Die Sättigungsparadoxie

Neulich beklagte sich EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, ihm sei unverständlich, warum ausgerechnet heute, nach der längsten Friedensperiode in Europa und dem Erreichen der größten individuellen Freiheitsrechte, viele Menschen in allen europäischen Staaten Nationalismen u entwickeln, fremdenfeindlich werden, autoritäre politische Führung befürworten und andere rückwärts gewandte Haltungen einnehmen.

Wenn man mal die hausgemachten EU-Probleme beiseite lässt, erscheint es in der Tat schwer nachvollziehbar, warum Menschen ausgerechnet die Äste absägen wollen, auf denen sie sitzen und die sie nur mit sehr viel Mühe über einen langen Zeitraum erklommen haben.

Lässt man Verschwörungstheorien beiseite, gibt es folgende mögliche (miteinander kombinierbare) Erklärungen:

  • Die Menschen sind dumm und/oder werden von Populisten irregeleitet: Stimmt wohl, erklärt das Phänomen aber nur zum Teil, da es auch früher Demagogen gegeben hat, auf die nicht so viele (mindestens gleich dumme) Menschen hereingefallen sind. Warum also jetzt wohl?
  • Die Menschen sind sich der Werte gar nicht bewusst, weil sie nie etwas anderes kennen gelernt haben: Stimmt auch nur zum Teil, denn zumindest in Osteuropa haben die meisten Menschen Diktatur (und z. T. bewaffnete Auseinandersetzungen) persönlich kennen gelernt.
  • Die Schnelligkeit, Intensität und Radikalität der gesellschaftlichen Veränderungen hat die Menschen zunehmend verunsichert und für viele inzwischen einen „breaking point“ erreicht, dessen Druck sie nicht mehr standhalten und auf den sie glauben reagieren zu müssen. Unter diesen Umständen ist es naheliegend, dass sie sich zunächst einmal gegen die „neuerdings“ vorherrschende Politik, Moral usw. richten und „zurück“ wollen. Es handelt sich also nicht um eine reflektierte Entscheidung, sondern um eine Art Schutzreflex (zumindest in der individuellen Wahrnehmung). Für diese These spricht, dass der Widerstand dort am größten scheint, wo die Veränderungen noch neueren Datums sind, wie insbesondere in Osteuropa. Aber auch das passt nicht überall: Auch in den anderen Ländern (im Übrigen auch in den USA) finden sich vergleichbare Tendenzen.

Woran also liegt es insbesondere in den entwickelten (und reichen) Ländern?

Gesellschaften sind nie stabil bzw. immobil, sondern verändern sich permanent. Das ist grundsätzlich auch gut so, da die Beweglichkeit ständige Anpassungen ermöglicht, immer wieder neue Perspektiven eröffnet, die den Einzelnen die ansonsten schwierige Gegenwart ertragen lassen. Manche finden, die Veränderungen folgten einer inneren Logik und einem erkennbaren Entwicklungspfad. Für andere sind es nur erratische Bewegungen, in die man nichts hineininterpretieren solle. Beiden gemeinsam ist die Idee der Unausweichlichkeit. Wenn dem tatsächlich so ist, wird zwangsläufig irgendwann selbst ein erreichter optimaler Zustand sich „zurückentwickeln“, ohne dass es „vernünftige“ Gründe dafür gäbe.

Damit verbunden ist die die Feststellung, dass alle Hochkulturen einen Niedergang gekannt haben, der oft von außen herbeigeführt wurde, aber eben auch durch die fehlende (innere) Widerstandsfähigkeit begünstigt wurde. Vielleicht ist die Blütezeit der Europa-Idee mit all ihren Errungenschaften vorüber (darauf deuten auch viele sonstige Krisenzeichen hin), einfach weil es dem Lauf der Dinge entspricht.

Die beiden letzten Erklärungsansätze sind spannend, wären aber noch überzeugender, wenn man den Mechanismus verstünde, der dem zugrunde liegt.

Eine mögliche Erklärung ist psychologisch fundiert: Wenn die durch die Veränderungen ausgelösten Unsicherheits- und Angstgefühle zu stark werden, rebellieren die Menschen gegen alles, was ihnen Angst einflößt bzw. befürworten das, was Angstreduktion verspricht. Da siegt die Psyche über die Ratio, selbst wenn sich das langfristig negativ auswirkt.

