TTIP-Wahn

Manchmal hat man den Eindruck, TTIP ist kein auszuhandelnder internationaler Vertrag, sondern eine Droge, die jedem, der sich mit diesem Thema oberflächlich beschäftigt, ganz schön das Hirn vernebelt.

Das ist gerade dann besonders ärgerlich, wenn angeblich neutrale Journalisten offenbar das dringende Bedürfnis verspüren, sich diesem Rausch hinzugeben. Dazu reicht es, im Studium mal ein paar Sätze von Freihandelstheorie gehört zu haben, und schon glauben sie, die Welt mit diesem unnuancierten und undifferenzierten Scheinwissen beglücken zu wissen.

Unter den unzähligen Beispielen sei ein aktuelles (U. J. Heuser, ZEIT 21.7.16, S. 1, auch online) herausgegriffen. Er hat im Delirium erstaunliche Einsichten gehabt: „TTIP war ein Zeichen der Hoffnung in einer Welt, in der die Globalisierung längst zurückgedreht wird. … Demgegenüber sollte TTIP gut zehn Prozent der Menschen, die fast die Hälfte des planetarischen Wohlstands erzeugen, in einem riesigen Binnenmarkt vereinen – und dabei hohe Standards für Arbeit, Produkte und Umwelt setzen, an denen auch die Chinesen nicht vorbeikämen.“

Der Mann scheint bereits an erheblichem Realitätsverlust und Wahnvorstellungen zu leiden, wodurch TTIP zwangsläufig einen guten Nährboden findet: TTIP als Zeichen der Hoffnung für die Reichen, noch reicher zu werden, für die Großen noch größer zu werden, für die Mächtigen noch mächtiger zu werden? Sollen die erwähnten zehn Prozent noch mehr des ‚planetarischen Wohlstands‘ monopolisieren, z. B. zu Lasten der Chinesen, und erst recht der anderen 75% der Weltbevölkerung?

Der Mann scheint irgendwie nicht mitbekommen zu haben, dass dieser ‚planetarische Wohlstand‘ (und damit meint er wohl materiellen Reichtum) gerade dazu beiträgt, sowohl die Umwelt als auch soziale Strukturen nachhaltig zu zerstören. Und dass ausgerechnet diese Geldgier dazu beitragen soll, notwendige Mindeststandards sicherzustellen, ist nicht einmal in der dümmsten ökonomischen Freihandelsliteratur nachzulesen.

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass er (wie die meisten anderen, die an dieser Droge mal gelegentlich schnüffeln, aber nicht damit umzugehen wissen) überhaupt nicht begreifen, welche katastrophalen Auswirkungen Klagerechte gegen Staaten und die Sperrklinkenklausel für das Gemeinwohl und die Funktionsfähigkeit des Gemeinwesens haben. Sie stellen das Ende der staatlichen Souveränität und der Demokratie zugunsten der Großkonzerne dar. Schon alleine aus diesem Grunde muss jeder, der noch einigermaßen nüchtern denken kann, konsequent gegen TTIP sein.

Heuser bedauert diese Form Fundamentalopposition. Aber was bleibt den Bewahrern von Freiheit und Unabhängigkeit, wenn selbst solche Formen scheinbar objektiver Berichterstattung von vernebelten Hirnen auf Seite 1 der führenden deutschen Wochenzeitung publiziert werden?