Faktenchecker und Fakechaser

Das Gute am Schlechten ist, dass es uns vor Augen führt, wie wichtig das Gute ist.
Die Einsicht passt auch, wenn man „gut“ durch „Fakt“ ersetzt und „schlecht“ durch „Fake“.

So bemühen sich die Medien denn auch gerade um das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, aber vor lauter Quotengeilheit vernachlässigt wurde: Die Wahrheit der Fakten. Und weil man es jetzt ganz genau nimmt, kontrolliert man nicht nur sich selbst, sondern auch die anderen bzw. deren Fake-News. Das sorgt für Beschäftigung und Unterhaltung!

In dem munteren Spielchen erfährt man dann z. B. mit leichtem Erstaunen, dass der Spiegel print 70 Dokumentare beschäftigt, Spiegel online immerhin noch 2, ZEIT und tagesschau aber keinen. Das könnte man bei Letzteren mit maximalem Qualitätsjournalismus, allerdings auch mit der Abwesenheit ernsthafter Fakten erklären (und bei Ersteren mit dem Umgekehrten), aber das ist vermutlich eine Fake-Vermutung …

Amüsant ist darüber hinaus, dass die Russen, die ja ständig der Fakeproduktion verdächtigt werden, davon jetzt so genervt sind, dass sie – nein, nicht Lüge und Propaganda einstellen, das wäre nach jahrzehntelanger Professionalisierung im Kommunismus auch eine enorme Kompetenzvergeudung – die Fake-News des Westens anprangern wollen.

Das Russische Außenministerium als Fakechaser, das ist Ironie vom Feinsten – aber vielleicht auch eine Falschmeldung, denn noch ist auf der Webseite nichts zu sehen.

Dass die Russen leicht fündig werden, steht außer Zweifel. Denn wie dürftig die Qualität der meisten Beiträge in unseren angeblichen Qualitätsmedien ist, stellt man dann fest, wenn man von einem dort behandelten Thema wirklich etwas versteht. Dann merkt man allerdings auch, dass es nur z. T. darum geht, dass die Angaben falsch sind, sondern viel öfter unvollständig oder mit einem falschen Kontext versehen. Da helfen dann auch keine Faktenchecker, sondern es ist mehr Hirn erforderlich.

Zugegeben: Zwischen Halbgarem und völlig Verfaultem ist schon noch ein erheblicher Unterschied, der sich wie beim Essen im unterschiedlichen Grad der hervorgerufenen Übelkeit manifestiert. Die schlimmsten Fake-News sind ja nicht nur objektiv falsch, sondern verfolgen den Zweck der Diffamierung, Diskreditierung, usw. Darin sind die Russen natürlich zwar gut, aber ein Monopol haben sie darauf trotzdem nicht.

In den USA z. B. ist die politische Einseitigkeit und zweifelhafte Wahrhaftigkeit bei den meisten Medien kaum zu trennen von ihrer grundsätzlichen Weltsicht. Selbst Trump fällt in der Hinsicht ja nur auf, weil er so plump damit umgeht. Das können (auch amerikanische) Profis wesentlich subtiler. Nachdem jetzt immerhin die verbliebene anspruchsvolle US-Presse die Präsidenten-News checkt, und Trump ohnehin seit jeher die nicht wohlgesonnenen Medien der Lüge bezichtigt, geht es dort jedenfalls unterhaltsamer zu als bei den Russen.

Fehlen jetzt nur noch die Europäer. Aber auch die sind schon aktiv, und das ganz ohne Scheu, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Denn lt. ZEIT sind sage und schreibe 11 Mitarbeiter in der Abteilung StratCom (Strategische Kommunikation) des Europäischen Auswärtigen Dienstes bemüht, vor allem Fake-News russischen Ursprungs zu demaskieren. Da wird Russland vermutlich mächtig erschauern. Um den von der EU selbst produzierten Informationsmüll kümmern sich dann demnächst die Russen, es sei denn die Türken …

Was aus diesem (Des)Informations-Tohuwabohu mal werden soll, ist mir noch unklar.

Im Gegensatz zu dem, was man früher glaubte, sind jedenfalls nicht nur Staat und Parteien an dem Spiel beteiligt, auch wenn sie in vorderster Front agieren, sondern jeder Internetnutzer kann sich daran beteiligen und damit sogar Geld verdienen.

A propos Front: Die Verteidigungsstrategie der westlichen Wahrheitsliebhaber erinnert stark an Maginotlinie und Westwall: Kostspielig und ineffizient. Man darf gespannt sein, wann der Westen seine Defensivtaktik aufgibt und zurückschlägt – natürlich unter Wahrung aller Menschenrechte und unter Beachtung aller Datenschutzgesetze! So wie die Atomwaffenaufrüstung zum Gleichgewicht des Schreckens führte, könnte die Cyberaufrüstung dazu führen, dass wir anfangen, die anderen genauso gezielt zu ärgern wie die uns. Und wo früher die Waffenlobby über gutes Geschäft frohlockte, tut das  demnächst im Gleichgewicht des Nonsens die Medien- und Marketinglobby.

Faktenchecker und Fakechaser brauchen wir dann nicht mehr, wohl aber genug Unfugproduzenten und bereitwillige Vervielfältiger. Aber das dürfte das kleinste Problem sein. Die diesbezügliche Generalmobilmachung ist schon lange im Gange. Gegen so viel Kanonenfutter bzw. Ballermänner kommt auch eine Handvoll Faktenchecker und Fakechaser nicht an.

Bleibt also nur die Möglichkeit, das Internet ganz zuzumüllen und damit zu zerstören (eher unwahrscheinlich) oder eine virtuelle Parallelwelt für Wahrheitsfanatiker zu schaffen. Während das allgemeine Web dann die BILD für Doofies wird, findet man im feinen Zirkel die Qualitätspresse – genau wie in der analogen Welt. Und für das Problem, dass die User des ersteren weiter demokratisch über uns bestimmen dürfen, wird sich auch noch eine Lösung finden …