Wir werden nicht reicher

Dass die Menschen nach Reichtum streben, scheint in ihrer Natur zu liegen. Es hat nicht des Siegeszugs des ökonomischen Denkens bedurft, um den Menschen dies einzureden. Aber Letzteres hat erheblich zum doppelten Glauben beigetragen, wir würden immer reicher, und das sei gut bzw. sogar ein normaler Schritt in der Entwicklungsgeschichte der Menschheit.

Leider stimmt keine der beiden Überzeugungen. Denn das, was man uns an angeblichen statistischen Beweisen liefert, oder das, was wir durch unseren Augenschein gerne als Beweis betrachten, sind Trugschlüsse. Diese kommen zustande, weil wir (bzw. die uns belehrende Wirtschaftswissenschaft) wesentliche Teile der Realität außer Acht lassen, gleichzeitig aber Illusionen als Realität betrachten.

Wie kommen diese Fehleinschätzungen zustande bzw. wie sieht die Realität wirklich aus?
1. Der erste Grund für die Fehldeutungen ist die Nominalillusion.

Die Zahlen, die man uns präsentiert oder die uns begegnen, werden immer größer, folglich auch der statistisch ermittelte Reichtum.

Das ist trügerisch, denn die Steigerung des Zahlenwerts eines Wirtschaftsgutes schafft keinen Reichtum, sondern ist nur die nominelle Erhöhung einer Marktkennziffer. Wenn ein Gut x-mal weiterveräußert wird, steigt durch das Aufschaukeln des Preises zwar der Nominalwert, aber dadurch wird kein Realwert und auch kein Reichtum geschaffen.

Preis und Nominalwert sind abhängig vom Marktgeschehen, von Angebot und Nachfrage, und demnach von dessen Funktionieren und damit eben auch von Zufällen. Der Marktwert hängt insbesondere davon ab, was Käufer bereit sind zu zahlen, aber auch davon, dass es überhaupt Interessenten gibt.

Im Kunsthandel z. B. kommt es vor, dass es bei Auktionen nur zwei Interessenten gibt, dass diese aber äußerst interessiert (und zahlungskräftig) sind, so dass als Ergebnis ein immenser Preis herauskommt. Der intrinsische Wert hat sich dadurch nicht verändert. Außerdem ist der Marktwert keineswegs stabil. Was ein Gegenstand in dieser Hinsicht wert ist, zeigt sich erst dann, wenn er weiterveräußert werden soll. Solange der Markt „normal funktioniert“ (wozu auch eine „gesunde Inflation“ zählt), scheint der Wert echt zu sein. Spätestens beim Zusammenbruch eines Marktes lösen diese Werte sich aber in Luft auf, so wie man das insbesondere an Wertpapierbörsen (aber nicht nur dort) erleben kann.

Das extremste Beispiel solchen Scheinreichtums ist das Geld, unabdingbare Basis dieser Nominalillusion und selbst Gegenstand derselben. Es hat überhaupt keinen intrinsischen Wert und lebt nur vom Vertrauen der Menschen, dass damit zukünftige Kaufkraft gegeben ist (und es daher auch als Wertaufbewahrungsinstrument dienen kann), aber auch hier gibt es genügend Beispiele dafür, dass dies keineswegs garantiert werden kann.

Dass das System offenbar trotzdem funktioniert und man mit Nominalwerten (oder aufgrund von Nominalwertsteigerungen) auch Realwerte kaufen und individuell real mehr Besitztümer anhäufen kann, liegt daran, dass die Menschen aufgrund ihres Systemvertrauens bereit sind, für im Grunde wertlose Nominalwerte Realwerte herzugeben, weil sie darauf vertrauen, mit dem empfangenen wertlosen Zeug (=Geld) ihrerseits in Zukunft reale Werte erwerben zu können.

Mit anderen Worten: Wir sind nur solange reich, wie die Menschen bereit sind, für einen Realwert (möglichst immer mehr) Geld zu geben und vor allem für die Fiktion des Geldes echte Werte herzugeben. Wenn dieses Vertrauen wegfällt, kann sich von heute auf morgen der gesamte Reichtum in Luft auflösen. Dann redet man gerne davon, dass Werte vernichtet wurden. De facto hat sich aber bloß ein verdecktes Nichts in ein echtes Nichts aufgelöst, die nominelle Scheinreichtumsillusion ist geplatzt.

