„Alle Menschen sind sterblich.“ Noch gilt dieser Spruch. Aber wie lange noch?
Wenn man den neuesten Forschungsergebnissen Glauben schenkt (s. ZEIT 6.4.17, S. 29 ff., SPIEGEL 16/2017, S. 12 ff.), sind die Erkenntnisse so weit gediehen, dass zumindest die jüngere Generation ernsthaft davon träumen darf, ihr Leben nennenswert verlängern zu können, und zwar in einem frühen Stadium und nicht erst als Greise.
Es liegt nahe, zu vermuten, dass die meisten Menschen diese Chance werden nutzen wollen. Aber geht damit wirklich ein Menschheitstraum in Erfüllung, wie gerne behauptet wird? Vieles spricht dafür, dass dies für die Menschheit insgesamt (und unseren Planeten) eher zum Albtraum wird.
Lebensverlängerung?
Nehmen wir als Gedankenspiel einmal an, 50% der Weltbevölkerung wollten und könnten ihr Leben um 50% verlängern: Welche Folgen würde das haben?
- Zunächst einmal drohte in kürzester Zeit ein drastischer Bevölkerungsanstieg. Da weite Teile des Globus bereits jetzt unter Überbevölkerung leiden, würde dies schnell zu einem Kampf um die natürlichen Ressourcen führen, aber auch zu einem Wettlauf um finanzielle und soziale Ressourcen: Denn wo sollen so schnell so viele zusätzliche Arbeitsplätze, Wohnungen usw. herkommen?
- Vermutlich würden die Gesellschaften hierauf freiwillig oder unter Zwang so reagieren, dass sie das Kinderkriegen drastisch reduzieren oder einstellen. Voraussichtlich würde die Altersgruppe zwischen 30 und 50 drastisch zunehmen, da in dieser Zeitspanne die Lebensverlängerung wohl am sinnvollsten wäre. Dies würde zu einem vollkommenen Ungleichgewicht der Bevölkerungspyramide führen, so dass bei einem dann doch irgendwann unvermeidlich eintretenden Alterungsprozess nicht mehr genug Junge da sind, die für die Alten arbeiten, zahlen usw.
- Es würden zwingende Ordnungsregeln benötigt, die festlegen, wer noch Kinder zeugen darf, wer wann in welchem Umfang sein Leben verlängern darf, und ggf. auch, wer wann zu sterben hat. Letzteres Problem löst man vielleicht so, dass man Krankheiten nicht mehr behandelt, so dass der Pechfaktor darüber entscheidet, wer eben nicht so lange lebt. Können die Menschen sich nicht auf solche Regeln einigen, werden die Mächtigen, Reichen usw. vermutlich dafür sorgen, dass die lebensverlängernden Mittel nur ihnen (faktisch oder finanziell) zugänglich sind, was allerdings nur mit Gewaltmitteln durchsetzbar sein dürfte, sobald der Rest der Bevölkerung davon erfährt.
- Wenn der Jungbrunnen tatsächlich aus dem Blut junger Menschen gewonnen wird (so ein aktueller Ansatz), braucht es keine große Fantasie, um davon auszugehen, dass die Mächtigen sich junge Sklaven halten werden, die das laufend benötigte Elixier produzieren. Bereits heute trifft der frühe Tod (der „ewige Gleichmacher“) nicht alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen. Diese Diskrepanz wird sich verstärken und ein friedliches und grundsätzlich gleichberechtigtes Zusammenleben unmöglich machen.
- Auch ansonsten wird die gesellschaftliche Realität komplexer: Wie gehen Eltern und Kinder miteinander um, wenn sie plötzlich gleich alt sind? Hört die Gesellschaft auf, sich zu verändern, und nähert sie sich einem Erstarrungszustand, wenn der Großteil der Bevölkerung auf einer Entwicklungsstufe verharrt? Wie verhalten sich Menschen, die 40 Jahre lang 40 Jahre alt sind? Gibt es noch eine Persönlichkeitsentwicklung?
Ewiges Leben?
Noch absurder erscheint die Idee, die Menschen könnten ewig leben. Wozu soll das gut sein?
Unser Planet hat davon sicher nichts. Und was will eine Gruppe immergleicher Menschen ewig miteinander anfangen? Wenn stattdessen nur einige diese Chance erhalten, wird es ihnen vermutlich so gehen wie der Hauptperson in Simone de Beauvoirs „Der unsterbliche Mensch“: Wenn immer wieder dieselben Dummheiten geschehen, nur durch andere Menschen, entsteht zwangsläufig (Lebens-)Überdruss und die Unsterblichkeit wird zur Last.
Noch grundlegender ist die Feststellung, dass beim garantiert ewigen Leben jede Handlung ihren Sinn verliert: Man kann sie ewig reproduzieren, nichts ist wichtig, es gibt kein Ziel zu erreichen, kein Leben zu gestalten, sondern nur irgendwie die endlose Wiederkehr zu bewältigen. Ist ein Wesen ohne Bewusstsein seiner Endlichkeit überhaupt noch ein Mensch? Sind diese Individuen überhaupt noch soziale Wesen? Sind sie noch Lebewesen, Teil der Natur, oder vielmehr mobile, aber steingleiche Lebendtote?
Vielleicht haben die Menschen das ja auch schon intuitiv eingesehen und ziehen es deshalb vor, an eine Wiedergeburt zu glauben: Diese erscheint weniger erdrückend und immer noch abwechslungsreich genug, um das jetzige Diesseits zu ertragen. Am besten wäre es natürlich, man könnte an das ewige Leben im Jenseits (genauer: im Paradies) glauben, aber das liegt leider außerhalb der Forschungsinteressen der Wissenschaftler.
Es ist also fraglich, welchen Sinn diese Forschungen für die Menschheit ergeben, erst recht, wenn man davon ausgeht, dass diese ohnehin die größte Gefahr für das Überleben unseres Planeten darstellt. Die Geldgier der Forscher und ihrer Financiers wird allerdings mit großer Wahrscheinlichkeit dafür sorgen, dass die Menschheit sich mit dieser Plage wird beschäftigen müssen.
Meine größte Hoffnung ist, dass die Menschen in ihrem Größenwahnsinn die Natur bzw. menschliche Physiologie doch nicht so gut beherrschen, weil das das Leben komplexer ist, als wir es glauben. Die Natur wird hoffentlich Finten finden, uns doch altern und sterben zu lassen. Und sei es nur die, dass wir uns das Längerleben gegenseitig nicht gönnen.
Die Menschheit und jeder Einzelne wären jedenfalls gut beraten, sich mehr um ein gelingendes Leben zu kümmern als um ein längeres.