Lob des Wissensverzichts

Eine der Grundlagen des westlichen – europäisch geprägten – Wissenschafts-verständnisses ist, dass mehr Wissen besser ist als weniger. Das erscheint selbstverständlich vor dem Hintergrund des Bemühens der Menschheit, ihre Lebensbedingungen stetig zu verbessern, was sie dann auch durch Umsetzung des Wissens in konkrete Maßnahmen getan hat und weiterhin tut.

Die Menschheit hat es also weitestgehend geschafft, sich durch das zunehmende Wissen die „Erde untertan“ zu machen. Dabei ist sie zweifellos in vielen Bereichen zu weit gegangen, aber angesichts der vorherrschenden Grundhaltung verwundert es nicht, dass wiederum das weitere Forschen der Hoffnungsträger dafür ist, Lösungen für die selbst geschaffenen Probleme zu finden. Angesichts der bisherigen Erfahrungen muss man nüchtern betrachtet aber befürchten, dass – wenn überhaupt noch etwas bewirkt werden kann, was wir im Übrigen nicht mit Sicherheit „wissen“ – durch zusätzliches Wissen nur alte Probleme durch neue ersetzt werden.

Ein kreativerer Ansatz bestünde darin, einmal innezuhalten und zu fragen, ob nicht weniger Wissen besser wäre, dafür aber relevantes und beherrschbares Wissen, das allen zugänglich ist, und das uns vor allem von der Wahnvorstellung befreit, wir könnten und müssten all unser Wissen auch immer konkret zur weiteren Optimierung von allem Denkbaren einsetzen.

Weniger Wissen würde uns die Grenzen unserer Gestaltungsmacht bewusst machen und vorsichtiger entscheiden lassen. Und durch den Verzicht auf das fast zwanghafte wissensbasierte Optimieren würden wir letztlich auch eine humanere Welt erschaffen.

Das möchte ich anhand von zwei Beispielen verdeutlichen. Diese sind zwar nicht aus dem Bereich der Natur-, sondern der Humanwissenschaften, aber gerade hier ist besonders offenkundig, wie fatal es ist, dass auch sie das naturwissenschaftliche Paradigma des Mehrwissens verbunden mit dem Optimierungszwang verinnerlicht haben.

Das erste Beispiel betrifft die Wirtschaftswissenschaften, die das Prinzip der Optimierung, Maximierung, kontinuierlichen Verbesserung oder Effizienzsteigerung in vielerlei Varianten zum Kern, wenn nicht sogar zum Daseinsgrund, ihres Selbstverständnisses gemacht haben.

Darüber ließe sich ein ganzes Buch schreiben, aber hier soll nur der Aspekt der möglichst vollkommenen Informiertheit der Wirtschaftsakteure angesprochen werden. Diese zählt in vielen Erklärungsmodellen zu den Grundannahmen (ebenso wie der Grundsatz der egoistischen Nutzenmaximierung als angeblich typische Form des menschlich-rationalen Verhaltens), und in den Empfehlungen eines guten Managements geht es immer auch darum, durch Informationsvorsprung gegenüber den Wettbewerbern zu punkten.

Während dies früher eher Wunschdenken als Realität war, bringen die neuen Möglichkeiten von Data Mining und Analytics eine entscheidende Annäherung an die perfekte Information, was eigentlich ja auch im Sinne der Theorie sein sollte. Aber dieselbe Lehre sagt auch, dass dies zum vollkommenen Wettbewerb führt, und am (langfristigen) Ende desselben stehen dummerweise Monopole. Je transparenter und informationell vollkommener Märkte sind, desto mehr wird (ceteris paribus) das Funktionieren des Marktes geschwächt. Die Robustheit eines Marktes im Sinne der Aufrechterhaltung einer möglichst großen Zahl von Wettbewerbern wird durch zunehmendes Wissen über Marktteilnehmer und Produkte beeinträchtigt (typischerweise zugunsten des am besten Informierten), und dies kann nicht im Interesse der Gesellschaft sein.

Auch im Verhältnis zu den Kunden führt der einseitige Informationsvorsprung der Anbieter dazu, dass den Konsumenten letztlich immer nur Produkte zu dem Preis angeboten werden, den sie lt. Datenlage zu zahlen bereit sind. In einem Markt, in dem die Anbieter perfekt informiert sind, ist es für Verbraucher unmöglich, Schnäppchen zu machen oder den Markt „outzuperformen“.