 

2. Wenn überhaupt, entsteht Reichtum in der Realwelt. Schauen wir uns also die Realwerte an, also (der Einfachheit halber) das, was man anfassen kann, ohne auf die nominelle Bewertung zu achten.

Hier sehen wir, dass die Produktionsmaschinerie ohne Unterlass läuft, dass wir immer mehr und immer bessere Dinge besitzen und konsumieren. Das sollte doch ausreichend unter Beweis stellen, dass unser Reichtum wächst, so insbesondere die Perspektive der Volkswirte. Aber auch hier werden wir getäuscht, weil wir an einer Realillusion leiden; nicht, weil die wahrgenommene Realität keine wäre, sondern weil wir einen Teil von ihr ausblenden.

Um das zu verstehen müssen wir uns vergegenwärtigen, dass wir global betrachtet in einem geschlossenen System leben. D. h. wir können nichts erschaffen, was nicht schon da war, sondern nur umwandeln. Die Naturwissenschaften kennen und berücksichtigen das (z. B. als Erhaltungsgrundsatz). Auf das „normale Leben“ übertragen bedeutet das: Wir (er)schaffen keine Reichtümer, sondern wir transformieren eine Form des vorhandenen Reichtums in eine andere. Oder mit anderen Worten: Der Reichtum, der in der Natur und in uns Menschen enthalten ist, wird transformiert in Leistungen, Fabrikate, Produkte. Aber es ist immer noch derselbe Reichtum.

Die Wirtschaftswissenschaft hingegen ignoriert das. Sie glaubt, wir würden auf diese Weise Reichtümer produzieren. Das liegt daran, dass sie nur den Output vollständig quantifiziert (hier gibt es für alles Märkte und Preise), den Input aber nicht: Denn erschöpfte Ressourcen, zerstörte Umwelt, kranke und getötete Menschen usw. werden nicht bepreist und vom Outputergebnis abgezogen.

So rechnen wir uns fiktiv reich und glauben, wir seien auf dem richtigen Weg. Bei vernünftiger Betrachtung unter Berücksichtigung der verwendeten Ressourcen würden wir aber feststellen, dass wir unsere Lebensgrundlagen zerstören.

Wir werden also nicht nur nicht reicher, sondern möglicherweise sogar immer ärmer. Auch hier kann man eine Analogie heranziehen, nämlich den Entropiegrundsatz, demzufolge die Welt (durch das menschliche Zutun) einen steigenden Grad der Unordnung aufweist. Übersetzt bedeutet dies: Durch das, was wir verbrauchen, mindern wir nicht nur unsere Reserven, sondern der Wert des Geschaffenen ist langfristig geringer als der des Verbrauchten.

Das ist natürlich kaum zu „beweisen“, weil es zum einen schwer ist, insbesondere den Input korrekt zu quantifizieren, damit man ihn mit dem Output vergleichen kann. Unabhängig davon deutet aber vieles darauf hin, dass wir die Schwelle, an der global betrachtet die Grenzkosten den Grenznutzen übersteigen, schon überschritten haben. Je knapper im Übrigen die (verbleibenden) Ressourcen, desto teurer müsste gemäß der ökonomischen Logik der Input bepreist werden, und dann würden wir wohl feststellen, dass wir uns unseren angeblichen Reichtumsoutput gar nicht mehr leisten können bzw. sollten.

Zum anderen kann die Wirtschaftswissenschaft auch die qualitative Dimension insbesondere des Verbrauchten, Zerstörten usw. gar nicht adäquat erfassen. Denn die angeblichen materiellen Reichtümer verursachen Kosten der Natur (z. B. verschwindende Artenvielfalt, vergiftete Umwelt) und der Menschen in ihrer körperlichen und seelischen Gesundheit (vor allem in anderen Ländern, wo sie explizit ausgebeutet werden, aber auch bei uns in Form von Selbstausbeutung, krankmachende Arbeits- und Lebensbedingungen usw.). Diese werden nur einfach nicht in die Kalkulation einbezogen.

