Ist es nicht verrückt, wie viel Zeit wir darauf verwenden, Vermögen zu erwerben, und später dann die erworbenen Werte renditestark anzulegen, in der Substanz gegen Ansprüche Dritter und die Willfährigkeiten des Marktes zu schützen, und sie im letzten Schritt möglichst unangetastet an die nächste Generation weiterzugeben? Wieviel Lebenszeit, Stress, Ängste, Frust und vielleicht Verzweiflung ist damit verbunden!
Diese Lasten bedeuten nicht zwangsläufig, man solle gleich ganz auf das Streben nach Reichtum verzichten. Denn wer in Armut lebt, hat zwar nicht diese ‚Sorgen‘, dafür aber eine Menge anderer, die i. d. R. auch wesentlich existenzieller sind als die der Begüterten.
Eher wäre es interessant zu wissen, ob es einen optimalen Grad des (individuellen) Reichtums gibt, ein Niveau, auf dem Existenzängste keine Rolle mehr spielen, weil man reich genug ist, aber eben doch nicht so reich, dass man seine Lebenszeit mit Renditejagd und Vermögenssicherung verbringen müsste.
Es wäre wohl naiv, dieses Niveau quantifizieren zu wollen. Denn diese Art des Optimums hängt nicht nur vom sozialen Kontext ab, sondern auch von individuellen Persönlichkeitsmerkmalen, Fähigkeiten und Präferenzen.
Hilfreich ist diese Idee dennoch als Denkkategorie: Wie wichtig ist mir die (weitere) Mehrung des Vermögens? Ab wann ist der Mehrwert des Reichtumszuwachses geringer als der dazu aufzubringende Verlust der Lebensqualität?
Für den einen mag das mittellose Leben des Philosophen in der Tonne bereits das Optimum sein, für den anderen die erste Million, für noch andere gibt es keinen Lebenssinn außerhalb dieser materiellen Sphäre. Letztlich ist der subjektiv optimale Grad des Reichtums also derjenige, auf dem tatsächlich Erreichtes und als ideal Erachtetes übereinstimmen.
Ein solcher Denkansatz hat aber zwei entscheidende Schwächen:
- Die Frage als solche setzt nämlich Reichtum schon voraus, und entsprechend betreffen diesbezügliche Überlegungen letztlich die Maximierung eines Luxusstandards. Wer die Muße hat, sich mit einer solchen Frage zu beschäftigen, besitzt eigentlich per Definition schon genug, wenn nicht zu viel.
- Zudem legitimiert eine rein subjektive Sichtweise letztlich jeden Grad der Gier, wenn jemand behauptet, diese sei eben erforderlich zum Erreichen seines individuell optimalen Grads des Reichtums.
Versucht man, diese Fragestellung auf eine objektive Ebene zu bringen, gelangt man schnell zum Thema der Verteilungsgerechtigkeit, das aber üblicherweise aus übergeordneter (sozialpolitischer) Warte behandelt wird. Wenn man statt der gesellschaftlichen Perspektive die individuell-objektive einnimmt, geht es letztlich um Folgendes: Anhand objektiver Maßstäbe auf individueller Ebene entscheiden zu können, wann jemand genug hat und ggf. abgeben soll. Heute geht unsere Gesellschaft bzw. unser Rechtssystem davon aus, dass Individuen immer subjektiv orientiert entscheiden, und die Beschränkungs- und Umverteilungsmechanismen werden von oben dekretiert und funktionieren nach standardisierten Normen, die dem Einzelnen keine diesbezüglichen Entscheidungen zumuten oder nur eingeschränkt zutrauen (s. z. B. das steuerliche Gemeinnützigkeitsrecht).
Verlagert man die Entscheidung aber auf den Einzelnen, kann dieser sich nur noch auf die Moral (oder die Religion) berufen, wenn er darüber befinden möchte, ob er nicht schon reich genug sei.
Selbst so formuliert könnte das ein Scheinproblem sein, denn jeder ‚Aussteiger‘ beweist ja, dass man solche Entscheidungen selbst und ggf. in radikaler Weise treffen kann. Aber gerade dieses Problem zeigt, dass der optimale Grad des Reichtums vielleicht nicht ermittelt werden muss, wohl aber der minimale. Aber wo ist dieser anzusiedeln? Handelt es sich um das Existenzminimum, und ist dieses identisch in München und Gelsenkirchen? Womit man dann doch wie bei den subjektiven Elementen wäre.
Letztlich ist der optimale Grad des Reichtums ohne Werturteil nicht zu definieren. Nicht die Ökonomie, sondern eine Verantwortungsethik ist vonnöten, wenn man dem Gierprinzip eine Alternative entgegensetzen möchte.
Und dies kann man verallgemeinern auf jede ökonomische Optimierungsfragestellung, vom Wachstum über den Freihandel bis zur Staatsverschuldung.
Was wir also brauchen, sind nicht nur konkretisierte moderne gesellschaftliche und individuelle Werte, sondern auch ein Instrument, um die Menschen dazu zu bringen, deren Bedeutung für das zukünftige Zusammenleben, aber auch für das eigene verantwortungsvolle Handeln, zu erkennen. An beidem müsste dringend gearbeitet werden.