Ende?
Nichts scheint die Menschen derzeit mehr zu beschäftigen als die Gefahren, die von Donald Trump ausgehen. Natürlich ist es äußerst bedenklich, wenn ein psychisch schwer gestörter Mann in eine solche Machtposition gerät. Aber sein Irresein bleibt einigermaßen kalkulierbar, und selbst wenn er mit Atomwaffen spielen möchte, wird das keine Kettenreaktion zur Folge haben, die das Ende der Menschheit zur Folge hat. Dazu bedürfte es noch einiger Irrer an anderer Stelle, was zwar nicht unmöglich ist, aber verrückte mächtige Herrscher mit Selbstmordneigung gibt es zum Glück dann doch nicht so viele. Die Welt hat zwölf Jahre Hitler überstanden, sie wird auch (maximal) acht Jahre Trump überstehen. (Die Möglichkeit eines zwischenzeitlichen rechten Putsches in den USA dürfte derzeit nicht all zu groß einzuschätzen sein.)
Das klingt zynisch angesichts der Millionen Opfer des Naziterrors, die es diesmal hoffentlich nicht geben wird. Es soll aber verdeutlichen, dass – wenn etwas zu Ende geht – es weniger die Welt sein wird als vielmehr unser Glaube an eine quasi naturgesetzliche Entwicklung hin zum Besseren.
Die Grenzen des Wirtschaftswachstums sind seit Langem bekannt und effizient verdrängt worden, die Grenzen der Naturzerstörung sind inzwischen auch erkannt und zumindest ansatzweise „in Arbeit“. Aber unsere Gelassenheit im Umgang mit beidem beruhte darauf, dass unser Gesellschaftssystem, unsere Werte usw. und als deren Vollstrecker die Politik es immer noch geschafft haben, das Ganze im Griff zu halten, ohne von uns radikale Änderungen unseres Verhaltens zu verlangen. Es gibt zwar genügend Beispiele in der Geschichte, dass es beileibe keine Art Schöpferwille ist, unsere Zivilisation am Leben zu erhalten, aber wir waren bislang so beschäftigt mit Reichwerden und Konsum, und so eingelullt von Jahrzehnten Frieden und augenscheinlicher Wohlstandsmehrung bei maximaler Freiheit und Pluralitätstoleranz, dass das jetzige Erwachen aus dieser Illusion umso rüder wirkt.
In der Person Trumps kulminieren das Dumme, Irrationale, Egoistische, Gierige, Verächtliche, Gefährliche und vielleicht Böse, das wir an vielerlei anderen Stellen (die uns zudem noch z. T. wesentlich näher sind) zwar ebenfalls erleben, aber in dosierter Form. Wir reagieren – ob in politischen Ämtern oder nicht – mit Unverständnis, Verachtung, Verdammung, Verängstigung, Beschwörung, usw. Aber niemand scheint darauf vorbereitet zu sein und schon gar nicht einen Gegenentwurf zu haben. Das irritiert mich ehrlich gesagt mindestens so sehr wie das Phänomen Trump.
Eine schonungslose Ursachenanalyse wäre dringend angesagt, und es gibt natürlich genügend Thesen und Theorien, warum es zu Trumps Wahl kommen konnte. Aber so überrascht sollten wir nicht sein: Ähnliche Konstellationen gibt es seit Langem in vielen Teilen der Welt, und neuerdings auch in Europa bzw. in Demokratien nach westlichem Vorbild. Während wir diktatorische Systeme ohne große Probleme als volksunterdrückende Kastensysteme oder Plutokratien erklären können, erscheint es uns hingegen vollkommen abstrus, unsere gesellschaftszivilisatorischen Errungenschaften freiwillig aufgeben zu wollen. Aber gerade dazu scheint ein nennenswerter Anteil der Bevölkerung in (ganz oder halb) demokratischen Staaten bereit zu sein. Warum?
