Dieser Qualitätsschwenk setzt aber ein neues wertorientiertes Verständnis dessen voraus, was Demokratie mehr sein soll oder kann als ein technisches Instrument zur Bestimmung derjenigen, die zeitlich befristet (aber aus subjektiver Sicht möglichst lange) regieren dürfen.
M. E. liegt ein Kernproblem darin, dass Demokratie zwar dafür sorgt, dass möglichst alle relevanten politischen Strömungen im Parlament vertreten sind, aber eben nicht in der Regierung. Wenn zunehmend knappe Mehrheiten die Regierung bilden, und diese nur die Politik für ihre Wählerklientel führen, dann ist es leicht nachzuvollziehen, dass ständig mehr Menschen sich von der Regierung (und auf diese kommt es an) nicht mehr vertreten sehen, und je länger dieser Zustand dauert, und je mehr die verbleibende Mehrheit sich gegen einen Mehrheitswechsel wehrt, desto mehr driften diejenigen, die sich in der Mehrheitspolitik nicht wiederfinden, in extremere Formen des Widerstands ab, der sich auch in antidemokratischen Einstellungen widerspiegelt, weil ja offenbar die Demokratie unfair ist.
Regierungsmehrheiten für das ganze Volk wäre daher ein moderner qualitativer Inhalt für den Brandtschen Wahlspruch.
Ob das die aktuelle ideologische Verquerheit der extrem Positionierten reduzieren kann, ist schwer einzuschätzen. Aber diese würden durch eine solcherart verstandene Demokratie zumindest schon einmal den Support ihrer weniger ideologischen Wähler verlieren, was ihre Kompromissbereitschaft und die Chance auf Maßnahmen im Sinne (fast) aller Bürger erhöhen würde. Dabei sollte man allerdings nicht vergessen, dass natürlich nicht nur die äußeren Ränder kompromissbereit sein müssen, sondern vermutlich noch mehr die Mitte.
Mehr Demokratie zu wagen setzt jedenfalls genau das als Basis voraus, nämlich das Verständnis, dass Demokratie keine Institution zum Machterhalt alter Eliten ist, sondern ein Verfahren, auf friedlichem Wege Lösungen für Probleme zu finden, die alle angehen, und mit denen möglichst viele auch guten Gewissens leben können – egal wer grade an der Macht ist. Und wenn ein demokratisch herbeigeführter Machtwechsel nicht mehr so „dramatische“ Folgen hat, wird er automatisch auch nicht mehr so umkämpft sein.
Wenn diese Bereitschaft zum modernisierten inhaltlichen „Brandtschen Demokratiewagnis“ nicht vorhanden ist, dann werden auch keine Appelle (die sich ja immer an die anderen richten, nicht an sich selbst) die Demokratie retten.