Das Ende des Gierkapitalismus

Wer mit nüchternem Blick unsere vom Marktkapitalismus geprägte Welt mit all ihren vielfach beschriebenen Auswüchsen an Gier, Profitstreben, Effizienzdiktatur, Zahlenunterwerfung, Egoismus usw. betrachtet, der wird wohl kaum traurig sein, wenn dieses individuelle und gesellschaftliche Modell durch ein anderes und besseres ersetzt wird.

Wie der Post-Kapitalismus aussehen wird, weiß ich nicht. Dass er aber kommen wird, das steht fest, und zwar aus verschiedenen Gründen:

  1. „Panta rhei“ (Alles fließt), das ist seit dem antiken Heraklit eine Fundamentalerkenntnis menschlicher und gesellschaftlicher Existenz. In unserer heutigen beschleunigten Gesellschaft gilt das erst recht. Wohin sich die Dinge ändern, wird sich noch zeigen müssen, dass sie sich ändern und irgendwann auch den Gierkapitalismus hinwegraffen werden, steht fest.
  2. Jedes (gedankliche, soziale oder andere) System, das nach Reinheit und Perfektion strebt, kann das nur erreichen, indem Komplexität ausgeschaltet wird und nur ganze wenige Grundprinzipien und Konzepte das System steuern. Dadurch fallen aber auch stabilisierende und ausgleichende Kräfte weg, die verhindern, dass das System extrem einseitig wird und den Kontakt zur Realität sowie seine Problembewältigungsfähigkeit verliert. Absolutismus und Kommunismus z. B. sind zugrunde gegangen, nachdem sie ausreichend Gelegenheit hatten, in reiner Lehre umgesetzt zu werden. Genauso wird es dem Kapitalismus ergehen: Was ihn (paradoxerweise) lange Zeit so gut hat funktionieren lassen, war das sozialistisch-kommunistische Gegenmodell. Nachdem dieses sich weitgehend erledigt hat, fehlt der gedankliche und faktische Ausgleich. Fast zeitgleich mit dem Abgesang des Kommunismus haben Radikalmarktwirtschaft, Neoliberalismus und Kapitalismus Einzug in alle Industriegesellschaften gehalten. Nach ca. 25 Jahren Deregulierung und Effizienzsteigerung mehren sich nun die Krisenzeichen und verzweifelten Rettungsversuche, was darauf hinweist, dass das System sich seinem Ende nähert.
  3. Es wird von den Anhängern der Marktwirtschaft gerne übersehen, dass der ihm zugrunde liegende freie Wettbewerb vielleicht vorübergehend eine „unsichtbare ordnende Hand“ darstellt, im Grunde aber zerstörerische Grundprinzipien beinhaltet: Das Ausschalten möglichst aller Wettbewerber, das stetige unendliche Wachsen und das einseitige Maximieren des persönlichen Vorteils. Wendet man dies über längere Zeit an, kann daraus kein dauerhaft funktionierendes System werden. Bislang waren es gerade die „störenden“ Einflüsse des Staates (neben dem permanenten Wachstum und nicht zuletzt auch den kriegerischen Auseinandersetzungen), die durch die Schaffung von „Ausweichmasse“, Gegengewichten oder auch Ineffizienzen das System lange Zeit gestützt haben. In dem Maße, in dem aber der Markt sich selbst überlassen wurde, haben sich auch seine hässlichen Seiten gezeigt. Es wird sich noch zeigen müssen, ob der Staat als Organisationsmodell (egal ob als Demokratie oder Diktatur) noch ein ausreichendes Gegengewicht zur kapitalistischen Parallelwelt der Konzerne und (Super)Reichen bilden kann (das Wachstum nähert sich dem Ende und Kriege sind zumindest in den reichen Ländern b. a. w. kein Modell mehr). Je weniger das der Fall sein wird, desto schneller wird sich der Kapitalismus selbst zu Fall bringen (das haben – leider oder zum Glück? – die Neoliberalen und Kapitalisten nur noch nicht verstanden).
  4. Dass das Streben nach weitestgehender materieller Gleichheit kein funktionierendes System darstellen kann, hat der Kommunismus gezeigt. Aber ebenso untauglich ist ein System, das inhärent zunehmende Ungleichheit verursacht und fördert: Wenn die Spaltung zu groß wird, bricht das System auseinander. Solange die (relativ) Armen den Eindruck haben, dass sie insgesamt auch reicher werden und ihren Teil vom Wachstumskuchen abbekommen, wird das Problem verschleiert. Wenn aber das Wachstum wegfällt und Verteilungskämpfe ausbrechen, und gleichzeitig die Reichen ihre Vermögen den existierenden Ausgleichmechanismen entziehen, kann es mit dem sozialen Frieden und der inneren Sicherheit schnell vorbei sein. Dann hilft auch das auch jetzt bereits intensiv genutzte altbekannte Gegenmittel von „Panem et circenses“ nicht mehr. Verstärkt wird diese Entwicklung im Übrigen noch dadurch, dass die Habenichtse aus den Armenhäusern des Erdballs ihren Teil einfordern und mobil genug sind, ihn sich zu holen. Da der neoliberale Kapitalismus davon ausgeht, dass jeder sich selbst der Nächste ist und jeder grundsätzlich für sich selbst sorgen muss, trägt auch hier der fehlende Ausgleichsgedanke dazu bei, dass der Kapitalismus sich selbst erledigt.

In welchem Tempo, über welchen Zeitraum und in welcher Form der Untergang des Kapitalismus sich vollziehen wird, bleibt abzuwarten. Je länger er versucht, sich in der reinen Form „durchzumogeln“, desto radikaler werden die Umwälzungen sein. Demografie und Umwelt (man könnte auch sagen: Umfang und Ausmaß von Ausbeutung und Zerstörung von Mensch und Natur) sind neben dem rein Ökonomisch-Finanziellen dabei weitere entscheidende Einflussfaktoren.

Welche Gesellschaftsform sich daraus entwickeln wird, ist natürlich auch nicht vorhersehbar. Es ist jedenfalls zu hoffen, dass die grundlegenden Werte eines menschen- und naturerhaltungswürdigen Zusammenlebens darin besser und stabiler verankert werden als im Kapitalismusmodell.