 

3. Die letzten Bemerkungen implizieren genau genommen, dass es möglich ist, den Dingen überhaupt einen von der Nominalillusion unabhängigen Wert – einen Nutzen – zuzuerkennen. Und dass wir damit Reichtum assoziieren, liegt an der Nutzenillusion.

Das funktioniert auf Basis der für die Wirtschaftswissenschaft grundlegenden Nutzenlogik: Wenn die Menschen lieber Endprodukte besitzen als Rohstoffe, dann liegt das in dieser Sichtweise daran, dass erstere für sie einen größeren Nutzen haben. Und das wiederum rechtfertigt nicht nur die Transformation (die man dann als Wertschöpfung bezeichnet), sondern bedeutet auch, dass die Menschen bereit sind, für diese Nutzensteigerungen immer mehr zu bezahlen, und dass sie insgesamt durch diese kontinuierliche Nutzenkumulation immer reicher werden. Wir erschaffen also genau genommen keine Reichtümer, aber immerhin Nutztümer, wir schaffen kein objektives Mehr, aber doch ein subjektives. Die Welt ist also zwar nicht wertvoller als vor hundert Jahren, aber immerhin nützlicher. Soweit die Wirtschaftler.

Das Problem dieser Sichtweise ist, dass auch hier einseitig die Aktivseite berücksichtigt wird, nicht aber die Passivseite. Der private Nutzen wird als „Reichtum“ erfasst und es wird dabei davon ausgegangen, dass dadurch auch die damit verbundenen Kosten gedeckt werden, weil niemand etwas produzieren würde, was mehr kostet als es einbringt. Dabei werden allerdings nicht alle Kosten erfasst, insbesondere nicht die vielfältigen sogenannten „externen“ Kosten, die zu Lasten Dritter, der Umwelt, der Gesamtgesellschaft usw. gehen. Dazu zählt z. B. auch die Tatsache, dass bei einmaligen Gütern die Aneignung und der Konsum durch die einen den Konsum durch die anderen unmöglich macht, was eigentlich mit einem drastischen Negativwert belegt werden müsste.

Denkt man letzteren Aspekt weiter, muss man zudem berücksichtigen, dass die Nutzenlogik nur den Nutzen der Menschen berücksichtigt. Der Nutzen der Tiere und Pflanzen wird ignoriert, das Recht der Natur, unbehelligt zu bleiben genauso. Eine solche einseitige Menschennutzenbetrachtung wird jedoch das System destabilisieren und zerstören, weil irgendwann die Grenzen erreicht und überschritten werden (s. auch unten).

Genau genommen sind die Menschen das perpetuum mobile der Wirtschaft, ohne sie würde die Marktlogik nicht funktionieren. Das weltweite Bevölkerungswachstum ist der letztendliche und wesentlichste Treiber des angeblich steigenden Reichtums. Demographischer Rückgang bedeutet den Untergang des Wirtschaftssystems. Weiteres Bevölkerungswachstum anderseits aber den Untergang der Natur.

Von der individualistischen und menschenzentrierten Nutzenbetrachtung müsste man übergehen zu einer global-kollektiven, die zudem das Eigeninteresse der Lebewesen unseres Planeten berücksichtigt, in einem lebensfähigen Umfeld zu leben. Dann würde die Nutzenillusion überdeutlich werden und stattdessen ein Kriterium entwickelt werden, das z. B. Glück, Nachhaltigkeit, Überlebensfähigkeit o. Ä. zur Grundlage hat. Damit käme auch eine dringend benötigte Langfristperspektive zum Ausdruck, deren Fehlen auch mit der vierten Illusion zusammenhängt.

4. Der letzte Mechanismus, der uns heute reicher scheinen lässt als wir es in Wirklichkeit sind, ist die Zeitillusion.

Wir leben in der Tat heute zu einem großen Teil schon auf Kosten der Zukunft, d. h. wir konsumieren jetzt, was selbst ökonomisch betrachtet noch gar nicht erwirtschaftet ist. Das Zaubermittel hierfür sind Kredite bzw. Schulden: Wir bezahlen jetzt Realwerte mit der Zuversicht bzw. der Verpflichtung, zukünftige Leistungen zu erbringen, um das Heutige zu finanzieren, wodurch uns aber in Zukunft Mittel fehlen. Das funktioniert (ähnlich wie ein Schneeballsystem) nur, weil wir immer mehr Schulden machen, bis an die Grenze der Belastbarkeit. Wenn diese (auch nur in Teilbereichen) erreicht ist (d. h. die Realwelt schafft nicht genug „Werte“ (und seien sie nur nominal), um die Schulden zu bedienen), wird das System instabil. Was das bedeutet, hat z. B. die letzte Finanzkrise (oder Staatsverschuldenskrise vieler Länder) gezeigt.