Die Ursachen sind sicher in jedem Land von nationalen Eigenheiten geprägt, aber bei nüchterner Betrachtung sind einige Gemeinsamkeiten erkennbar:
- Trotz hoher Investitionen in Bildung sind die Menschen in der Breite nicht in der Lage, die Komplexität der Gesellschaft zu verstehen und einigermaßen rational und unbeeinflusst durch Lügen und Propaganda Entscheidungen zu treffen, die zudem über das (scheinbar) unmittelbar Naheliegende hinausgehen.
- Gemeinwohlorientierung wird nur befürwortet, wenn es keine eigene Bescheidenheit erfordert (bzw. man den Eindruck hat, dass es so ist). Neben Individual- finden sich Gruppenegoismen, Letztere offenbar in Verbindung mit dem Bedürfnis, einem Kollektiv anzugehören (Ethnie, Nation, Religion, Geschlecht).
- Menschenrechte, Pluralismus und Multikulti in Verbindung mit Freiheit und Toleranz scheinen bei vielen Menschen Identitätsprobleme hervorzurufen, die sich in teils schroffer Ablehnung des Anderen äußern.
- Auch soziale und ökonomische Ungleichgewichte scheinen sich eher auf dieser Ebene auszuwirken, als in der Bekämpfung der spezifischen Ursachen (z. B. undifferenzierte Ablehnung der Globalisierung), wobei (s. 1) die Zusammenhänge kaum durchschaut werden.
- Das politische und medial vermittelte offizielle („politisch korrekte“) Weltbild wird von vielen als nicht mehr in Übereinstimmung mit den eigenen Werten und Erwartungen gesehen. Teile der Bevölkerung fühlen sich nicht ernst genommen bzw. repräsentiert. In ihrem Verständnis der Demokratie darf nicht die Regel des Mehrheitsentscheids gelten (die nach ihrem Verständnis im Übrigen von den Politikern bzw. politischen Institutionen ohnehin ausgehöhlt wird), sondern es muss jeder zu seinem Recht kommen (ähnlich die Staaten im Verhältnis zu Europa). Gemeinsame Interessen und Kompromissbereitschaft werden den Egoismen untergeordnet (s. o.).
- Die herrschende Ordnung wird entsprechend nicht verstanden und je nach Einstellung als ungerecht, identitätsstörend usw. abgelehnt und mangels Alternative erst einmal bekämpft bzw. es werden Egoismen in den Vordergrund gerückt.
Es scheint fast so, als neige sich eine Entwicklung ihrem Ende zu, die seit dem 2. Weltkrieg stattgefunden hat und insbesondere folgende Merkmale aufweist: Liberalisierung (Befreiung von sozialen, ökonomischen, politischen und ethischen Zwängen, Vorgaben, Diktaturen), Individualisierung, Auflösung ungeschriebener Normen bzw. sozialer und religiöser Werte und deren Ersetzung durch rechtliche und verwaltungsmäßige Regelungen, Ersetzung immaterieller Werte durch materielle (Wohlstand) gepaart mit Effizienz und Gewinnstreben, Glaube an das Machbare und die positive Kraft der Innovation bzw. des Fortschritts.
Wende?
All diese „Errungenschaften“ (zumindest aus Sicht derjenigen, die sie befürworten) haben dazu geführt, dass Kohäsion durch Zersplitterung ersetzt wurde, Sicherheit durch Freiheit und Risiko, Einheitlichkeit durch Vielfalt, Armut durch soziale Absicherung, Bescheidenheit durch Egoismen und Anspruchsdenken, überschaubare Ordnungen durch internationale bzw. globale Gebilde und Entscheidungsgremien, und politische Einordnungsmöglichkeit durch undurchschaubare politische Meinungslagen (was angesichts der Komplexität nicht verwundert).
Da die Welt aber trotzdem nicht untergeht scheint sich gerade eine Wende zu vollziehen, im Sinne einer Abkehr von diesem Abschied der alten Welt, der sich inzwischen zwar weitestgehend vollzogen hat, ohne allerdings für viele Menschen eine neue klare, nachvollziehbare/verständliche und akzeptable Ordnung zu schaffen. Die daraus resultierende Überforderung führt dann zunächst einmal bei vielen zur Ablehnung des „Erreichten“, das eben nicht als positiv, sondern als bedrohend erlebt wird.
