Denkblasen

Denken ist gut, aber Denker sollten sich mehr mit der Realität befassen als mit Büchern.

Sie laufen sonst Gefahr, sich in Denkblasen zu bewegen, am liebsten in solchen, die den eigenen Denkansätzen entsprechen. Filterblasen des Internets sind nichts Neues, man kennt sie in ähnlicher Form als Zitierkartelle in den Wissenschaften oder als Zeitgeist in der gesellschaftlichen Kommunikation. Neu ist nur, dass sie die abgeschlossenen Gedankenwelten der Denker auf das mentale Gruppenbewusstsein der Durchschnittsbürger erweitern, deren Denkquellen sich i. W. aus massentauglich aufbereitetem Infotainment und Netzmessages speisen. Und das bekommt der Gesellschaft insgesamt nicht gut.

Denn wer zu viel medial Aufbereitetes konsumiert, kommt nicht zum selbständigen Denken. Wer hingegen die Realität unmittelbar betrachtet, muss erst selber denken.

Um die Realität zu lesen, braucht man natürlich eine Denkausbildung. Das Problem dabei ist: Je tiefer (und einseitiger) das Gelernte ist, desto selektiver die Wahrnehmung der Realität. Wer dem vorbeugen will, muss in verschiedenen Wahrnehmungsmethoden und -perspektiven interdisziplinär und international ausgebildet sein, um nicht von vornherein die Realität auf eine einzige Dimension zu reduzieren. Aber wer schafft das in Zeiten, in denen von jedem einigermaßen klugen Kopf erwartet wird, ein Experte in irgendwas zu sein?

Natürlich ist es nicht möglich, die Realität in seiner ganzen Komplexität zu erfassen. Das ist auch nicht nötig. Das Wichtigste ist, seine Ideen und Theorien immer wieder an der Wirklichkeit zu überprüfen (Falsifizierung) und die falschen auszusortieren. Es kann ohnehin nur darum gehen, sich der Wahrheit zu nähern, erreichen wird man sie nicht, weil die Realität schon wieder eine andere ist, sobald ein wenig Bedenkzeit verflossen ist.

Denken verliert aber seinen Nutzen, wenn es den Realitätstest nicht besteht. Natürlich darf und soll es auch spekulatives Denken geben, aber das sollte auch als solches erkennbar sein. Gefährlich wird es, wenn Denker nicht bemerken, dass sie sich in einer Denkblase befinden. Nicht nur, dass sie ihre Glaubwürdigkeit verlieren, es leidet langfristig die Gesellschaft darunter, weil sie nicht mehr versteht, was geschieht, was sie anstellt und wie sie sich verhalten soll.

In primitiven Gesellschaften reicht die einfache direkte Wahrnehmung, um sich den Umständen anzupassen. In komplexen Gesellschaften hingegen braucht man ein gesellschaftliches Großhirn, das von allen Denkern gebildet wird. Je mehr von diesen auf einem Irrweg sind, desto unfähiger wird eine Gesellschaft, sich richtig (situations- und zieladäquat) zu verhalten, mit langfristig problematischen bis ggf. katastrophalen Auswirkungen. Und einer dieser Irrwege ist statisches und abgekapseltes Denken, das keine Zweifel kennt und nur noch um seine Selbstbestätigung kreist.

Betrachtet man den Einzelnen als Zelle eines gesamtgesellschaftlichen Organismus, dann muss dieser mit den richtigen Informationen bzw. Gedanken versorgt werden, damit er seiner Rolle im Gesamtkontext gerecht werden kann. Je weniger das der Fall ist, desto mehr Dysfunktion wird es geben, ggf. entstehen sogar mentale bzw. intellektuelle Infektionen oder Krebsgeschwüre, die den Organismus schwächen oder sogar hinwegraffen können.

Denkerblasen sind in diesem Sinne gesellschaftliche Krankheitskeime, wie isolierte Zellen auf der Irrfahrt durch den Organismus. Solange dessen Immunsystem stark genug ist, die Blasen aufzubrechen, wird die Gesellschaft keinen Schaden nehmen. Und dies wird am ehesten der Fall sein, wenn intellektuelle Vielfalt gefördert wird. Wer sich lieber in einer geschlossenen Gedankenwelt aufhält, weil die Realität zu kompliziert ist und einfache Wahrheiten Sicherheit versprechen, kann dem jedoch nicht gerecht werden. Aber vielleicht neutralisieren die unterschiedlichen Denkblasen sich ja gegenseitig. Und langfristig gilt ohnehin der Grundsatz, dass die Wahrheit immer siegt. Schade wäre nur, wenn es dann nichts mehr gibt, wofür zu siegen es sich lohnt.