Ich habe mich schon öfter über Dummschwätzerei und Künstliche Intelligenz ausgelassen. Der folgende Text von Harald Welzer (Quelle s. unten) geht in dieselbe Richtung und ergänzt das bestens:
[…] „Die fröhliche Unbedarftheit in Sachen Wirklichkeit ist symptomatisch für die gesellschaftliche Debatte über die Digitalisierung – sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann: Auf der einen Seite gibt es die Bequemlichkeitsreklame der Digitalwirtschaft, die Bedürfnisse zu befriedigen behauptet, die man kurz zuvor noch gar nicht hatte; auf der anderen Seite mit Spezialwissen ausgestattete Warner […], die alarmieren, aber den smarten betrieb in keiner Weise stören. Dazwischen: wenig oder nichts.
[…] Die Entscheidung über ihren Einsatz kann nicht durch das Vorhandensein der Technologie begründet werden. Die Digitalisierung wirkt sich, wie jede andere Technologie, nach ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Gebrauch höchst unterschiedlich aus, weshalb wir Digitalisierung endlich als gesellschaftspolitische Frage begreifen müssen […].
Und beim meist wenig kenntnisreichen Schwadronieren über 4.0, 5G oder KI werden schwach begründete, aber bestens finanzierte Interessen artikuliert, die Benutzeroberfläche des demokratischen Rechtsstaats upzudaten. Und war, wie bei Updates so üblich, ohne zu fragen, wer die eigentlich haben möchte. Und warum.
Das alles ist unterlegt mit einem Solutionismus, der die Welt nur insoweit zur Kenntnis nimmt, als sie in lösbare Probleme filettierbar ist. Ob und für wen diese Probleme Probleme sind oder in welchen Kontexten und Handlungsketten sie entstehen, tritt dabei nicht in den Blick. Alles, was in diesem Sinn dirty, also nicht binär ist, fliegt raus. Das erzeugt allerdings erst wirklich Probleme.
[…] Die Zuständigkeit der Profis beschränkt sich auf die Lösung von Problemen, deren Kontexte sie nicht interessieren oder zu interessieren haben. Das schon hinlänglich bekannte Problem der organisierten Unverantwortung erreicht hier eine neue Stufe.
Wenn auch ansonsten allerorts nach der Devise „Digitalisierung first, Nachdenken second“ gehandelt wird, muss die Absenz einer öffentlichen Aufmerksamkeit, geschweige denn einer Debatte doch irritieren. […]
Vielleicht ist es ja auch so, dass diese ganze Start-up- und Innovations- und Disruptionsberauschtheit die Menschen zunehmend unter Vollzeitablenkung stellt und kaum noch jemand in der Lage ist, zwischendurch mal einen klaren Gedanken zu fassen. Einen Gedanken etwa dazu, dass in der Demokratie der flächendeckenden Implementierung einer Großtechnologie eine Auseinandersetzung vorangehen muss, ob man das eigentlich will und wenn ja, wie und wofür. Das heißt: Nach einer vielleicht nicht so überraschenden Überwältigung durch all die Formen, in denen die Digitalisierung nachgerade über uns kommt, ist es jetzt mal Zeit, die Dinge politisch zu sortieren, und zwar nach Maßgabe der Frage, was von den zweifellos hervorragenden Möglichkeiten dieser Technologie für das zivilisatorische Projekt nützlich ist und was nicht.
[…] Wenn man Digitalisierung gesellschaftspolitisch wendet, füllt sich der Raum zwischen Euphorie und Alarmismus mit der Frage, wer wir als Gesellschaft sein wollen und wo uns die Technik dabei nutzt.
Solcher von der Frage nach ihrem zivilisatorischen Sinn geleiteter Einsatz digitaler Technologie wäre großartig. Das zivilisatorische Projekt der Moderne ist der schon ganz gut gelungene Versuch, die Verhältnisse zwischen den Menschen zu verbessern. Das aber geschieht durch soziale Intelligenz – durch rechtsstaatliche Ordnungen und Verfahren, funktionierende Institutionen, abwählbare Regierungen und einiges mehr.
Im Augenblick wedelt der Schwanz mit dem Hund. Sich von Algorithmen vorschreiben zu lassen, wie man leben soll, ist der Wiedereintritt der Menschen in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Man könnte auch sagen: in künstliche Dummheit. Eine mündige Gesellschaft versteht Digitalisierung nicht als Schicksal, sondern als Gestaltungsaufgabe.“
(Harald Welzer, Künstliche Dummheit, ZEIT 15.8.2019, S. 6)