In einer maximal informierten Welt regieren also entweder das System (dem sich alle unterwerfen, egal wohin es führt) oder die relativ besser Informierten, und es ist in dem Spiel dann nur logisch, dass mit allen Mitteln versucht wird, sich diesen Vorsprung zu verschaffen. Entziehen könnte man sich dem nur, indem man bereit wäre, Nichtwissen zu valorisieren, d. h. Risiken einzugehen, Unvernünftiges zu tun, zu spekulieren u. ä. Die (nur vorläufig) letzte Finanzkrise hat gezeigt, wozu das führen kann.

Lässt man also ein Wirtschaftssystem sich endlos durch weitere Wissensanhäufung optimieren, wird es sich irgendwann selbst erledigen.

 

Das zweite Beispiel betrifft die Didaktik, einen Hauptzulieferer der Bildungsindustrie. Bildungswissenschaftler, Pädagogen, Lernpsychologen und alle anderen Didaktikbeflissenen (insbesondere auch die Lehrenden selbst) sind mächtig stolz auf den Paradigmenwechsel von der Input- (Instruktionismus) zur Outputorientierung (Konstruktivismus), oder wissenschaftlicher ausgedrückt auf den „shift from teaching to learning“.

Es ist zunächst einmal nichts dagegen einzuwenden, dass den Schülern und Studenten nicht blindlings Wissen eingetrichtert wird, sondern dass sie auch tatsächlich Kenntnisse und Kompetenzen erwerben. In der eingangs beschriebenen Tradition ist es aber leider zwangsläufig so, dass diese neuen Konzepte und Modelle nunmehr konsequent zwecks weiterer Optimierung des Bildungsprozesses genutzt werden. Das ganze System wird nämlich nun technisiert und mechanisiert: Ausgehend von vordefinierten Lernergebnissen, die aus den Anforderungen des Arbeitsmarkts abgeleitet werden, wird der Lernprozess so optimiert, dass alle Zutaten gezielt dergestalt im Bildungsgang verankert werden, dass das Lernergebnis bestmöglich erreicht wird.

Das erfolgt alles aufgrund immer ausgetüftelter Datenerhebungen und -auswertungen und eines darauf aufbauenden Bildungscontrollings auf allen relevanten Ebenen, die ihrerseits wieder zur kontinuierlichen Optimierung (mit dem nötigen Druck einer quantifizierten Bildungspolitik) verwendet werden.

Dass die Gegenstände der Bildungsmaßnahmen und die Verkörperungen dieser Lernergebnisse Menschen sind, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, wenn auch eine in gewissem Sinne störende, weil die Bildungsergebnisse leider nicht so ganz prognostizierbar sind. Oder besser: Noch nicht. Die Wissenschaftler arbeiten weiter an der gezielten Optimierung mit Nutzung nicht nur von E-Tools, sondern bald auch von individuellen Persönlichkeitsprofilen sowohl der Lehrenden als auch der Lernenden, natürlich mit der gutgemeinten Absicht, allen zu ihrem planbaren Leistungsoptimum zu verhelfen.

Letztlich ist also alles lehr- und lernbar, wenn auch nicht von allem und in jedem Kontext. Aber die Test-, Prüfungs- und Evaluationsmaschinerie wird mittelfristig dafür sorgen, dass jeder nur noch gemäß seinen Talenten (aus)gebildet wird, um keine unnötigen Ressourcen zu vergeuden, und dass die Lehrenden zwecks Erreichung der Ziele eher Systemkonformität als Individualität aufweisen müssen. Solange der Mensch noch defizitär ist, wird man versuchen, das Beste draus zu machen. Die nächste Stufe wird es sein, die Menschen selbst zu optimieren.

Bildung ist jetzt schon Ware, und die Wissenschaft wird nicht eher ruhen, bis auch der Mensch selbst als Humankapitalfaktor seinem Namen alle Ehre macht, d. h. individuell so konfiguriert wird, wie der gesellschaftliche (d. h. i. W. ökonomische) Bedarf es verlangt. Entscheidend wird es sein, genügend operationalisierbares Wissen anzuhäufen. Sobald dieses vorhanden ist, wird niemand sich mehr ohne (negative) Konsequenzen rausreden können, warum er das statistisch abgesicherte Potenzial nicht realisiert.

 

Allgemein kann man daraus folgern:

Analysierbarkeit, Informiertheit, Transparenz und als Folge davon Kontrollierbarkeit und Vorhersagbarkeit sind das Ende der Freiheit. Und ohne Freiheit gibt es kein Leben. In diesem Sinne ist Wissensanhäufung die Grundvoraussetzung für die Reduzierung der Freiheit.