Solche Unruhezustände hat es immer schon gegeben, aber solange (bzw. dort wo) es eine starke Mitte der Gesellschaft gab, hat die zwangsläufige Entwicklung und hierdurch ausgelöste Gegenreaktion sich nur mäßig revolutionär vollzogen. Diese Mitte der Gesellschaft hat sich inzwischen aber nicht nur ökonomisch deutlich reduziert, sondern auch sozial, politisch, ethnisch usw. Und wer sich früher zum Mainstream zählen konnte und darin seine Bestätigung und Sicherheit fand, sucht jetzt nach Orientierung, sodass es nicht verwundert, dass Populisten mit einfachen Parolen Gehör finden, wenn sie diese Empfindungen aufgreifen.
In diesem Sinne könnte man schlussfolgern, dass eine Wende im Gange ist, die manche schon seit Längerem verspüren, während andere noch in der bisherigen Welt leben (und dort auch bleiben möchten). Unklar ist aber, wohin die Reise gehen wird bzw. soll.
Blende?
Echte Zukunftsmodelle als Alternative zur jetzigen Lebensform gibt es nicht. Insofern sind auch Trump und Konsorten letztlich inhaltlich ratlos, wenn sie die Rückkehr zum Alten propagieren. Denn es ist unmöglich, eine einmal stattgefundene Entwicklung zurückzudrehen. Alte politische, soziale und ökonomische Rezepte auf eine neue Realität zu pfropfen, wird zwar zunächst mal zu „Linderung“ führen bei denjenigen, die sich gerade gegen die Veränderungen auflehnen. Aber zum einen hat auch die neuerdings in Frage gestellte „neue Gesellschaft“ ihre Anhänger, und diese werden sich nicht einfach in ihr Schneckenhaus zurückziehen. Zum anderen sind manche alte Rezepte mit den neuen (technischen, ökonomischen, Intellektuellen usw.) Realitäten einfach nicht kompatibel, und wenn dies offenkundig wird (und vor allem denjenigen nicht die erhofften Vorteile bringen, die für sie eingetreten sind), dann wird man sie auch begraben. Und schließlich sind die Populisten in aller Regel gar nicht daran interessiert, die enttäuschten Massen zu beglücken, sondern sie zu gebrauchen (bzw. missbrauchen), um Macht zu erringen/behalten und davon zu profitieren (so wie es die Diktatoren in der Dritten Welt und Entwicklungsländern ja schon lange vormachen). Auch das wird irgendwann offenkundig.
Je nachdem, wie man diese aktuellen Entwicklungen interpretiert, kann man deshalb darin auch nur etwas sehen, was Bestandteil einer komplexen Weiterentwicklung ist, bei der gerade ein bestimmter Ausschnitt fokussiert wird, der unsere Aufmerksamkeit findet, weil die Gesamtperspektive fehlt. Und weil insbesondere Trump ein Phänomen ist, das man im bisherigen (zumindest westlichen) System in dem Extrem noch nicht kannte (so bilden wir uns zumindest ein), wird dieser Einzelausschnitt überzeichnet.
Jede langfristige Entwicklung besteht in der Tat aus zahlreichen Einzelaspekten, die nicht einmal zwangsläufig auf derselben Entwicklungsstufe sind, zudem sind manche vorübergehend oder stellen sogar momentane Gegenbewegungen dar. Ob es sich hier nur um eine temporäre Abweichung von einem langfristigen Pfad handelt, wird man erst im Rückblick bewerten können. Aufgrund der vorstehenden Ausführungen sind Trump&Co zwar momentane Symptome, aber m. E. eben doch Ausdruck fundamentalerer Veränderungen, und diese gilt es in erster Linie zu erkennen.
