Es wird mal wieder eine Kuh durchs Dorf getrieben, oder besser gesagt ein Schriftsteller durch Deutschland: Navid Kermani auf allen Kanälen und aus allen Rohren. Der richtige Mann zur richtigen Zeit: Ein Vorzeige-Integrations-Musterknabe, der zudem die deutsche Seele so gut versteht, dass er so deutsch schreibt, dass es deutscher gar nicht geht.
Unter Beweis gestellt hat er das gerade in der FAZ (28.6.16), wo er in einem seitenlangen Beitrag den Mainstream-Gutmensch-Intellektuellen perfekt abgibt.
Das Unheil beginnt schon im Titel: „Auf Kosten unserer Kinder – Seit dem vergangenen Freitag beschleicht mich die Furcht, dass das historische Geschenk der europäischen Einigung verspielt wird. Was ist nun zu tun.“ Da knallt es nur so von Buzz-Words, die die Deutschen lieben: ‚Kinder‘, ‚Furcht‘, ‚historisch‘, ‚Geschenk verspielen‘, ‚Was zu tun ist‘. Da suhlt sich der Leser doch gleich in diesem diffusen Empfindungsgebrabbel, das zugleich den Ernst der Lage und die zu zeigende Tatkraft andeutet. Einfach genial als Aufmerksamkeitserreger!
Schade nur, dass die schleichende Furcht Kermani offenbar daran hindert, auch Gedanken zu entwickeln, die es wert wären, gelesen zu werden.
Sein Grundgedanke äußert sich in einer (zu erwartenden) Selbstgeißelung: „Aber seit dem vergangenen Freitag beschleicht wohl nicht nur mich die Furcht, dass unsere Generation der heute Vierzig-, Fünfzig-, Sechzigjährigen das große, ja historisch kaum glaubliche Geschenk der europäischen Einigung verspielt und unseren Kindern einen Kontinent hinterlässt, auf dem Nationalismus fröhliche Urständ feiert.“
Es folgt eine sehr berechtigte Kritik der Europäischen Union (die bei ihm wie bei den meisten mit Europa gleichgesetzt wird). Aber bei Kermani wird diese gleich ausgeweitet zu einer umfassenden Endzeitstimmung. Konsequent verallgemeinert er dieses Problem nämlich zu einem Konglomerat all dessen, was gerade so als gesellschaftliches Streitpotenzial durch die Welt geistert, und womit er offenbar unbedarfte Schulkinder belästigt: „Überlegt mal, was wäre, wenn Deutschland sich wieder als Volksgemeinschaft verstünde.“ ? „…ich frage die Schüler auch, ob sie ernsthaft wollen, dass Homosexualität widerdiskriminiert wird und jemand ihnen vorschreibt, wen sie wann und wie zu lieben haben.“ ?? „…ob sie den Klimawandel für eine Erfindung halten, über die Einführung der Todesstrafe nachdächten oder die Gewaltenteilung abschaffen wollten?“ ???
Da kann man nur sagen: Thema verfehlt, Herr Lehrer. Was haben die europäischen Institutionen und deren tatsächliches Demokratiedefizit damit zu tun? Kermani sagt es uns: Die antieuropäischen Parteien haben nämlich alle diese unselige Rechtslastigkeit, die in diesen und vielen anderen Suggestivfragen (Kermani fährt deren ganzes Arsenal auf, ich kürze) angesprochen werden. Es mag sein, dass dem so ist, aber was hat das mit Europa als Institution und seiner Reformbedürftigkeit zu tun? Hat die EU den Klimawandel geleugnet, die Todesstrafe befürwortet usw.? Da ist jemand ganz offensichtlich überfordert, Themen zu trennen, die nichts miteinander zu tun haben, auch wenn sie in den wirren Köpfen von Extremparteien im Einheitsbrei vermischt werden.
