„Man kann Merkel vorwerfen, ihre Flüchtlingspolitik sei anfangs kurzsichtig gewesen. Das fällt heute sehr viel leichter als vor einem halben Jahr. Merkel hat die Folgen ihrer Offenheit nicht überblickt, vor allem aber nicht die Befindlichkeiten und den Widerstand in anderen europäischen Ländern. Daraus den Vorwurf abzuleiten, Merkel habe Europa gespalten, ist abwegig. … Besonders perfide ist der Vorwurf, Merkels Flüchtlingspolitik befördere den Nationalismus und Extremismus in anderen Ländern.“ (Matthias Krupa, DIE ZEIT 18.2.16 S. 1)
Wie in den meisten Beiträgen zu diesem Thema verbaut hier offenbar der Bauch dem Hirn den Zugang zu einer nüchternen Betrachtung. Mangels Sachargumenten werden andere Meinungen markig als ‚abwegig‘ und ‚perfide‘ bezeichnet.
Zu den Fakten: Merkel ist ein Politprofi im höchsten deutschen Amt, umgeben von sachkundigsten Beratern – wenn sie sie sich denn beraten lässt. In einer so grundlegenden Thematik kurzsichtig zu handeln, ist keine lässliche Sünde, sondern ein gravierender Fehler. Vor allem weil es keines besonderen Weitblicks bedurfte, um die innerpolitischen und europapolitischen Probleme vorauszusehen, die diese ‚Offenheit‘ auslösen würde: Das Migrationsproblem ist wirklich kein neues, ebenso wenig die Verweigerungshaltung der meisten EU-Mitgliedstaaten.
Was Merkel wusste, weiß natürlich noch nicht jeder Journalist. Wer sich aber nicht vom deutschen Mediengetöse einlullen lässt, sondern auch zur Kenntnis nimmt, wie die Stimmung in anderen Ländern ist, der hätte spätestens im Oktober wissen können, dass ein Gegensteuern zumindest im Interesse Gesamteuropas nötig ist. Wenn Merkel sich dem konsequent verweigert, dann nimmt sie eine Spaltung Europas bewusst in Kauf.
Und genauso wie Merkels Politik in Deutschland nebenher die Rechten fördert, so erschwert sie in den anderen Staaten den Kampf gegen Nationalisten & Co. Auch hier muss man kein Hellseher sein, um diese Auswirkungen vorherzusehen.
Den Gipfel des gedanklichen Unfugs erklimmt Krupa, wenn er sich als Wiederkäuer deutscher Regierungssprechererklärungen outet: „Wer Merkel, wer Deutschland in dieser Situation die Unterstützung verweigert, schadet der EU.“ Nicht nur provoziert Merkel mit ihrer unfähigen Politik massive innereuropäische Probleme, sondern sie potenziert diese noch, indem sie so tut, als handele es sich um ein europäisches Problem, mit dem man sie alleine lasse. Krupa schließt sich dem uneingeschränkt an, um dann mit der Drohung zu schließen: „Was wäre gewonnen, wenn die EU … die Unterstützung der Deutschen verlöre?“
Das ist der Gipfel der Verdrehung von Tatsachen und Abschiebung von Verantwortung, wie man sie sonst nur von ertappten Halbstarken kennt. Wenn die führende deutsche Wochenzeitung auf Seite 1 ungefiltert solche Gedanken auf Abwegen bringt, wundert es nicht, auf welchem Niveau die Debatte in Deutschland sich bewegt. Übrigens: Sollte es bei der sogen. Flüchtlingskrise nicht eigentlich um Hilfe für Flüchtlinge gehen, nicht um Hilfe für Merkel oder Deutschland?
Allen Mitgliedern der Vereinigung der bedingungslosen Mutter-Merkel-Verehrer sei dringend geraten, sich einen Monat lang einer Kur zu unterziehen, während der sie auf den Konsum jeglicher deutscher Medien verzichten und nur geistige Nahrung ausländischen Ursprungs zu sich nehmen. Das dürfte ausreichen, um das Gehirn wieder einzunorden und in die Lage zu versetzen, einiges von dem, was Politik und Medien in Deutschland produzieren, als abwegig und perfide einzuschätzen.