Nur wenn wir bereit sind, ausreichend Unwissen, Unbestimmtheit, Unperfektion, Unsicherheit usw. hinzunehmen oder sogar gezielt herzustellen, gibt es genügend Freiheitsgrade, die ein System flexibel und damit lebensgeeignet und wirklich menschenwürdig machen. Und das wird nur funktionieren, wenn wir aufhören, Wissen anzuhäufen und uns dadurch einbilden, wir hätten auch verstanden und würden richtige Entscheidungen treffen.

Entscheidungen bei Wissenseinschränkung haben den Vorteil, dass die Handelnden vorsichtiger und bewusster agieren, und bezogen auf das Gesamtsystem belässt es Freiheitsgrade und Risikopuffer im System, die flexible und vorher nicht programmierbare Anpassungen ermöglichen.

Man könnte dieser Argumentation entgegenhalten, dass das Chaos, das die Menschen bislang angerichtet haben, ja gerade nicht entstanden wäre, wenn wir noch mehr bzw. alles gewusst hätten.

Dem muss man Folgendes entgegenhalten:

Die Komplexität der Realität und ihre kontinuierliche Veränderung sind so groß, dass man die These aufstellen kann, dass wir nie in der Lage sein werden, diese durch unser Wissen bzw. unsere Informiertheit zu begreifen und adäquat zu handhaben. Das immer tiefere Wissen in immer engeren Anwendungsbereichen hat zu einer Hyperspezialisierung geführt, die mit Komplexität nicht einmal ansatzweise umgehen kann. Mag sein, dass Künstliche Intelligenz uns irgendwann weiterbringen wird, aber auch diese wird ihrerseits selbst neue Probleme und Komplexität generieren (z. B. bezüglich des Zusammenspiels hyperkomplexer Einzelanwendungen), deren Bewältigung wiederum intelligentere Systeme benötigt usw.

Ein Ende wird dieser Wettlauf nur dann finden, wenn wir unser Verständnis vom Sinn und Zweck des Wissens ändern: Nicht in erster Linie als Instrument zur Beherrschung der Umwelt und Mitmenschen, sondern als Grundlage für ein Verständnis des Wesens unseres Daseins und der uns zu deren Bewältigung zur Verfügung gestellten geistigen und materiellen Mittel.

Der Wissensverzicht ist also allenfalls eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. Erforderlich ist das Verständnis, warum und wann ein solcher Verzicht sinnvoll oder notwendig ist, ebenso wie die Einsicht darin, wie Wissen wertbezogen eingesetzt werden kann und soll.

Wissen alleine zwingt uns in der Tat noch nicht, es auch im Sinne einer ständigen Optimierung anzuwenden. Aber Letzteres speist sich offenbar aus derselben Quelle wie der Wissensdrang, nur mit einer anderen Zielsetzung, wobei in vielen Bereichen die Trennung der Beiden schon gar nicht mehr erfolgt. Nicht nur in der angewandten Forschung, sondern selbst von der Grundlagenforschung erwarten wir, dass sie irgendwann einen Nutzen haben wird, und sobald dieser erkennbar ist, steigt der Wettbewerb der lukrativsten Anwendung.

Vielleicht liegt der Kardinalfehler in der Natur des Menschen, nicht nur wissen, sondern auch dieses Wissen immer zum eigenen Vorteil nutzen zu wollen. Ob man dies dem homo sapiens austreiben kann, ist fraglich, schließlich stellt dies gewissermaßen seinen Wesenskern dar. Vielleicht bedarf es ja eines Evolutionssprungs vom homo optimus zu einem homo optimisticus, wodurch die Angst vor der Unbestimmtheit und Verantwortung sowie der Sucht nach Perfektion und Vollendetheit (die sich heute wie ein Virus bis ins letzte Lebensdetail verbreitet hat) ersetzt wird durch das Bewusstsein der Werte von Freiheit, Begrenzung und Genügsamkeit sowie der Rolle der Qualität eines endlichen Lebens auf einem begrenzten Globus.

„Wissen über“ würde ersetzt durch „Wissen um“, das Streben nach mehr ersetzt durch das Streben nach Gleichgewicht und anderer Lebensprinzipien, zu denen als einer der wichtigsten Grundsätze de notwendige Akzeptanz eines Mindestgrads an Unbestimmtheit in jeglicher Hinsicht zählt. Denn begrenztes Wissen und fehlende Transparenz sind nicht nur Grundlage der Freiheit und Lebensfähigkeit, sondern „Geheimnisse“ sind auch Bestandteil der Würde jedes Einzelnen und nicht zuletzt notwendiger Bestandteil des Wesenskerns des geistigen und materiellen Seins.