Meine persönliche ergänzende Vermutung beruht auf der menschlichen Erfahrung, dass Einzelne und Gemeinschaften ungeahnte Energien an den Tag legen können, wenn sie ein erstrebenswertes Ziel erreichen wollen. Sobald dies aber geschafft ist, tritt paradoxerweise nach kurzer Zufriedenheit Frust auf. Es ist fast so, als könne der einzelne Mensch, aber auch die Gesellschaft als Ganzes, nicht mit erreichten Zielen leben. Manche entwickeln dann auch laufend neue, die aber immer schwerer zu finden sind, je mehr man schon erreicht hat (so hat übrigens auch die EU sich permanent neue Ziele gesetzt). Wenn es nicht mehr weitergeht, werden die Menschen depressiv oder versuchen, sich durch Ablenkung auf einem akzeptablen „Freude-Level“ zu halten. Beide Phänomene kann man in den modernen europäischen Gesellschaften beobachten.

Ich nenne das die „Sättigungsparadoxie“, zumal satte Menschen typischer Weise vorübergehend antriebslos sind. In einer/unserer satten Gesellschaft, die alles erreicht hat und (fast) alles erlaubt, führen Überfluss und Überdruss, die unbewusst als negativ empfunden werden, dazu, dass das vorherrschende System dafür verantwortlich gemacht wird. Um wieder ein Ziel zu haben, richtet man sich folglich gegen dieses und propagiert Ideen und Werte, die gar nicht mal überzeugend besser sein müssen, aber die Funktion gut erfüllen, dass man sich aus diesem Sättigungs- bzw. Erstarrungs- bzw. Frustzustand befreien kann.

Man strebt dann auch nicht nach noch mehr Materiellem, noch mehr Sättigung, sondern nach anderen „Werten“ oder „Idealen“, die in einer komplexen Gesellschaft zudem die Funktion erfüllen, Orientierung zu schaffen: Simple Gesellschaftsordnungen, klare Strukturen, alte Werte, einfache Überzeugungen, die reine Lehre usw.: Das alles erlöst und entlastet diese Menschen.

Kann man diesen Lauf der Dinge unterbrechen?

Schwer zu sagen. Wenig bewirken wird man m. E. mit Aufklärung. Der Mensch ist vielleicht ein argumentativ zugängliches, aber kein dadurch steuerbares Wesen. Er wird geleitet von Trieben, Gefühlen und sonstigen unbewussten Prägungen und ist in einem Maße verführbar, das jeden Aufklärer erschaudern lassen muss.

Es sei denn, wir verführen sie durch neue Utopien (im positiven Sinne), die sie wieder hungrig werden lassen und Appetit auf Neues schaffen. An diesen Ideen fehlt es allerdings eindeutig. Bislang dominiert einseitig das Reaktionäre.

Und vielleicht wird es sogar nötig sein, eine mehr oder weniger ausgeprägte Hungerperiode zu durchleben, damit das „Tafeln“ wieder ein positives Erlebnis wird.

Manchmal beschleicht mich allerdings der Eindruck, wir seien bereits zu geschwächt, um diese Hungerphase zu überstehen. Jedenfalls scheint es mir von Vorteil, wenn die „Entsättigungskur“ möglichst schnell begänne. Aber wer will das schon öffentlich vertreten, wenn es bedeutet, dass die derzeit Lebenden erstmal eine schmerzhafte Zeit durchleben müssen, damit es den nachfolgenden Generationen besser geht? Und vor allem: Wen würde das überzeugen?

Vielleicht kann man die aktuellen Entwicklungen ja zumindest insofern positiv deuten, als hier Anzeichen einer „Entsättigungstendenz“ zum Ausdruck kommen. Es wird darauf ankommen, sie so zu gestalten und ergänzen, dass sie letztlich nicht zur Anorexie wird. Auch diese Politik ist erst noch zu entwerfen. Vielleicht ist ja z. B. das Zusammenbrechen des alten Parteiensystems ein Zeichen dafür, dass sich etwas in diese Richtung bewegt. Und auch das zu erwartende Ende des Gierkapitalismus kann man so deuten.

Wer für sich einen Handlungsleitfaden sucht, wird versuchen müssen, im vorstehenden Sinne zukunftsorientiert-konstruktiv die Gegenwart zu dekonstruieren.