Manche sehen Merkels Deutschland als Gegenmodell. Das scheint mir eher eine verzweifelte Hoffnung zu sein als das Ergebnis einer belastbaren Realitätsbetrachtung. Die oben beschriebenen Phänomene treffen jedenfalls weitgehend auch auf Deutschland zu. Und je länger die visionslose Merkel-Ära dauert, desto größer wird auch in Deutschland der Veränderungsdruck werden. Nicht zum ersten Mal würden gesellschaftliche Verschiebungen in den USA als Vorläufer fungieren, die dann (in möglicherweise abgeschwächter Form) in Deutschland ebenfalls eintreten.
Und jetzt?
Wenn man überlegt, wie man sich dem gegenüber (individuell und kollektiv-politisch) verhalten soll, ist zunächst zu berücksichtigen, dass keine Gesellschaft und kein politisches System je über längere Zeit konstant geblieben ist. Diese haben sich stets und überall durch innere und äußere Einflüsse weiterentwickelt, zwar nicht im gleichen Tempo und in dieselbe Richtung, aber dennoch. Tun sie es nicht (mehr), droht die Gefahr des Untergangs. Denn je starrer das System (oder die Gesellschaft), desto stärker wird die Veränderung dann erlebt und erfahren. Gleichzeitig kann aber auch eine zu schnelle Entwicklung das Ganze aus dem dynamischen Gleichgewicht bringen.
Es wäre spannend zu wissen, in welchem Zustand bzw. Stadium wir uns in dieser Perspektive gerade befinden. Der Mainstream lebte (insbesondere seit dem Untergang des Kommunismus) in der Illusion, das (Ideal)Ziel sei erreicht und dort könne man es sich gemütlich machen. Aber insbesondere die Folgen unseres Wirtschaftssystems und (in weiten Teilen damit zusammenhängend) unserer Naturzerstörung in Verbindung mit einem starken demografischen Wandel sind schon Anzeichen genug dafür, dass wir uns nicht ausruhen dürfen, sondern dass (worauf aufmerksame Beobachter ja schon lange hinweisen) die Dringlichkeit des Handlungsdrucks ständig zunimmt.
Es ist schwer zu sagen, ob und inwiefern das Ganze durch die Menschen überhaupt steuerbar ist. Vollständig sicher nicht. Aber schon das Erkennen der Veränderungen hilft dabei, nicht nur Gegenstand und Opfer der Veränderungen zu sein, sondern sich persönlich und gesellschaftlich bestmöglich darauf einzustellen und negative Auswüchse zu vermeiden, und zumindest den beeinflussbaren Teil mitzugestalten.
Eine wichtige Frage in dem Zusammenhang ist, wie die gemeinsame bzw. kollektive Beeinflussung bzw. Steuerung in Zukunft erfolgen soll. Denn nicht nur Familien- und Gesellschaftsstrukturen haben sich geändert und werden es weiter tun, sondern auch die Demokratie. Wir müssen uns insbesondere endgültig von dem Glauben verabschieden, die (direkte oder repräsentative) Demokratie mit allgemeinem Stimmrecht führe quasi zwangsläufig zu weisen und gemeinwohlorientierten Entscheidungen. Was aber an die Stelle treten wird, ist auch mir noch unklar.
Kurzfristig wird es jedenfalls darum gehen, das politische Erstarken der Populisten im Zaum zu halten, damit das System überhaupt funktionsfähig bleibt. Mittel- bis langfristig brauchen wir jedenfalls ein neues politisches (Kollektiventscheidungs-)System.
Kurzfristig wird unsere Werteordnung auch (hoffentlich) noch so konsensfähig und stabil sein, dass die Gesellschaft nicht unversöhnlich zersplittert. Mittel- bis langfristig benötigen wir aber neue individuelle und kollektive Werte und Ziele, die insbesondere das friedliche Zusammenleben und das Überleben des Planeten sichern, und dabei wird man sich (wieder) intensiv mit den ethisch-religiösen Grundlagen und deren Transposition in ordnende Rechtsnormen auseinandersetzen müssen.
Wir sollten uns also weniger um Trumps Geblöke kümmern als vielmehr dieses als Weckruf nehmen, uns dringender, ernsthafter und kreativer mit unserer Zukunft zu beschäftigen.