Gefühlte Wahrheit und die Vernunft des Wahlvolks

Viele politische Beobachter scheinen irritiert, weil das (Wahl)Volk sich offenbar irrational verhält, ja sogar bereit ist, gegen seine objektiven Interessen zu handeln und entscheiden.

Schlimmer noch: Nicht wenige Politiker selbst, ehedem natürlich noch authentisch und ehrlich, dann nur noch politisch korrekt, lügen inzwischen hemmungslos drauflos, ohne dass das Volk sie abstraft. Im Gegenteil: Viele Wähler scheinen sogar darauf gewartet zu haben, dass ihnen endlich einer sagt, was sie schon immer hören wollten, aber niemand sich getraut hat, zu fragen/sagen, weil es Unsinn ist.

Kommt das wirklich überraschend?

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Sportreporter

Die schreibenden Trillerpfeifen der Systemsportpresse besitzen das Taktgefühle einer Eckfahne, der Elfmeterpunkt ist die bleiche Sonne ihres geistigen Universums, klein, kalt und ungerührt, auf Rasenhöhe null und immer an derselben Stelle.“ (FINIS, Das Letzte, ZEIT 24.11.2016, S. 57)

Postfaktisch, prärational

Zu den derzeit am häufigsten verbreiteten Scheinwahrheiten zählt die Aussage, wir lebten „ja bekanntlich in einem postfaktischen Zeitalter“. Dass das „bekanntlich“ dazu dient, das eigene Nachplappern als eigenständig erarbeitete Erkenntnis aussehen zu lassen, bedarf keiner weiteren Kommentierung. Wohl aber der Kern der Aussage vom neuerdings (?) angebrochenen postfaktischen Zeitalter.

Nicht gemeint sein kann damit, was das Wort „postfaktisch“ eigentlich ausdrückt, nämlich dass wir die Fakten überwunden bzw. hinter uns gelassen hätten. Denn solange es ein Sein gibt, gibt es Fakten. Und noch ist unsere Welt nicht untergegangen.

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Gesichtswahrender Selbstmord?

Wie schlecht komplexe Themen von den Medien bzw. Journalisten bewältigt werden, kann man täglich erfahren. Nicht um eine Lügenpresse, sondern um eine Ignorantenpresse muss man sich in Wirklichkeit ernste Sorgen machen. Wenn dann auch noch Emotionen hinzukommen, schlägt die Gehirnmaschinerie der 4. Macht im Staate mehr als einmal ‚tilt‘.

Ein schönes Beispiel dafür liefern seit einiger Zeit die Diskussionen um internationale Wirtschaftsverträge wie CETA, TTIP oder TISA (s. hier und hier). Dass die Bevölkerung sich darüber ereifert, ist nachvollziehbar, weil sie zumindest ahnt, dass hier etwas Entscheidendes komplett an ihr vorbeizulaufen droht. Anstatt sich aber eigenständig damit zu beschäftigen und substanzielle Aufklärungsarbeit zu betreiben, beschränken sich die Medien darauf, zu beschreiben, was die Befürworter oder Gegner gerade sagen, glauben, behaupten, tun usw.. Was von ihnen mangels Kompetenz oder Interesse nicht thematisiert wird, findet demnach keinen Widerhall, auch wenn es Dinge sind, die letztlich den Kern dieser Verträge darstellen.

Die schlechteste Figur bei diesem Spiel machen jene Journalisten, die dann auch noch glauben, das Geschehen kommentieren zu müssen: Meinungsfreude gepaart mit Ignoranz war noch selten ein Qualitätsmerkmal. Wenn aber die Meinung nicht mal eigenes Denken reflektiert, sondern das Geplapper anderer nachahmt, und zudem nicht einmal ein minimales Problembewusstsein erkennbar ist, dann verschlägt mir das immer noch die Sprache.

Ein aktuelles Beispiel dafür war die Weigerung einiger belgischer Regionalparlamente, einer vorläufigen Inkraftsetzung von CETA zuzustimmen.

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Feigheit vor dem Volk?

Neuerdings wird wieder über Demokratie gestritten, wobei die Debatte manchmal schizophrene Merkmale aufweist.

