Wohlverteilte Armut

Es zählt zu den gut eingespielten Entrüstungsszenarien der heutigen sogenannten öffentlichen Meinung, die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger zu brandmarken, oder die sich offenbar unaufhaltsam öffnende Schere zwischen Reich und Arm zu kritisieren.

Lassen wir der Einfachheit halber mal die Diskussionen darüber außer Acht, ob und in welchem Maße die verfügbaren Zahlen diese Schlussfolgerungen wirklich hergeben, irritiert an diesen Berichten zunächst einmal, dass als mögliche Maßnahmen zwar meist die Folgenbeseitigung – insbesondere durch Reichensteuern – propagiert wird, oder (aber schon viel seltener) ein grundlegender Systemwechsel, der die Reichen erst gar nicht reich werden ließe. Dabei weiß jeder, dass Ersteres kaum etwas bewirkt außer Publikumswirksamkeit, und dass Letzteres nicht kommen wird, nicht zuletzt weil der gescheiterte Kommunismus gezeigt hat, dass das Gegenmodell auch nicht attraktiv ist. Also viel Gerede, wenig Praktizierbares, keine Ergebnisse.

So weit so schlecht.

Noch mehr überrascht jedoch, dass nirgendwo vernünftig herausgearbeitet wird, dass eine andere Reichtumsverteilung überhaupt echte Vorteile gegenüber dem Status quo hätte, und wie denn eine optimale Verteilung aussehen würde. Es reicht offenbar, auf die große Ungleichheit zu verweisen, mehr Beweise sind nicht vonnöten, um sich zu entrüsten. Und vielen scheint es in der Tat schon zu genügen, wenn der Fiskus den Reichen etwas wegnimmt. Was dieser dann damit macht bzw. machen sollte, wird sehr pauschal den Staatsverteilungsmechanismen überlassen, von deren Sinnhaftigkeit man einfach ausgeht, ohne sie zu hinterfragen. Weiterlesen