Alle möglichen Tricks werden angewendet, um das Kreditvolumen zu steigern, von der Verleitung zum Leben auf Pump, der Verlagerung der Privatschulden auf den Staat (inkl. Staatsgarantien für private Anleger, die letztlich ja nichts anderes bedeuten, als dass der Staat für die Schuldner geradestehen muss) bis hin zur Verbriefung und zum Packaging von Immobilien- und Unternehmensschulden.

Viele Nominalwerte der Sparer und Anleger (Beachte: die Finanzanlagen der einen sind immer die Schulden der anderen) sind also Wetten auf die Zukunft, erzwungenes Vertrauen darin, dass die Schuldner irgendwie das Geld – den Nominalwert – erwirtschaften werden, um ihre Forderungen zu erfüllen. Das hängt letztlich von der Realwirtschaft ab, aber eben auch von der Marktentwicklung der nominellen Werte (s. o.).

Über das Schuldensystem entsteht jedenfalls kein Reichtum, sondern eine künstliche und potenzierte Kumulation der drei vorerwähnten Illusionen, projiziert auf die Gegenwart. Mit diesem zeitlichen Vorziehen ist im Übrigen auch eine Beschleunigung verbunden, d. h. der Druck, in immer kürzeren Zeiträumen identische Leistungen erbringen zu müssen. Auch dies bringt den Wirtschaftsmotor zum Glühen und erweckt den Anschein, wir würden reicher. De facto ist dies aber ein Zeichen dafür, dass das System immer instabiler wird. Daraus kann man entsprechend schließen, dass der Scheinreichtum genau genommen einen Warnindikator darstellt: Denn je reicher wir scheinbar sind, desto mehr Sorgen müssen wir uns machen, weil das, was uns noch bleibt, nicht nur weniger wird, sondern der Absturz auch immer wahrscheinlicher und heftiger.


Fazit

Wir brauchen dringend eine neue Definition des Reichtums und Wohlstands, weil wir nur so die richtigen Impulse erhalten, uns so zu verhalten, dass der Planet – und vielleicht auch die Menschheit – überleben kann.

Dabei spielt auch die Erkenntnis eine wichtige Rolle, dass es kein endloses Wachstum geben kann. Für Ökonomen mag es möglich sein, durch Realitätsreduktion Modelle zu schaffen, die nicht kollabieren. Dummerweise hält die Realität sich aber nicht daran.

Es kann also durchaus der Eindruck entstehen, dass wir z. B. durch die aktuelle Ausdehnung des Dienstleistungsbereichs (inkl. Digitalökonomie) unzählige Wirtschaftswerte erschaffen, die zu einer Reichtumsillusion führen. Aber letztlich sind auch diese Güter falsch bewertet, weil sie mit den Menschen verschwinden, oder weil sie Materialverbrauch (z. B. Strom, seltene Erden) implizieren, der endlich ist, und ökonomisch nicht erfasst wird.

Wenn wir es nicht schaffen, die vier aufgeführten Illusionen in den Griff zu bekommen, dann wird die Realität uns irgendwann umso brutaler zeigen, dass die ökonomische Sichtweise leider eine unvollständige ist, und dass es wichtigere Maßstäbe gibt als den des Reichtums oder Wohlstands für die Menschenrasse – oder genauer gesagt eines Teils hiervon: Es liegt nämlich in der Natur des Systems, dass vor allem Reiche reicher werden, weil sie besonders gut in der Lage sind, andere auszubeuten, Gemeinschaftsreichtum in Privatreichtum umzuwandeln und mit ihren nominellen Reichtümern Realwerte zu erwerben.

Tröstlich dabei ist, dass die Systemfehler und Illusionen eben auch quantitativ in erster Linie die scheinbar Reichen treffen werden. Weniger tröstlich, dass sie sich auch am besten dagegen schützen können. Es sei denn, wir tun etwas dagegen.