Jahrzehntelang wurde Demokratie als transatlantische (amerikanisch-europäische) Errungenschaft in aller Welt angepriesen, Demokratiedefizite bemängelt, demokratische Reformen angemahnt usw. Formal war die Demokratie ein Exportschlager, in der Umsetzung aber war sie mit z. T. erheblichen Tücken und Defiziten behaftet, was der Begeisterung für „das am wenigsten schlechte Regierungsmodell“ (so soll es Churchill bezeichnet haben) aber keinen Abbruch tat.

Inzwischen ist zwar auch im Westen die faktische Übermacht der Exekutive zumindest erkannt worden, aber Vorstöße in Richtung von mehr Basisdemokratie waren nur einzelfallbezogen erfolgreich. Es gibt im Gegenteil sogar zahlreiche Anlässe für Bedenken, ob man der Weisheit des Volkes wirklich trauen kann: Schottland-Referendum, Brexit, US-Wahlkampf, CETA/Wallonie oder verschiedene Volksentscheide in der Schweiz deuten darauf hin, dass der Wille des Volkes ganz schön störend sein kann ‒ wenn nicht gar zerstörend, wenn man die vom Volk ausgehenden innerstaatlichen Konflikte in vielen Ländern hinzuzählt.

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Joffendoof

Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr auf jede Dummheit in Sachen TTIP&Co zu reagieren (siehe TTIP-Wahn), aber Josef Joffes ‚TTIPleite‘ (ZEIT 22.9.2016, S. 10) ist ein so wirres Gedankengemisch, wie es ein Primitivpopulist ärger nicht mixen könnte. Von differenzierender Analyse kann hier keine Rede sein, schon gar nicht von einem fundierten Plädoyer für eine Sache, die zwar eindeutig abzulehnen, aber einer ernsthaften Auseinandersetzung würdig ist.

Mit dem Vertragswerk, seinen Voraussetzungen und möglichen Wirken – also den Fakten – setzt Joffe sich in der Tat keine Sekunde auseinander. Vielmehr assoziiert, amalgamiert und schwadroniert er wild drauflos. Weiterlesen

TTIP-Wahn

Manchmal hat man den Eindruck, TTIP ist kein auszuhandelnder internationaler Vertrag, sondern eine Droge, die jedem, der sich mit diesem Thema oberflächlich beschäftigt, ganz schön das Hirn vernebelt.

Das ist gerade dann besonders ärgerlich, wenn angeblich neutrale Journalisten offenbar das dringende Bedürfnis verspüren, sich diesem Rausch hinzugeben. Dazu reicht es, im Studium mal ein paar Sätze von Freihandelstheorie gehört zu haben, und schon glauben sie, die Welt mit diesem unnuancierten und undifferenzierten Scheinwissen beglücken zu wissen.

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KI statt IQ?

Zum Metier der Journalisten zählt eindeutig das Bangemachen. Wenn ihnen nichts Sinnvolles einfällt, oder sie einem Sachthema mehr ‚Brisanz‘ verleihen wollen, erfinden sie einfach Szenarien möglicher zukünftiger Entwicklungen mit dramatischen Folgen. Der typische Angst-Deutsche liest so etwas gerne, bestärkt es ihn doch in seiner psychischen Verfasstheit, und folglich sind dann auch Verleger und/oder Herausgeber zufrieden.

Da wir in einer Welt leben, in der fast alles in ständiger Veränderung begriffen ist, und es keiner großen Einbildungskraft bedarf, einzelne aktuelle Tendenzen ins Negative bis Dramatische zu extrapolieren, finden sich leicht Themen, die man solcherart ‚aufarbeiten‘ kann, ohne dass es uns irgendwie weiterbringt.

Natürlich sind Gedankenspiele und Szenariobeschreibungen wichtige intellektuelle Instrumente der Zukunftsanalyse und -gestaltung. Was dabei von den Medienschaffenden geleistet wird, ist allerdings weit überwiegend von minderer Qualität.

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Exitus Britannicus?

„Die spinnen, die Briten!“, so denken offenbar viele nach dem Brexit-Referendum. In der Tat weisen viele Indizien darauf hin, dass hier mit viel Gefühl und wenig Verstand votiert wurde.

Aber kann das wirklich erstaunen? Wenn man in den letzten Wochen beobachtet hat, mit wie begrenztem Sachverstand sich sogenannte Experten zu dem Thema geäußert haben, sollte man dem Durchschnittsbriten keinen Vorwurf machen.

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