Klimatitanic

„Stellen wir uns vor, Deutschland ist die Titanic. Die Titanic ist bereits mit dem Eisberg kollidiert. Es klafft ein riesiges Loch im Rumpf, und das Schiff mit ca. 1600 Passagieren beginnt zu sinken. An Deck demonstrieren die jüngeren Passagiere wütend dafür, sofort die Schiffsmotoren zu stoppen und das Leck zumindest teilweise abzudichten, damit der Ozeanriese nicht oder wenigstens langsamer sinkt. Und jetzt tritt beherzt die erste Offizierin vor und hält eine Rede vor den Passagieren, in der sie warnt: „Wir müssen entschlossen und auf jeden Fall den Kurs ändern, weil das Schiff sonst gegen einen Eisberg fährt“, ruft sie. Die Kursänderung gehe mur in Abstimmung mit anderen Schiffen und nicht ohne den Tanzball auf dem Luxusdeck zu unterbrechen…“

 Jan Frehse, in einem Leserbrief an die ZEIT zu einem Artikel von Annegret Kramp-Karrenbauer, die jetzt die Klimapolitik ernst nehmen will und sich dabei in nichts von Merkel und Co unterscheidet: Viel reden, aber nichts tun.

dann

wenn die zeit kühlgesinnt
ohne halt sich vorwärts schiebt
und die kraft nicht zum widerstand reicht

wenn die zeit verrinnt,
und das jetzt zerstiebt,
fahrig, flüchtig und bleich,

wenn die zeit beginnt,
in der es kein später mehr gibt,
und wenn doch, dann nur jetzt gleich,

wenn die zeit sich verdünnt
und die erinnerung trübt,
und ein tag dem anderen gleicht,

wenn die zeit sich krümmt
und den rückzug übt,
weil das ende fast erreicht,

dann …
ja dann …
was dann?

Toleranz

„Wir müssen neu über Toleranz nachdenken [nicht nur die der anderen, sondern auch die eigene]. Glauben diejenigen, die die Auch-Konservativen weiter liberalisieren wollen, wirklich, sie erreichten dies, indem sie ihnen das Gendersternchen vorschreiben? Indem sie ihnen verbieten, Dekolleté-Komplimente zu machen? Indem sie wütend losfauchen, sobald einer sie fragt, wo sie geboren sind? Indem sie jeden schlechten Witz auf Kosten der queeren Community zum Skandal aufbauschen? […]

Klüger, weil integrierender, wäre es, Bürger mit eher traditionellen Wertvorstellungen nicht als Geisterfahrer zu deklarieren, sondern davon auszugehen, dass auch sie Richtung Zukunft fahren, dabei allerdings für ein Tempolimit plädieren. […]

Toleranz ist die Haltung des […] erwachsenen, zu einer gewissen Komplexität fähigen Menschen, der unterscheiden kann zwischen dem, was er tatsächlich befürwortet, und dem, was er mit Blick auf den gesellschaftlichen Frieden lediglich erträgt, obwohl er es eigentlich ablehnt.“

Thea Dorn, Abrüsten, Avantgarde!, ZEIT 28.3.2019, S. 3 (Textreihenfolge z. T. geändert)

Weiße Autos

Weiße Autos sind in. Das automobile schwarz-anthrazit-silberne Einerlei erhält immer mehr Kontrapunkte. Warum wohl? Lohnt sich eine kollektiv-psychologische Betrachtung?

Die bunten Farben der Nachkriegsjahre bis in die Siebziger sind wohl nicht schwer zu deuten. Etwas unverständlicher sind die seither Überhand nehmenden dunklen Langeweilerfarben. Materiell ging und geht es uns so gut wie nie, aber Lebensfreude scheint das nicht zu vermitteln. Oder trauen wir uns bloß nicht, das auszudrücken? Teure Autos ja, aber understatement in der Außenwirkung? Das erscheint mir nicht plausibel. Eher schon der Dienstwageneinfluss. 70-80% der wohl auch farblich tonangebenden Nobelkarossen sind Dienstwagen, und die müssen seriös daherkommen. Dem haben sich die privaten Selbstzahler angepasst, um davon zu profitieren, zumal man ja auch immer den Wiederverkauf im Blick haben muss, und der ist offenbar schwieriger bei ausgefallenen Farben.

