Elefantenwahrheiten

Dass Wahrheit relativ und meist unvollständig ist, zeigt das seit Langem bekannte Gleichnis der blinden Männer und dem Elefanten.

Was anhand eines konkreten Gegenstands – nämlich des Elefanten – sowie des Befühlens leicht nachvollziehbar ist, gilt darüber hinaus aber auch für abstraktere Betrachtungsgegenstände oder -methoden: Jede Wissenschaft arbeitet dabei in der Tat wie ein blinder (oder sehr kurzsichtiger) Mensch, weil sie per Definition einseitig sein muss, um etwas kohärent erklären zu können, und dabei auch nur bestimmte Ausschnitte der Gesamtrealität fokussiert. Aus einem anderen Blickwinkel und in einer anderen Wissenschaftssprache stellt sich die Wahrheit über den Gegenstand hingegen schon anders dar. Selbst was ein einzelner Begriff bedeutet, hängt von der Perspektive und dem Definitionsansatz ab, und nur aus der Kombination unterschiedlicher Sichtweisen ergibt sich der „intrinsische Sinn“ eines Wortes, einer Idee, einer Aussage usw.

Wer aber mit der komplexen Realität bzw. dem Wesenskern eines Gedankens – d. h. dem Elefanten selbst – in der Praxis umgehen will, muss alles im Blick haben und aus vielen „Blinden“ oder „Kurzsichtigen“ einen „Sehenden“ machen. Auf dieser Ebene verabschieden sich dann die Wissenschaften, weil Interdisziplinarität nicht ihre Stärke ist, und sie überlassen es den Künsten und Kunstfertigkeiten, aus den vielen Einzelteilen ein Gesamtbild zu entwerfen und gestalten.

Man könnte sicher modernere Alternativen zum vorgenannten Gleichnis finden, z. B. durch die Verwendung von Farbfilteranalogien oder Spektroskopievergleichen. Aber es hapert letztlich weniger an einem passenden Gleichnis als vielmehr an der Bereitschaft der Beobachter und Erklärer, die Relativität der eigenen Perspektive zu erkennen, ihren eigenen Erkenntnissen zugrunde zu legen und ihren Argumenten vorauszuschicken. Das würde in der Tat dazu beitragen, viele unnütze Diskussionen zu vermeiden, und der Überzeugung entgegenwirken, die Wahrheit sei ja grundsätzlich einfach und einseitig.

Aber was schert einen die (komplexe) Wahrheit, wenn man eine (einfache) Überzeugung besitzt? Der Elefant mag eigentlich unübersehbar sein, aber wenn man eben doch nur den Rüssel sehen will, dann bieten sich auch Teilwahrheiten an, d. h. wenn man ihn wegen der eigenen verzeihlichen „Blindheit“ mit einer Schlange verwechselt, wer kann einem das schon übelnehmen? Wer nicht sehen will sieht auch nicht.

Dummerweise setzt die „Elefantenwahrheit“ zudem voraus, dass Elefanten tatsächlich existieren und dass man in der Lage ist, einen solchen zu erkennen, wenn man ihm gegenübersteht, was aber wiederum voraussetzt, dass Elefanten (und sei es nur als Bild oder Vorstellung) dem Wahrheitssuchenden bereits bekannt sind.

Dass eine Wahrheit schon existieren muss, bevor ich sie erkenne, leuchtet ein. Aber muss man auch Wahrheiten schon kennen, um sie er-kennen zu können? Muss ich nicht zumindest eine genaue Vorstellung eines Elefanten haben, wenn ich in der Lage sein soll, Einzelmerkmale eines Elefanten richtig zu erkennen?

Hier zeigt sich die Grenze des Elefantengleichnisses: Die Wahrheit ist nicht vergleichbar mit einem Elefanten, weil sie nicht zwangsläufig außerhalb von uns ist, sondern auch in uns konstruiert wird, und die Wahrheit, die ich er-kenne, in vielen Fällen eine ist, die ich er-schaffe oder er-baue.