Brandwächter-Journalismus

Die meisten Journalisten scheinen heute nach dem Brandwächter-Modell zu arbeiten: Sie verbringen ihre Zeit damit, Brände zu entdecken – oder oft auch nur potenzielle Brandherde zu vermuten – , dann möglichst laut „Feuer“ zu schreien und anschließend zu kommentieren, wie sie die Arbeit der Feuerwehr finden. Auf die Idee, selber zu löschen, kommen sie nicht, ebenso wenig, einen Beitrag zur Brandprävention zu leisten. Und weil es zu aufwändig und wenig vielversprechend ist, durch die Welt zu reisen, um selber Brände zu entdecken (außer ggf. dahinzufahren, wo gerade besonders viel gezündelt wird), beschränken sie sich darauf, vom Schreibtisch aus zu beobachten, wo andere gerade Feuer entdeckt haben, um deren Alarmrufe zu verbreiten und verstärken.

Besonders viel Mehrwert wird so nicht generiert. In Zeiten des Internet erfolgt die Verbreitung ohnehin millionenfach durch die Leser. Und wenn es darum geht, das allseits Bekannte noch einmal anders aufzubereiten, können das Bots heutzutage ohne Qualitätsverlust wesentlich kostengünstiger. Insofern ist der größte Teil dieses Journalismus entbehrlich.

Darüber hinaus hat dieser professionell betriebene und über die Medien ständig verbreitete Alarmismus die negativen Nebeneffekte, die Menschen zum einen ängstlich zu machen, zum anderen abzustumpfen.

Natürlich müssen echte „Feuer“ erkannt und bekämpft werden, aber das geschieht nicht dadurch, dass man ständig Sirenen heulen lässt, die alle irritieren, sondern sich mit den Ursachen beschäftigt. Für diese Art Arbeit fehlt den meisten Journalisten aber offenbar die Lust oder Zeit.

Und wenn fast durchgängig wegen irgendetwas Alarm ausgelöst wird, verlernen die Menschen zu erkennen, was sie wirklich bedroht und wo sie handeln müssen. Journalisten richten die Lautstärke ihres Geschreis nämlich nicht in erster Linie nach der Realität der Gefahr, die damit verbunden ist, sondern nach dem Grad der Aufmerksamkeit, den sie so erreichen können, denn nur damit können Reputation und oft auch Einkünfte erhöht werden. Irgendwann hören die Menschen aber nicht mehr zu, sondern nehmen dies nur noch als Hintergrundgeräusch war. Das vermindert die notwendige Reaktionsfähigkeit einer Gesellschaft, die durch medial unterstützte panem et circenses ohnehin bereits mental massiv sediert ist.

Journalisten sollten also dringend darüber nachdenken, welche gesellschaftliche Funktion sie eigentlich noch ausüben. Und die kritisch-investigativen Journalisten sollten sich eine neue Berufsbezeichnung ausdenken, um sich von den PR-verseuchten und quotengetriebenen Null-Mehrwert-Abschreibern und Wiederkäuern abzugrenzen. Wenn schon Brandwächter, dann brauchen wir leistungsfähigere Detektoren und Feuerwehren. Brandwächtertum alten Stils ist aus guten Gründen seit Langem ausgestorben. Dessen journalistische Wiedergänger-Variante ist genauso überflüssig.