Es wird auch nicht wirklich klar, was das Ganze mit dem eingangs erwähnten Vorwurf gegen die Älteren zu tun hat. Vielleicht leitet Kermani das daraus ab, dass er glaubt, die britische Jugend habe mit 75% gegen den Brexit gestimmt, und in Deutschland wäre das notfalls noch mehr (Wenn er sich da mal nicht täuscht, da gibt es auch andere Analysen.), also müssen ja die Alten die Idioten sein. Schließlich hat er als Beweis ein Facebook-Posting seiner siebzehnjährigen Tochter, die das richtige Verhältnis zu Europa hat und die ihm im Internet gezeigt hat, wie viele Jugendliche diese Ideen teilen. Toll! Und richtig schön naiv!
Letzteres scheint das Markenzeichen des guten Mannes zu sein: Wenn es nämlich darum geht, was angesichts dieser Lage zu tun ist, öffnet er seine Wünschekiste: „Was Europa jetzt braucht, ist nichts weniger als eine Neugründung, ein gründlich durchdachtes, sorgfältig ausgearbeitetes Gebäude statt eines dauerhaften Provisoriums.“ Es folgt die ganze Wäre-Schön-Liste, die inhaltlich natürlich begründet sei mag, aber dem klassischen Nirvana – Approach ähnelt: Wenn dieser Idealzustand erreicht würde, dann, ja dann würden, vielleicht nicht sofort, aber zumindest schrittweise, die Bevölkerungen der europäischen Staaten auf demokratische Weise dem idealen Europaprojekt zustimmen, weil sie selbstverständlich sich auf alle diese wunderbaren Werte verständigt hätten, von denen wir träumen, und natürlich wären dann auch die ganzen Rechten und Nationalisten besänftigt und überhaupt …
Träum weiter, lieber David Kermani, und überlass das Politisieren denen, die einen etwas realistischeren und langfristigeren Blick auf die Zukunft haben. Kermani schreibt selbst, „es kostet Zeit“, und „es bräuchte Ruhe dafür“: Er müsste wissen, dass beides nicht vorhanden ist und das Leben trotzdem weitergeht. Oder soll man das ‚alte‘ Europa erst mal wieder in Schutt und Asche legen, damit das neue Europa sich in Ruhe wie Phoenix aus der Asche erheben kann?
Die Realitätsferne von Kermanis Wunschdenkens mag Schulkinder erst mal beeindrucken, es lähmt sie aber auch, tatkräftig an dieser Dauerbaustelle mitzuwirken, wohl wissend, dass das Werk auch an ihrem Lebensende nicht vollendet sein wird. Denn Europa ist nicht wie ein Roman, den man irgendwann beendet und zur Seite legt, sondern ein unendliches ‚Work in progress‘.Selbst wenn Europa irgendwann den von Kermani gewünschten Nirvana-Zustand erreichte, würde es nicht aufhören, sich zu verändern.
Das hat Kermani nicht verstanden, und mit ihm die meisten andern (Was er hier schreibt, entspricht in der Tat dem, was in Millionen Köpfen ohnehin herumgeistert). In einem Punkt hat er ungewollt sogar recht: Er zählt selbst nämlich zu dieser kritisierten Generation, und ebenso wie die Rechten „spinnen“ tun es auch diejenigen, die vom Ende und Untergang fantasieren, weil ihr Wunsch-Nirvana nicht erfüllt wird.
Kermanis wichtigster Beitrag zur Rettung Europas wäre es demnach, die Klappe zu halten und nicht seine schwarzmalerischen momentanen Seelenregungen der Welt kundzutun, wenn sie letztlich dazu beitragen, das Problem zu verstärken. Die Zukunft seiner Kinder setzt nämlich auch der aufs Spiel, der sich der Realität verweigert, und den Menschen einredet, es laufe alles schlecht. Nirvana ist gut für Romane, aber schlecht für das Überleben unter Echtzeitbedingungen.