Wohlverteilte Armut

Es zählt zu den gut eingespielten Entrüstungsszenarien der heutigen sogenannten öffentlichen Meinung, die Konzentration des Reichtums in den Händen einiger weniger zu brandmarken, oder die sich offenbar unaufhaltsam öffnende Schere zwischen Reich und Arm zu kritisieren.

Lassen wir der Einfachheit halber mal die Diskussionen darüber außer Acht, ob und in welchem Maße die verfügbaren Zahlen diese Schlussfolgerungen wirklich hergeben, irritiert an diesen Berichten zunächst einmal, dass als mögliche Maßnahmen zwar meist die Folgenbeseitigung – insbesondere durch Reichensteuern – propagiert wird, oder (aber schon viel seltener) ein grundlegender Systemwechsel, der die Reichen erst gar nicht reich werden ließe. Dabei weiß jeder, dass Ersteres kaum etwas bewirkt außer Publikumswirksamkeit, und dass Letzteres nicht kommen wird, nicht zuletzt weil der gescheiterte Kommunismus gezeigt hat, dass das Gegenmodell auch nicht attraktiv ist. Also viel Gerede, wenig Praktizierbares, keine Ergebnisse.

So weit so schlecht.

Noch mehr überrascht jedoch, dass nirgendwo vernünftig herausgearbeitet wird, dass eine andere Reichtumsverteilung überhaupt echte Vorteile gegenüber dem Status quo hätte, und wie denn eine optimale Verteilung aussehen würde. Es reicht offenbar, auf die große Ungleichheit zu verweisen, mehr Beweise sind nicht vonnöten, um sich zu entrüsten. Und vielen scheint es in der Tat schon zu genügen, wenn der Fiskus den Reichen etwas wegnimmt. Was dieser dann damit macht bzw. machen sollte, wird sehr pauschal den Staatsverteilungsmechanismen überlassen, von deren Sinnhaftigkeit man einfach ausgeht, ohne sie zu hinterfragen.

Ökonomen werden sicher einen Mehrwert nachweisen können, der mit einer stärkeren Verteilung großer Reichtümer verbunden ist. Dieser beruht aber letztlich auf dem individuellen Nutzen derjenigen, die davon tatsächlich etwas abbekommen. Für alle anderen macht die größere Reichtumsstreuung erst mal keinen Unterschied, sie werden eher neidischer auf die vielen „Verteilungsprofiteure“ sein als auf den einen (staatlicherseits „gerupften“) Superreichen. Modellhaft kann man da sicher ein Verteilungsoptimum errechnen, aber auf der Basis von so viel realitätsferner oder fiktiver Annahmen, dass dies keinerlei praktische Bedeutung hat und demnach keine Inspiration für gezielte Maßnahmen bietet. Vor allem wird man so keine Begründung dafür finden, wer profitieren soll und wer nicht, außer eben dem abstrakten klassischen Nutzenkalkül, das Kollektiveffekte oder Transfers außer Landes z. B. aber völlig außen vor lässt.

Einfacher ist da die Idee des gleichen Reichtums für alle, die allerdings in dieser Form seit dem Zusammenbruch des klassischen Kommunismus nicht mehr propagiert wird (und wahrscheinlich auch nie vollkommen praktiziert wurde).

Sie wird heutzutage mehr oder weniger explizit ersetzt durch jene, dass alle so reich werden sollen wie die Menschen in den entwickelten Ländern. Wozu zahlen wir sonst Entwicklungshilfe? Dummerweise kann das aber nur funktionieren, wenn wir von unserem Reichtum weitaus mehr als nur Almosenbeträge abgeben, und zwar nicht nur durch Spenden, sondern auch durch den Abbau von Subventionen, Handelshemmnissen usw. Weil wir dazu aber nicht wirklich bereit sind, kritisieren wir doch lieber die Superreichen letztlich dafür, dass sie nicht stärker aufs Reichwerden verzichten (oder sich über materiellen Altruismus freikaufen).

Diese wenigen Superreichen sind letztlich aber nicht das Problem, um das die Gesellschaft sich dringend kümmern müsste, sondern die Riesenmasse der Möchtegern-Reichen. Denn wenn alle Armen dieser Welt denselben Durchschnittsreichtum besäßen wie ein Deutscher beispielsweise, würden sie wahrscheinlich denselben Lebensstil annehmen, und dann wäre die Welt tot (wir inklusive).

Daraus könnte man zynisch schließen, dass wir entweder vermeiden müssen, die Armen reich werden zu lassen, oder eben mit mehr Ehrlichkeit bereit sein, unserem Reichtum zu teilen, d. h. ärmer zu werden.

Wonach wir also suchen müssten, ist ein Optimum der wohlverteilten Armut, ausgehend von den Ressourcen, die auf unserem Globus verfügbar sind. Hier darf es gerne Ungleichheiten geben. Für die Reichtums- bzw. Armutsverteilung sollte dabei letztlich entscheidend sein, wer mit den ihm anvertrauten Gütern am nachhaltigsten umzugehen vermag.

Im Übrigen lassen sich auch knappe Ressourcen um so leichter verteilen, je geringer die Zahl der Empfänger ist. Bei einer sinkenden Gesamtbevölkerung sinkt die Armut bei gleichbleibendem Gesamtreichtum. Dafür müsste es eine Demographiepolitik auf internationaler Ebene geben, wovon aber die „aufstrebenden“ Länder weit entfernt sind (selbst China hat seine Ein-Kind-Politik aufgegeben). Immerhin sind wir da – wenn auch ungewollt – vorbildlich: Zwar sterben „wir“ nicht aus, aber wir werden in 100 Jahren weitaus weniger sein.

Ob das die Armutsverteilung beeinflusst, wird sich noch zeigen müssen. Wer aber freiwillig von seinem Reichtum nichts abgeben will, der muss sich nicht wundern, wenn andere kommen, um ihn sich zu holen. Denn von und in einem reichen Land wie unserem ist mehr zu holen als von wenigen Superreichen, die ihr Geld schließlich nicht wie Dagobert Duck horten, sondern in zahllosen Investments, die zu managen die meisten von uns ohnehin nicht in der Lage wären.

Statt uns darauf zu fokussieren, die Superreichen ärmer zu machen sollten wir uns damit beschäftigen, wie wir selbst mit Anstand ärmer werden können.