B. Ulrich hat in einem Artikel über den Insektozid (Auszüge hier) zutreffend darauf hingewiesen, dass das in Deutschland seit langem vorherrschende „Gebot der mittleren Vernunft“ zwar politischen Extremismus weitgehend verhindert hat, aber leider nicht geeignet erscheint, „nicht-mittlere Probleme“ zu lösen. „Denn die Demokratie der mittleren Vernunft ist nicht nur blind für die oft extremen Folgen ihres eigenen so gemessen erscheinenden Tuns, sie bestraft zugleich reflexhaft jene, die proportional auf die realen … Gefahren hinweisen oder versuchen, ihnen entgegenzuwirken.“
Naturgesetze, Wirtschaftskrisen oder verwirrte Führungskräfte bedürfen in der Tat einer wahrheitsorientierten Einsicht, nicht einer wie auch immer zustande gekommenen politischen mehrheitsfähigen Meinung. Es mag sein, dass es früher einmal gerechtfertigt war, Wahrheit aus Mehrheit abzuleiten. Die heutigen Kompromissmehrheiten führen jedoch zwangsläufig zu Halbwahrheiten, und dort, wo die Richtigkeit einer Maßnahme von Erkenntnisnuancen abhängt, wird dies in absehbarer Zeit unausweichlich zu Katastrophen führen müssen.
Das ist keine wirklich neue Feststellung, auch wenn sie in der Öffentlichkeit ungerne deutlich artikuliert wird, „weil dies Teile der Bevölkerung beunruhigen könnte“. Für die Postdemokratieära wird jedenfalls ein System gesucht, das in der Lage ist, sich der Wahrheit eher zu nähern bzw. mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit richtigere Entscheidungen zu treffen als andere Kollektiventscheidungsmodelle wie insbesondere die aktuell geltenden (wenn auch sich zunehmend auflösenden) Prinzipien von Gewaltenteilung und Demokratie.
System- und Entscheidungstheorie, Spieltheorie, Kybernetik, Managementlehre, Ökonomie, Rechts- und Verwaltungswissenschaft, Soziologie und Sozialpsychologie, und vermutlich auch Bereiche der Naturwissenschaften (Einzelorganismen oder Populationen als Systeme z. B.) können hier wertvolle Einsichten liefern. Und eine Gruppe kluger Menschen sollte in der Lage sein, daraus ein besseres (und vermutlich komplexeres) Entscheidungsmodell zu entwickeln.
Dann müsste man nur noch die Menschen, denen man jahrzehntelang die Demokratie als das non plus ultra unseres Gemeinwesens eingeredet hat, überzeugen, dass ein Systemwechsel auch für sie vorteilhaft wäre, auch wenn sie danach vermutlich weniger Mitspracherechte besitzen.
Leider steht die Macht der gemittelten Unvernunft dem im Wege, und das wird noch einmal dramatisch potenziert, wenn es sich um Probleme auf globaler Ebene handelt. Denn die zu erwartende mangelnde Einsichtsbereitschaft oder -fähigkeit einzelner Staaten bzw. Staatenlenker werden die Reaktionszeit extrem verlängern oder Entscheidungen vollständig unmöglich machen.
Natürlich könnte man das dadurch zu umgehen versuchen, dass einzelne (Menschen, Gruppen oder Staaten) „vorpreschen“ und andere durch ihr Vorbild mitziehen. Theoretisch könnte das funktionieren, praktisch ist es aber eher unwahrscheinlich, wenn damit nicht von vornherein deutliche Vorteile für denjenigen verbunden sind, der dieses Risiko eingehen soll. Und das ist derzeit nicht erkennbar der Fall.
Wahrscheinlicher ist es, dass die Probleme von alleine ihre Lösung suchen (müssen). Und das könnte bedeuten, dass es statt einer geordneten Vorgehensweise nur noch ein „Rette sich wer kann“ gibt, also statt allgemeinverbindlicher Vereinbarungen die krude Macht der Stärkeren.
Die Aussicht hierauf sollte eigentlich ausreichen, die Einsicht in die Reformbedürftigkeit unseres Systems zu steigern. In den Führungskreisen unserer Gesellschaft verspürt man jedoch eher Ratlosigkeit, Neigung zu hysterischer Panik oder einfach nur hedonistische Weltuntergangsvergnügungssucht.
Aber vielleicht sind diese pessimistisch getönten Überlegungen ja auch nur das Produkt einer gemittelten Vernunft. Und vielleicht können die Herrschaften im obersten Quartil der Gaußschen Intelligenznormalverteilungsglocke mir ja freundlicherweise substantiiert widersprechen …