Manchmal hilft es, Texte aufzuheben und ein paar Monate später noch einmal zu begutachten. Dann kommt es sogar vor, dass Dinge, die man verbal widerlegen wollte, schon von den Fakten „erledigt“ werden, im vorliegenden Fall von der Corona-Pandemie und dem Umgang damit.
So z. B. der Beitrag von Armin Nassehi: Alles sofort? Das geht nicht (ZEIT 24.10.2019, S. 54).
Dort schreibt er zur Klimapolitik insbesondere Folgendes (Anmerkungen nachstehend):
„Sieht man im Klimawandel tatsächlich so etwas wie eine existenzielle Bedrohung (1), dann lässt sich daran durchdeklinieren, dass die moderne Gesellschaft gerade nicht in der Lage ist, darauf wie aus einem Guss, mit einer Strategie, gewissermaßen in einer konzertierten Aktion zu reagieren (2). Wie bei allen anderen Themen wirken auch hier jene zivilisatorischen Sicherungen, die das Gesamtsystem an einer einheitlichen, zentralisierten Reaktion hindern. (3) Das lässt sich an jeder einzelnen Reaktion besichtigen – wer politisch das (vermeintlich) Richtige durchsetzen will, muss es einerseits so appellativ tun, wie es der Klimabewegung mit großem Aplomb gelingt, anderseits so, dass die Betroffenen ihn wiederwählen. Wer ökonomische Veränderungen herbeiführen will, bleibt daran gebunden, dass dies auf den (Welt-)Märkten darstellbar ist, sonst ist jeglicher Gestaltungsspielraum perdu. Und wer rechtliche Regulierungen will, muss zumindest auf die Konsistenz der Rechtsanwendung und der Normenkontrolle achten (4). Selbst bei Konsens über Grundziele, wie sie in Resolutionen vereinbart werden, reagieren die unterschiedlichen Instanzen der Gesellschaft nach ihren je eigenen Regeln und Erfolgskriterien. Politik ohne Machtchance ist ebenso unmöglich wie ökonomisches Handeln ohne Markterfolg. Die Funktionsstelle fürs Ganze gibt es nicht, und wo man sie einzurichten sich anschickt, werden die Standards der Moderne unterlaufen. (5) … Man muss aber diese Diskussion führen, wie sich Verhaltensänderungen und Emissionsvermeidung nicht gegen die, sondern mit den Instanzen, Routinen und Strukturen der Gesellschaft einstellen können. … Die Aufgabe besteht darin, wie in kleinen Schritten politische Überzeugung, ökonomische Darstellbarkeit, rechtssichere Regulierungen und nicht zuletzt wissenschaftliche Modelle so rekombiniert werden können, dass es zu einer einschneidenden Reduktion des CO2-Ausstoßes kommt. … (6) … Sind das naive Vorschläge? Vielleicht. Aber es sind solche, die den Schwung der Sicherungssysteme der Moderne mitnehmen. (7) Vielleicht muss man an Strategien fernöstlicher Kampftechniken denken: keine Gegenkraft entwickeln, sondern die Bewegungsrichtung des Gegenübers für die eigenen Ziele verwenden. So müsste es gehen.“ (8)
(1) Wie könnte man in der Klimakrise keine existenzielle Bedrohung sehen? Nassehi tut so, als sei die Bedrohung der Existenz der Menschheit bloß eine mögliche Hypothese, und wenn überhaupt, dann nur so etwas wie“ eine Bedrohung. Wenn aber schon ein Virus uns an den Rand des gesellschaftlichen Kollapses bringt, was passiert erst, wenn das Ökosystem kollabiert?
(2) Wenn die moderne Gesellschaft dazu angeblich nicht in der Lage ist, wie würde man dann die zur Bekämpfung der Corona-Pandemie getroffenen Maßnahmen beschreiben? Es geht wohl doch eher ums Wollen, nicht ums Können. Und ein Willensmensch scheint Nassehi nicht zu sein.
(3) Zivilisatorische Sicherungen? Welche? Wo waren die bei Corona?
(4) Tja, dumm gelaufen. Sechs Monate später ist dieses Gelehrten-Geschreibsel allenfalls noch peinliche Makulatur.
(5) Vielleicht sind ja die „Standards der Moderne“, der Fetisch von Nassehi, das eigentliche Problem? Denn diese „Standards“ ähneln stark der Merkelschen „Alternativlosigkeit“: Die Ökonomie, die Politik, das Recht – so viele Mächte, denen die Politik nichts entgegen zu setzen vermag, und denen sich die Menschheit folglich gefälligst auszuliefern hat! Was für ein erbärmlicher Intellektueller, der den Menschen das auch noch einzureden versucht.
(6) Man ist beeindruckt vom strategischen Tiefenverständnis des Autors. Er hat zuviele Theoriebücher gelesen und dabei das kreative Denken vergessen. Im Übrigen s. (5).
(7) Den „Schwung der Sicherungssysteme der Moderne mitnehmen“: Man würde sich gerne darunter ein perpetuum mobile vorstellen, aber der Schwung reicht leider offenbar nicht einmal, die mentalen Sicherungssysteme des Autors in Bewegung zu halten.
(8) Der Märchenonkel endet mit Naivität, einem doppelten „vielleicht“ und einem beherzten „müsste“. Applaus auf den Rängen derjenigen, die ihre Hirntätigkeit schon vor der Lektüre eingestellt hatten!
Die Corona-Maßnahmen zeigen, was möglich ist, wenn man tatsächlich etwas will und sich nicht von kleingeistigen Beschwichtigern leiten lässt, die offenbar Angst vor der eigenen Courage haben. Es ist keineswegs so, dass der Staat in der jetzigen Krise alles richtig machte. Aber einen viel schöneren Beweis für die Unfähigkeit des Marktes (und der sonstigen Standards der Moderne, zum Gemeinwohl beizutragen, konnte man sich jetzt nicht wünschen.
Nassehi glänzt mit Möchtegern-Strategien, die wohl auf Verwirrung der Leser ausgerichtet, mit Sicherheit aber in der Praxis unbrauchbar sind: Die Leser irritieren mit unverständlichem Blödsinn und eingängiger Banalität, und ihnen mit falschen Beispielen einreden, dass sie es trotzdem verstehen und glauben, der unverständliche Rest müsse dann ja auch ok sein. Z. B. besteht die Taktik der Klimagegner ja gerade darin, zu bremsen und nicht anzugreifen, wie sollte man das für eine Gegenattacke nutzen? Da wäre ein Vergleich mit dem Schachspiel schon zielführender, aber das dürfte dem Mann zu kompliziert sein.
Nassehi schreibt zu viel und denkt zu wenig, vor allem richtet er sich bequem in seiner Besserwisserecke ein. Man muss sich wirklich Sorgen machen, wenn die gesellschaftliche Intelligentsia sich in solchen Gedanken widerspiegelt. Dann braucht man keine echten problemlösenden Strategien mehr, sondern Gebete und jemanden, der sie erhört. Das ist dann genauso effizient und erfordert weniger Nachdenken.
Kleiner abschließender Tipp für potenzielle Nachahmer: In Sachen Klima mehr Realität wagen! Denn die Natur kümmert sich definitiv nicht um noch so klug scheinendes Gerede und hat auch mit sozialen Sicherungsmechanismen nichts am Hut. Je weniger wir das beherzigen, desto Corona-artiger werden die Maßnahmen ausfallen müssen, um unser Überleben zu sichern.
Alles sofort? Klar geht das. Man muss es nur wollen!