Viele politische Beobachter scheinen irritiert, weil das (Wahl)Volk sich offenbar irrational verhält, ja sogar bereit ist, gegen seine objektiven Interessen zu handeln und entscheiden.
Schlimmer noch: Nicht wenige Politiker selbst, ehedem natürlich noch authentisch und ehrlich, dann nur noch politisch korrekt, lügen inzwischen hemmungslos drauflos, ohne dass das Volk sie abstraft. Im Gegenteil: Viele Wähler scheinen sogar darauf gewartet zu haben, dass ihnen endlich einer sagt, was sie schon immer hören wollten, aber niemand sich getraut hat, zu fragen/sagen, weil es Unsinn ist.
Kommt das wirklich überraschend?
Wer sich mit dem individuellen und kollektiven menschlichen Verhalten beschäftigt hat, wusste schon immer, wie groß hier der irrationale Anteil war. In der Politik wurde dieser durch das Kollektivieren von demokratischen Entscheidungen übertüncht, die zumindest in den meisten westlichen Ländern der Nachkriegszeit in der Summe meist noch einer zumindest einigermaßen vorhersehbaren bzw. nachvollziehbaren Rationalität entsprachen. Dabei hat sicher auch eine Rolle gespielt, dass die Menschen in gewissem Sinne wussten, was man von ihnen im demokratischen Spiel erwartete, und sich daran hielten.
Das ist heute nicht mehr der Fall. Nur noch in Meinungsumfragen antworten die Menschen – wenn überhaupt- , wie es „sich gehört“. In der Wahlkabine geben sie diese Wahldisziplin vielfach auf, oft inzwischen auch schon im Wahlkampf.
Das ist offenbar tatsächlich eine neuere Entwicklung, aber eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, bis dieses Verhalten sich auch in politischen Entscheidungen äußert. Denn Marketing (und Öffentlichkeitsarbeit) setzen seit Langem große Energien daran, Menschen zu beeinflussen und manipulieren, und die Politik ahmt diese (mit etwas anderen Mitteln) nach. Aber nicht nur die Populisten passen sich diesem Geist an, sondern auch die echte Politik bespielt dieses Terrain, z. B. in dem es sich an der gefühlten (Un-)Sicherheit der Menschen orientiert und nicht an echten Bedrohungslagen. Auch das offizielle Interesse am Nudging z. B. zeigt, dass der irrational handelnde Konsument (und ganz allgemein humane Wirtschaftsakteur) auch ein „verleitbarer“ Bürger ist. Und wenn ständig irrationale Entscheidungen gefördert werden, wenn Gefühle angesprochen werden und nicht der Verstand, muss man sich nicht wundern, wenn dieselben Menschen auch in ihrer Eigenschaft als Wähler so agieren.
Die früher scheinbar größere Rationalität lässt sich auch durch die damals homogenere Gesellschaft erklären. Wenn sich aber die spontanen Standards und Normen auflösen und vervielfältigen, und durch die Flut der Trash-Medien, die Verherrlichung des Sports und der Helden von irgendwas, die Liberalität im Sexuellen, usw. letztlich alles „irgendwie geht“, warum sollten die Menschen, denen der Kompass abhanden gekommen ist, Hemmungen haben, sich auch öffentlich bzw. in öffentlichen Belangen irrational zu zeigen und irgendwen wählen?
Wenn man nach weiteren Gründen dafür sucht, warum das Intuitive, das Gefühl, das Irrationale den Verstand ersetzt, kann man schließlich auch sozialpsychologische Faktoren identifizieren: Weil die Menschen von der Komplexität überfordert sind? Weil sie dem Zuviel an Realität überdrüssig sind? Weil sie Angst vor der bösen oder unangenehmen Wahrheit haben? Weil die Realität keinen Sinn ergibt, kein Zukunftsprojekt erlaubt? Usw. Von allem scheint etwas dabei zu sein.
So betrachtet ist das irrationale Wahlverhalten ein Kollateralschaden einer tiefgreifenderen gesellschaftlichen Entwicklung (die im Übrigen auch durch wirtschaftliche und soziale Spannungen gefördert wird, die hier nicht näher thematisiert werden sollen).
Muss man sich Sorgen machen (Ich meine „echte“ Sorgen, nicht die von den Sorgenmacherprofis in Politik und Medien zwecks Wichtigtuerei und Einschüchterung geschürten bzw. angeblich zu fürchtenden Sorgen)?
Das wird sich noch zeigen. Möglich ist, dass irrationales Verhalten unsere Gesellschaft in den Abgrund führt. Möglich ist aber genauso, dass sich auf diese Weise auf kollektiver Ebene eine neue Form der Wahrheit äußert, die den neuen Lebensumständen angemessener ist als unsere Rationalität dies zu fassen in der Lage ist (so eine Art „Schwarmrationalität“).
Vielleicht ist das aber auch nur ein vorübergehender Zustand, dessen Funktion es ist, uns von einfachen Wahrheiten zu verabschieden und der Realität besser Rechnung zu tragen. Oder sogar uns klar zu machen, dass unsere vermeintliche Wahrheit keine mehr ist, weil sie Umständen entsprang, die nicht mehr gegeben sind. Vielleicht wird es aber auch so, dass – wenn das Ganze lange genug andauert – die Menschen gar nicht mehr merken, dass sie in einer wahrheitslosen Welt leben. Medien, Kommerz usw. arbeiten hart daran, uns in diesem Dauerzustand einzulullen, jetzt auch (mal wieder) die Politik. Bisher sind die Menschen aus diesen Traumwelten meistens erwacht, aber sicher ist das nicht.
Solange das System stabil ist, das Boot nur wankt, aber nicht kentert, solange leben wir nur in unruhigen Zeiten, und ein bisschen Wachrütteln zur rechten Zeit wäre nicht das Schlechteste in dieser Situation. Es kommt nur darauf an, die Richtigen zu schütteln und die Kontrolle nicht zu verlieren. Vielleicht ist ja das Gefühlte und Irrationale in der Masse genauso steuerbar wie das Rationale. Die großen Führer und Diktatoren haben das jedenfalls in ihrem Sinne gezielt genutzt. Nur wenn das letztlich aus dem Ruder läuft, und sei es nur als Weltuntergangsstimmung (&Co), ist gefühlte Wahrheit ein echtes Problem.
Gute Zeiten für Profnarren erleben wir allemal …