Aber warum dann neuerdings der Wechsel zu einer anderen – wenn auch helleren – Nichtfarbe?

Haben wir ein schlechtes Gewissen, weiter Auto zu fahren, und wollen mit dem Weiß unsere Unschuld zumindest farblich demonstrieren? Die moderne Form von Pilatus‘ „Hände in Unschuld waschen“, nur eben mit Absicherung gegen den Wertverlust?

Vielleicht ist es ja auch ein Keim der Hoffnung auf einen Neuanfang von ich weiß nicht was; eine Andeutung der Bereitschaft, anders zu sein, ohne echt aufzufallen; ein Signal des schüchternen Aufbegehrens gegen die dunkle Übermacht.

Die absichtliche Kontrastbildung von weiß und dunkelgrau findet sich im Übrigen auch in vielen neu gebauten Immobilien, was bei mir den gedanklichen Reflex auslöst, dass die Bauherren (und Architekten) keine Ideen haben oder vielleicht sogar Angst, klare Statements abzugeben. Diese Farben sind im wahrsten Sinne des Wortes cool und sehen modern aus, da liegt man im Trend und muss nicht zuviel Persönliches investieren und sich positionieren. Vielleicht gilt das ja auch für weiße Autos.

Ich bin mal neugierig, wie die Dinge sich weiterentwickeln. Große Hoffnung auf einen Wechsel zu mehr Farbe habe ich allerdings nicht. Und irgendwie fühle ich mich als Gebrauchtwagenkäufer diskriminiert, weil ich vermutlich weiter vergeblich darauf warten muss, mal endlich wieder echte Farbe zu fahren.

Nachtrag 24.5.18: Vielleicht sind weiße Autos auch nur unbewusste Zeichen (und Vorboten) des Klimawandels. In südlichen Ländern sind weiße Autos nämlich beliebt, weil sie Sonne und Hitze besser reflektieren als dunkle.

Dummkraut

Dummkraut wächst immer,
Klugblumen blühn kurz,
am meisten zählt Glimmer,
das Wahre nur’n Furz.

Es siegt der Großmaulbestimmer
meist über den Weisheitswurz,
doch droht dem Gipfelerklimmer
gelegentlich der krude Sturz.

Dann folgt meist ein heillos’ Gewimmer,
den Verstand deckt schließlich kein Schurz,
von Einsicht erscheint nicht mal ein Schimmer.
Und die Nachwelt? Ihr ist eh’ alles schnurz.

Liebe und Überleben

Dass und wie zwischenmenschliche Liebe den Tod überleben kann, wurde schon oft beschrieben.

Der Pater und Zen-Meister Williges Jäger verweist darauf, dass auch das Überleben der Menschheit davon abhängen wird, ob die Durchsetzung des Prinzips Liebe gelingt:

„Eine Spezies, die nicht gemeinschaftsfähig war, wurde in der Evolution immer ausgeschieden. Nicht ein notorischer Mangel an Intellekt, sondern mangelndes „Wissen“ über die Bedeutung von Gemeinschaft und Liebe hat uns dieses gegenwärtige, weltweite Chaos beschert. Die Wiederentdeckung der alles verbindenden Kraft „Liebe“, die wir der Technisierung, Intellektualisierung und Aufklärung geopfert haben, wäre daher die Rettung unserer Spezies….

Leider entfernen wir Menschen uns immer weiter von dieser ganzheitlichen Auffassung des Seins. Damit verfehlen wir uns gegen das Innerste der Welt. Mit unserem Egozentrismus bedrohen wir unser Überleben als Menschheit. Wenn wir nicht aufwachen, werden wir daran zugrunde gehen. Unser derzeitiges Verhalten gleicht einer Krebszelle, die nur für ihr eigenes Wachstum sorgt und damit am Ende sich selbst und den ganzen Organismus vernichtet.“ (S. 64)

„Wir stehen als Menschheit wieder einmal vor einem epochalen Umbruch, vor einer Art kopernikanischen Wende. So wenig wie die Erde der Mittelpunkt des Weltalls ist, kann unser Ich der Mittelpunkt unserer Existenz sein. Nur eine Öffnung unserer rationalen Eingrenzung zugunsten eines transrationalen Begreifens wird uns weiterbringen. In dieser Öffnung zu unserem Seinsgrund liegt unsere Überlebenschance als Menschheit.“ (S. 67).

