Postfaktisch, prärational

Zu den derzeit am häufigsten verbreiteten Scheinwahrheiten zählt die Aussage, wir lebten „ja bekanntlich in einem postfaktischen Zeitalter“. Dass das „bekanntlich“ dazu dient, das eigene Nachplappern als eigenständig erarbeitete Erkenntnis aussehen zu lassen, bedarf keiner weiteren Kommentierung. Wohl aber der Kern der Aussage vom neuerdings (?) angebrochenen postfaktischen Zeitalter.

Nicht gemeint sein kann damit, was das Wort „postfaktisch“ eigentlich ausdrückt, nämlich dass wir die Fakten überwunden bzw. hinter uns gelassen hätten. Denn solange es ein Sein gibt, gibt es Fakten. Und noch ist unsere Welt nicht untergegangen.

Schon eher scheint gemeint zu sein, die Menschen kümmerten sich nicht mehr darum, was tatsächlich sei, sondern äußerten Meinungen, die der Realität entgegenlaufen. Das allerdings wäre weder etwas Besonderes noch etwas Neues. Denn Meinungen sind keine Aussagen über die Realität, sondern persönliche Einsichten und Überzeugungen, Wünsche und Gefühlsausbrüche. Diese orientieren sich mal an Fakten, mal nicht. Das mag irritierend sein, ärgerlich oder gar irreführend. Aber solange die Aussage als bloße Meinung erkennbar ist, kann man sie als solche behandeln und z. B. ignorieren. Neu ist diesbezüglich allenfalls, dass in unserem Web 2.0-Zeitalter jeder Ignorant seinen Senf zu jedem Thema nicht nur abgeben, sondern auch weltweit verbreiten kann. Was früher am Kneipenstammtisch versickerte, wird jetzt jahrelang abrufbar gespeichert. Aber auch das ist harmlos, denn niemand wird gezwungen, sich mit diesem Gedankenmüll auseinanderzusetzen. Wer es trotzdem tut, ist in aller Regel schon so zurückgeblieben, dass es letztlich auch nichts ausmacht.

Wirklich relevant ist bzw. wäre nur die Feststellung, dass die Menschen sich weigern, die Realität zu erkennen, diesbezügliche Erkenntnisse leugnen oder sogar bewusst verfälschen. Und es scheint in der Tat eine Tendenz zu geben, sich aus religiösen, politischen oder sonstigen ideologischen Gründen entsprechend irrational zu verhalten. Aber ist das wirklich neu?

Durch Borniertheit, Halbwissen, Vorurteile, Glaubenssätze usw. geprägtes individuelles und kollektives Verhalten ist definitiv Teil der Menschheitsgeschichte. Allerdings scheint sich in den letzten Jahrzehnten die Überzeugung verbreitet zu haben, angesichts der wissenschaftlich fundierten Wissensexplosion sei die Wahrheit jetzt bekannt. Und weil es „Mode“ sei, diese zu ignorieren, sei das postfaktische Zeitalter angebrochen.

Wenn man sich dieses Phänomen näher anschaut, erkennt man eine große Vielfalt solch „postfaktischen“ Verhaltens. Zu den typischen Mustern zählt aber insbesondere jenes, als gesichertes Wissen nur dasjenige anzuerkennen, das der eigenen Überzeugung und Voreingenommenheit entspricht. Wer sich näher mit Wissenschaft auseinandersetzt, weiß aber, dass hier mehr subjektive und verfälschende Einflüsse am Werke sind, als der Laie zu glauben bereit ist. Schon die Formulierungsweise der Forschungsfragestellung kann irreführend sein, die angewendete Methode vereinfachend, das Datenmaterial lückenhaft, die Ableitung von Zusammenhängen aus Einzelergebnissen logisch fehlerhaft usw. usw. Kein Wunder, dass in der Vielfalt der so gewonnenen „Erkenntnisse“ Unplausibilitäten, Widersprüche, Lücken usw. enthalten sind. Und je komplexer die zu verstehende Realität, desto schwieriger die (dauerhaft) belastbare Erklärung der Fakten.

Wen wundert’s, dass die Menschen sich diesem Informations- und Meinungsoverkill dadurch entziehen, dass sie einfach alles ignorieren, weil ihnen die Fähigkeit und Anleitung fehlt, sich eine begründete Meinung zu bilden, selbst wenn sie das wollen. Hinzu kommt, dass nicht erkennbar ist, dass die Menschen heute eher bereit oder interessiert wären, sich eine einigermaßen objektive Meinung zu bilden. Die exponentielle Zunahme dokumentierten Wissens hat nicht dazu geführt, dass die Menschen plötzlich mit einer größeren Rationalität ausgestattet wären. Biologisch-psychologisch sind wir immer noch in einem prärationalen Stadium.

Das „postfaktische“ ist also eher ein Indiz für das „prärationale“ Verhalten der Menschen. Und gerade angesichts der aktuellen Phänomene der Informationsvielfalt und des Meinungswirrwarrs ist nicht davon auszugehen, dass die Evolution hier für Besserung sorgen wird. Die Tatsache, dass mehr Menschen denn je einen Schul- und Hochschulabschluss besitzen, hat daran bislang jedenfalls nichts geändert. Das sogenannt „Postfaktische“ sollte also zumindest dazu führen, unser Bildungssystem zu überdenken. Denn nur auf diesem Wege kann man die Menschen zu einem „besseren“ Umgang mit Wissen und Erkenntnis, aber auch mit Unwissen und Irrationalität, verhelfen. Gerade in einer komplexen und beschleunigten Gesellschaft wie der unsrigen ist dies unabdingbar.

Ansonsten werden jene, die unsere Geschicke lenken, diesen Postfaktizismus der Masse der Menschen als Rechtfertigung dafür sehen, diese zu entmündigen, und die Führung einer kleinen „rationalen“ Elite überantworten, oder sogar Großrechnern und Robotern. Ansätze dazu sind im Kern schon erkennbar. Es wird sich aber noch zeigen müssen, ob man einen Globus wirklich mit kühler Rationalität führen kann. Prärationales Verhalten eröffnet auch Unschärfen und Freiheitsgrade, die ein funktionierendes System braucht, um sich flexibel anpassen und im Gleichgewicht halten zu können. Entfernt man diese aus dem Gesamtspiel, kann selbst ein kleiner Fehler zum Gesamt-GAU führen.

Wenn man den aktuellen Postfaktizismus also überhaupt ernst nehmen will, dann sollte man dies als Grundlage dafür nehmen, sich über das Ausbalancieren menschlicher Fähigkeiten und „maschineller“ Unterstützung, von Irrationalität und Rationalität, grundlegende Gedanken zu machen.