkenntnis dienen dabei in erster Linie die Wissenschaften. Leider leben sie in einer komplizierten und einigermaßen abgeschotteten Welt. Und damit sie nach außen dringen und dort etwas bewirken, müssen ihre Ergebnisse vereinfacht und verständlich gemacht werden. Diese Translation bzw. Filterung besorgen weitgehend die Medien. Da die Wissenschaften auch noch langsam sind, nimmt ihre Rolle in einer beschleunigten Welt mit einem hohen Bedarf an einfachen Entscheidungshilfen stark ab.

Ersetzt werden sie durch Journalismus, der sich jedoch seinerseits kaum mit Fakten beschäftigt (außer natürlich die wenigen Qualitätsjournalisten), sondern damit, was andere über Fakten, Probleme und Lösungen sagen. Diese „Anderen“ sind manchmal mehr oder weniger Kundige, manchmal mehr oder weniger Zuständige, manchmal auch nur mehr oder weniger Prominente, manchmal sogar Normalbürger. Und wenn es einigermaßen wichtig ist (oder als solches deklariert wird, von wem auch immer), dann wird die Massenmeinung (bzw. „öffentliche Meinung“) abgefragt.

Die Omnipräsenz der Medien, deren Wirkung durch das Internet noch vielfach potenziert wird, hat dazu geführt, dass unsere Kenntnis der Welt – bzw. das, was wir über sie zu kennen glauben – medial vermittelt ist. Zwar gibt es noch unsere persönliche Lebenserfahrung, aber diese ist nicht nur begrenzt, sondern wird auch durch das multimediale Trommelfeuer permanent in Frage gestellt und bei einer steigenden Anzahl Menschen zudem von Fremdmeinungen überlagert. Selbst bei solchen, die nicht in der virtuellen Welt leben, wird jedenfalls der Realitätswahrnehmungssinn durch die mediale Vorprägung massiv beeinflusst.

Daraus hat sich eine Kultur entwickelt, bei der alle derart Befragten und Inszenierten – aber nicht minder die Befragenden und Inszenierenden – sich wie auf einer Theaterbühne verhalten, deren Zuschauer die Medienkonsumenten sind. Sie verhalten sich nämlich nicht authentisch, sondern so, wie es ihre Rolle verlangt bzw. so wie sie glauben, dass sie es verlangt, oder noch so, wie sie ihre Rolle persönlich gestalten wollen.

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#MeNot

Ich bestätige hiermit, dass ich nie eine Frau vergewaltigt habe, und dass ich mich niemals Frauen gegenüber übergriffig, unsittlich, erniedrigend oder vergleichbar unschicklich verhalten habe, zumindest nicht bewusst und in konkreten Taten. (Die Lebensumstände – genauer: Das Verhalten mancher Frauen in jüngeren Jahren – verhinderten allerdings nicht, dass ich der einen oder anderen gegenüber ziemlich böse gewesen bin, was ich nur z. T. bedaure.)

Mein bescheidener Reichtum, meine eher einflusslose berufliche Stellung, mein durchschnittliches Aussehen und meine eher spröde Emotionalität hatten zudem zur Folge, dass ich mich nur äußerst selten weiblicher Zudringlichkeit oder auch nur weiblichen Interesses erwehren musste, die ich gezielt hätte ausnützen können. Wo sich ausnahmsweise trotzdem die Gelegenheit dazu ergab, führten meine Schüchternheit, fehlende Geistesgegenwart, ungünstige äußere Umstände und meine christliche Erziehung dazu, dass nichts passierte, was in die oben genannten Kategorien fallen würde, es sei denn einvernehmlich.

Insofern müsste ich eigentlich dem Idealbild des Mannes entsprechen, das die zumindest in den Medien dominierende öffentliche Frauenmeinung zum Ausdruck bringt. Aber aufgrund meiner Lebenserfahrung kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ein erheblicher Teil der weiblichen Bevölkerung in Wirklichkeit merklich „angepisst“ wäre, wenn alle Männer solche Langeweiler wären wie ich.

Vielleicht bringen die Frauen ja erst einmal untereinander mehr Klarheit darüber zustande, wen bzw. was sie eigentlich wollen, statt pauschal alle Männer unter Sexualbelästigungs-Generalverdacht zu stellen. Das würde auch die Akzeptanz der Letzteren erhöhen, die unzweifelhaft existierenden und für die ernsthaften #MeToo-Fälle verantwortlichen schwarzen Schafe aktiv und konsequent zu disziplinieren.

Denn solange Frauen selber ihre berechtigten Anklagen brutaler Übergriffe dadurch verharmlosen, dass sie diese in einen zum Kochen gebrachten Sexismustopf werfen, der mit Befindlichkeitsstörungen überfüllt ist, die vielleicht durch männliche Geschmacklosigkeiten hervorgerufen wurden, die jedoch keines Geschlechterkampfs bedürfen, sondern einer einfachen sofortigen Gegenwehr selbstbewusster Frauen, solange werden die echten und potenziellen Verbrecher sich einreden können, das Problem liege doch in erster Linie bei den Frauen.

#MeNot-Männer wollen jedenfalls mit diesen Typen nicht in besagten selben Topf geschmissen und für deren Taten verantwortlich gemacht werden. Wenn sie wegen irgendetwas anzuprangern sind, dann allenfalls wegen unterlassener – und sei es nur verbaler – Hilfeleistung. Da sind Männer in der Breite wohl tatsächlich auch nicht mutiger als Frauen. Das hat allerdings nichts mit Sexismus zu tun. Denn Männer sind eben auch nicht bekannt dafür, dass sie schwachen Geschlechtsgenossen gerne zu Hilfe eilen.

(Nachtrag 30.11.: Der Beitrag wurde in Unkenntnis des gleichnamigen Twitter-Hashtags geschrieben. Mit dem dortigen Geschreibsel kann ich nichts anfangen.)

Freundschaft

„Freundschaft ist Ausdruck wechselseitigen Respekts in einer Balance von Nähe und Distanz, die von gegenseitigem Wohlwollen getragen ist und nach Eintracht strebt.“ (Bischöfe Heinrich Bedford-Strohm, Reinhard Marx, ZEIT 26.10.17, S. 54)