Aus: W. Jäger, A. Grün, Das Geheimnis jenseits aller Wege. Was uns eint, was uns trennt, Münsterschwarzach 2013

Schatzsucher und Goldgräber

Es scheint mir, als fühlten wir Menschen ohne Existenzsorgen uns wie Schatzsucher auf der Suche nach dem Lottoglück, dem perfekten Partner, dem Traumjob, dem idealen Urlaub, dem Stein der Weisen usw. usw. Clever sein ohne sich anzustrengen, sich die Hände nicht schmutzig machen, die anderen (notfalls) austricksen und sich das holen, was ‒ so sagt es uns ja ohne Unterlass die Werbung ‒ für jeden im Prinzip erreichbar ist und einem im Grunde ja auch irgendwie zusteht, oder?

Leider gibt es die meisten Schätze nur in Märchen. Das Leben ähnelt in Wirklichkeit eher der Goldgräberei in unzugänglichem Gelände, oder gar in einem finsteren, schmutzigen und manchmal gefährlichen Stollen, in dem schon viele andere ihr Glück gesucht haben oder immer noch buddeln, oder einfach darauf warten, anderen den gefundenen Nugget wegzunehmen.

Dass wir diese Einsicht scheuen, könnte auch einer der Gründe dafür sein, dass Krimis so in Mode sind: Diese vermitteln uns den Eindruck, dass im Grunde jeder Fall lösbar ist, jede Folge gibt uns das Etappensiegfeeling, das die Hoffnung nährt, auch wir könnten zumindest einige unserer Schätze heben.

Das mag etwas weltfremd sein, hält aber die Wirtschaft am Laufen und gibt uns einen gewissen Lebenssinn. Nur: Was passiert, wenn das Heer der Enttäuschten zu groß wird?

Globetrottel

Globetrottel = Variation der Spezies homo sapiens, deren Vertreter sich zunehmend verbreiten und einen typischen mentalen Defekt dahingehend aufweisen, dass sie sich einbilden, das Jetten zwischen Erdteilen mit kurzzeitigen Auslandsaufenthalten, der Konsum ausländischer Waren und die Empörung über skurrile ausländische Potentaten mache sie zu Weltbürgern und geborenen Subjekten universeller Menschenrechte, die weniger kosmopolitische Individuen sich erst mal erkämpfen müssten.

Helldenker

Hellhörig ist ein Mensch, der mit besonderer Aufmerksamkeit, Sensibilität oder Teilnahme zuhört und dabei auch das Unausgesprochene wahrnimmt.

Hellsichtig ist ein Mensch, der mit scharfem und fokussiertem Blick etwas anschaut, und dabei das scheinbar Offensichtliche durchschaut.

Helldenkerig nenne ich die Eigenschaft eines Menschen, mit offenem Geist, hellhörig und hellsichtig die Welt wahrzunehmen und, die Fallstricke der Sprache meidend, ihnen denkend auf den Grund zu gehen, und dabei das Verstehbare ins Bewusstsein zu bringen.

Jahrestag

PROFnarr wird 1 Jahr alt.

Was mich beim feiertaglichen Besinnungsrück- und Ausblick am meisten überrascht, ist zweierlei:

  • Es ist unglaublich, wieviel Informations- und Gedankenmüll man entdeckt, wenn man darauf achtet. Und davon ist das gerade omnipräsente (echte und angebliche) Postfaktische und Gefakete nur ein Teilbereich.
  • Das Thema der Wahrheit ist aktueller denn je. Dummheit, Lüge und Diffamierung sind zwar nicht neu, werden aber offenbar bei vielen gerade salonfähig.

Entsprechend wichtig ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren, zumal dies den Medienberufsvertretern offenbar sehr schwer fällt.

Dass in den bisherigen Beiträgen dann auch mehr „PROF“ als „narr“ zum Ausdruck kommt, ist der Tatsache geschuldet, dass die Realität schon so „narr-ativ“ ist (das Wort „närrisch“ wäre mir zu positiv-karnevalistisch), dass das Gegengewicht ordnend und erklärend sein sollte. Erst wenn mir das sinn- und aussichtslos erscheint, oder – was im Augenblick allerdings äußerst unwahrscheinlich erscheint: überflüssig – wird der Narr mehr zu Wort kommen.