Gefühlte Wahrheit und die Vernunft des Wahlvolks

Viele politische Beobachter scheinen irritiert, weil das (Wahl)Volk sich offenbar irrational verhält, ja sogar bereit ist, gegen seine objektiven Interessen zu handeln und entscheiden.

Schlimmer noch: Nicht wenige Politiker selbst, ehedem natürlich noch authentisch und ehrlich, dann nur noch politisch korrekt, lügen inzwischen hemmungslos drauflos, ohne dass das Volk sie abstraft. Im Gegenteil: Viele Wähler scheinen sogar darauf gewartet zu haben, dass ihnen endlich einer sagt, was sie schon immer hören wollten, aber niemand sich getraut hat, zu fragen/sagen, weil es Unsinn ist.

Kommt das wirklich überraschend?

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Feigheit vor dem Volk?

Neuerdings wird wieder über Demokratie gestritten, wobei die Debatte manchmal schizophrene Merkmale aufweist.

Jahrzehntelang wurde Demokratie als transatlantische (amerikanisch-europäische) Errungenschaft in aller Welt angepriesen, Demokratiedefizite bemängelt, demokratische Reformen angemahnt usw. Formal war die Demokratie ein Exportschlager, in der Umsetzung aber war sie mit z. T. erheblichen Tücken und Defiziten behaftet, was der Begeisterung für „das am wenigsten schlechte Regierungsmodell“ (so soll es Churchill bezeichnet haben) aber keinen Abbruch tat.

Inzwischen ist zwar auch im Westen die faktische Übermacht der Exekutive zumindest erkannt worden, aber Vorstöße in Richtung von mehr Basisdemokratie waren nur einzelfallbezogen erfolgreich. Es gibt im Gegenteil sogar zahlreiche Anlässe für Bedenken, ob man der Weisheit des Volkes wirklich trauen kann: Schottland-Referendum, Brexit, US-Wahlkampf, CETA/Wallonie oder verschiedene Volksentscheide in der Schweiz deuten darauf hin, dass der Wille des Volkes ganz schön störend sein kann ‒ wenn nicht gar zerstörend, wenn man die vom Volk ausgehenden innerstaatlichen Konflikte in vielen Ländern hinzuzählt.

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