Hellseher und Gierprediger

„Das Bundesamt für Bevölkerungsforschung, das Statistische Bundesamt und die Vereinten Nationen (UN) … gehen davon aus, dass die Bevölkerung in Deutschland schrumpfen wird. Ich glaube nicht an diese Zahlen. Ich erwarte, dass 2050 in Deutschland 93 Millionen Menschen leben werden. Vielleicht sogar noch mehr.“ (Hermann Simon, 93 Millionen werden wir sein, DIE ZEIT 25.2.2016, S. 29).

Wow, der Mann traut sich was! Als Betriebswirt das versammelte volkswirtschaftliche Know-how anzuzweifeln, dazu braucht es einiges an (ganz offensichtlich vorhandenem) Selbstvertrauen, aber mangels (ganz offensichtlich nicht vorhandenen) hellseherischen Fähigkeiten auch ein paar Sachargumente.

Simon Artikel 250216Also: Zunächst einmal habe es 2014 eine Million Zuwanderer gegeben, 2015 dürften es rund 1,5 Millionen gewesen sein. Abgesehen von einer genialen Schätztechnik (die dringend der Bundesregierung verkauft werden sollte) verwechselt der Herr Professor hier Bruttozuwanderung und Nettomigrationssaldo (den er etwas später auf 0,8 Mio p.a. schätzt). Aber das ist letztlich ja nur zum Aufwärmen da, denn jetzt kommt es: Mittel- und langfristig wird die Einwanderungswelle vor allem aus Afrika kommen. Dort leben jetzt schon 1 Milliarde Menschen, von denen 40% nach Europa wollen, und es werde ja ständig mehr. Und dagegen kann man nix machen: „Kein Zaun, keine Mauer, keine Militäraktion wird das verhindern können. Natürlich sollten wir alle tun, um die Lebensbedingungen in Afrika zu verbessern und Frieden in Krisengebieten zu schaffen. Aber das wird ein Tropfen auf den heißen Stein. Die ‚Völkerwanderung‘ wird trotzdem stattfinden.“

Noch mal wow! Wie gut, dass uns das mal jemand sagt (auch wenn es dann doch nicht 93 Millionen werden, das ist dann ja auch nicht mehr so wichtig, „sicher ist, dass Deutschlands Bevölkerung wachsen wird.“), und natürlich ist das alles alternativlos. Wäre ja auch noch schöner, wenn uns was anderes einfiele, oder? Denn schließlich: „Unser Demografieproblem ist gelöst.“ Wowwowwow!!! Endlich mal eine positive Perspektive! Wir haben also nicht zu viel Flüchtlingskrise, sondern noch viel zu wenig!

Jetzt mal im Ernst: Warum outet sich eine (zumindest in manchen Kreisen) prominente Persönlichkeit mit so viel Hirnschiss?

Sehen wir mal ab von einem vorübergehenden mentalen Blackout oder der Möglichkeit, dass Simon letztens Probleme hatte, eine afrikanische Putze zum Untermindestlohn zu finden, gibt es nur eine plausible Erklärung: „Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing‘.“

Simon verdient sein Geld als Unternehmensberater, und da schadet es dem eigenen Marktwert nicht, wenn man mal kräftig ins Horn der Industrie bläst: Denn das Demografieproblem mag gelöst sein, aber „wir brauchen riesige Investitionen, um die zusätzlichen Menschen mit Wohnungen und Arbeitsplätzen zu versorgen. Solche Investitionen sind Wachstumstreiber par excellence. … Und natürlich müssen wir alles dafür tun, die Ankommenden so ausbilden, dass sie einen produktiven Beitrag leisten können.“ Na, ist das kein tolles Programm? Wer das finanzieren soll, wird nicht erwähnt, wem das zugute kommt, zumindest angedeutet: „Ein Schweizer Investor kauft schon jetzt in ostdeutschen Städten ganze Straßenzüge. Seine Begründung: ‚Deutschland ist im Hinblick auf Klima und Infrastruktur so attraktiv, dass es nicht unbesiedelt bleiben wird.‘“

Unbesiedelt? Wie gut, dass Simon auch weiß, dass mehr Menschen in den Osten und ins Ruhrgebiet ziehen werden. Ob er mit den Menschen dort gesprochen und erfragt hat, wie die das finden, teilt er nicht mit. Dass das in diesen ohnehin sozial schwierigsten Regionen Deutschlands vermutlich zu gravierenden Problemen führen wird: Sei’s drum.

„Niedrig Qualifizierte werden durch die Zuwanderer unter Druck geraten.“ Und „wie sich Einkommen und Wohlstand entwickeln, hängt vor allem davon ab, ob wir es schaffen, die Ankommenden zu integrieren.“ Aber was bedeutet das schon?„Die Zuwanderung macht es möglich, die deutsche Wirtschaft weiter zu internationalisieren. In den vergangenen Jahrzehnten gab es beispielsweise keinen Mangel an Polnisch oder Russisch sprechenden Nachwuchskräften. Das hat uns in den Heimatländern dieser Zuwanderer sehr geholfen.“ Na, ist das kein Argument? Allerdings sollten wir dann logischerweise darauf achten, auch aus anderen Erdteilen als Afrika Zuwanderer reinzulassen.

Im Ernst: Wer Menschen als mobile Figuren auf dem Schachbrett der Weltwirtschaft betrachtet und behandelt, und Wachstum und Profit, die in erster Linie den Reichen zugute kommen, als einzige Kriterien für eine Flüchtlingspolitik propagiert, sollte seinen Professorentitel zurückgeben und sich zu dem bekennen, was er ist: Ein banaler Industrielobbyist. Diese Profit- und Gierprediger im Dienste des Götzen Mammon rangieren in der Skala der Verachtungswürdigkeit nicht weit hinter den Hasspredigern im Dienste von Rachegöttern.

DIE ZEIT, die diesen Beitrag schüchtern mit ‚Forum‘ kennzeichnet, sollte sich schämen, solche plumpen Lobbytexte abzudrucken. Oder – als anerkanntermaßen geschäftstüchtige Zeitung – zumindest Geld für diesen Werbeartikel nehmen.

Im Übrigen: Ab ins Altpapier!