Zufälle prägen unser Leben, da gibt es keine Zweifel.
Das beflügelt die einen und ängstigt die anderen. Zufälle eröffnen Chancen, bieten Gelegenheiten, sorgen für überraschende Abwechslung. Aber sie bringen auch Unfälle, Krankheiten, Feindschaften.
Gemeinsam ist allen dasselbe Verständnis, dass man Zufälle nicht steuern, nicht beeinflussen und nicht vorhersehen kann.
Zufälle gibt es nicht nur im gesellschaftlichen Zusammenleben, das ohnehin wirr und schwer erklärbar ist, sondern auch in der Natur, die ja eigentlich kausalverbindungsgeprägt unserem Ordnungs- und Beherrschungsbedürfnis ziemlich entgegenkommt. Aber auch die Natur nimmt sich die Freiheit, gelegentlich irrational oder unvorhersehbar (bzw. nicht nachvollziehbar) zu funktionieren.
Aber weil wir diese Denke nicht wirklich ablegen können, wird der Zufall in der Realwelt auch gerne als Beweis dafür genommen, dass es keinen Schöpfergott geben könne. Zufall und Darwinismus reichen angeblich, um alles zu erklären. Genau genommen ist der Zufall hier zwar nur ein anderes Wort für „Erklärungsnotstand“, den sich Wissenschaftler natürlich ungerne eingestehen. Aber versuchen wir, den Gedanken trotzdem ernst zu nehmen: Warum sollen Gott und Zufall unvereinbar sein?
Das bringt das Bild eines Gottes zum Ausdruck, der als zufallsphober Kontrollfreak über plumpe Ingenieurskunst nicht hinauskommt und allenfalls so eine Art Megaräderwerk schaffen könnte, das dazu dient, die Menschen zu beeindrucken und irgendwie zu Gottes Ehre Himmelswesen zu produzieren. Irgendwie erinnert mich das fatal an eine mittelalterliche Denkwelt, die über Kopernikus nicht weit hinaus gekommen ist und sehr durch die alttestamentarische Schöpfergeschichte geprägt ist.
Egal, wer oder was Gott letztlich ist, aber wenn wir einen Schöpfergott als möglich erachten, warum sollte Gott nicht auch Herrscher des Zufalls sein und diesen erschaffen haben?
Vielleicht war es Gott zu langweilig, eine Erde zu sehen, die ewig und drei Tage nach demselben Prinzip verläuft und irgendwann dann auch ihn echt anödet. Da geht es ihm nicht anders als uns bei Computerspielen. Die werden auch erst interessant, wenn man Zufälle einbaut. Wenn Gott eine „gottwürdige“ Erde schaffen wollte, wäre eine kausale Erklärbarkeit und Vorhersehbarkeit wohl ein bescheidenes Qualitätsmerkmal geworden, mit dem Gott keinen Preis im Universum gewonnen hätte.
„Zufall“ ist dann nur ein Wort, um den Freiheitsgrad der anderen und der Natur auszudrücken. Dass wir ihm das dann eben auch auftretende Leid und Pech als Manko ankreiden, hat nur mit unserem Größenwahnsinn zu tun: Wir glauben, wir seien die Herrscher des Universums und hätten den Gott, den wir verdienen (schließlich sind wir ja auch überzeugt, dass er uns nach seinem Bilde geschaffen hat!). Dabei sind wir vermutlich nur die Spielfiguren, deren individueller Austausch spielnotwendig ist, und als Rasse möglicherweise ein vorübergehendes – wenn auch vielleicht interessantes – Phänomen, das Gott mit Interesse und möglicherweise Irritation beobachtet. Vielleicht hofft er in letzter Zeit ja auch, dass die Menschheit möglichst schnell verschwindet, bevor sie seine mühsam aufgebaute Spielwiese vollkommen zerstört. Wäre schon möglich, dass er noch Größeres vorhat und gespannt auf den nächsten Level der Entwicklung wartet – der, den wir uns gar nicht mehr vorstellen können.
Dass umgekehrt positive Zufälle demnach auch nicht als göttliche Vorsehung interpretiert werden können, bedarf keiner weiteren Beweisführung.
Zufälle beweisen also gar nichts, außer dass es sie gibt.
Und da wir nicht wissen können, welche Funktionen Zufälle (falls überhaupt) ausüben, sollten wir Menschen das tun, was bei jeder Sinnfrage oder -suche empfehlenswert ist: Das Beste draus machen!
Dazu hätte ich drei Tipps:
- Glück ist die Fähigkeit, den Zufall zu nutzen. Das geht aber wesentlich erfolgreicher, wenn man sich vorher ein paar Gedanken gemacht hat und nicht jedem Ereignis hilf- und ideenlos ausgeliefert ist. Schon die Erkenntnis, dass sich immer etwas verändert („panta rhei“) und es nie Stillstand gibt, sollte uns Anreiz sein, die Augen und Ohren offen zu halten und vielleicht mal spekulativ über mögliche Zukunftsszenarien nachzudenken. Das tut nicht nur der Menschheit gut, sondern auch jedem Einzelnen.
- Zur Lebensklugheit gehört die Fähigkeit, gute Zufälle herbeizuführen und schlechte zu vermeiden. Ich glaube zwar nicht, dass man sein Leben und seine Umwelt perfekt gestalten kann. Und mir ist bewusst, dass Pläne die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum sind. Und trotzdem kann man geschickt den positiven Zufällen Geburtshilfe leisten (nach dem Motto: „Nur wer Lotto spielt, kann den Jackpot gewinnen.“) und den unerwünschten eine lange Nase machen (nach dem Motto: „Wer nicht ins Wasser geht, kann darin auch nicht ertrinken.“).
- Und an die Spitze des Menschseins gelangt man durch das stete Bemühen, selber ein positiver Zufall für die Welt bzw. die anderen zu sein. Diesen Zufall zumindest kann jeder ziemlich gut beherrschen. Und wenn wir das ordentlich hinkriegen, könnte ich mir vorstellen, dass Gott uns als Zufallsgeneratoren auch noch etwas länger auf seiner Weltkugel mitspielen lässt.