Das derzeit allerorts beobachtete und allseits kommentierte Postfaktische ist m. E. weniger ein Beispiel dafür, dass heute mehr geschummelt, erfunden und gelogen wird, als vielmehr dafür, dass sich diejenigen, die sich im Besitz der faktenbasierten Wahrheit wähnten, sowohl mit einer neuen Realität auseinandersetzen als auch mit einer neuen Sichtweise hierauf anfreunden müssen.
Natürlich ist das Internet ein ideales Mittel, nicht nur ungewollten Gedankenmüll, sondern auch absichtliche Fakenews zu publizieren. Aber gezielte Desinformation und Propaganda haben das Medienwesen schon immer begleitet und erreichen heute nur eben einen absoluten Verbreitungsgrad. Neu daran ist nur, dass die Quellen heute vielfältiger sind und vor allem Private sich aktiv daran beteiligen können. Wer schon darin trainiert ist, sein Profil auf facebook & Co zu beschönigen, dem fällt der Schritt nicht leicht, auch unpassende Fakten wunschgemäß zu begradigen oder selektiv zu beschönigen. Was schon zu vielen Wissenschaftlern recht ist, wird PR- oder Marketingmanagern erst recht billig sein – das ist dann allenfalls noch eine Frage des Preises.
Dass die Beobachter dieses Phänomens erst einmal „Alarm!“ rufen, ist naheliegend. Das verkauft sich per se schon mal gut und soll zudem andere aufscheuchen, Lösungen zu präsentieren, die man dann wieder bekritteln kann. Dabei sind die Lösungsansätze im Prinzip einfach: Entweder man unterbindet den Unfug an der Quelle oder man verhindert die Wirkung beim Empfänger.
Ersteres würde Transparenzgebot oder Lügenverbot bedeuten, jeweils zzgl. Sanktion bzw. Haftung. So etwas gibt es in wichtigen Bereichen unserer Rechtsordnung jetzt schon, aber es ist über seltene Einzelfälle hinaus so gut wie nicht durchsetzbar, weil die Aufklärung zu teuer ist oder einfach Beweise fehlen.
Zweiteres würde eine erhebliche Bildungsanstrengung erfordern, durch die der Empfänger befähigt werden soll, den Informationstrash auszusondern. Aber auch das ist Wunschdenken, denn so viel dauerhaft wirkende Aufklärungsarbeit ist kaum zu bewältigen, es sei denn durch eine Art Antipropagandaministerium oder durch eine Vielzahl wohlgesinnter „Netzprüfer“ (etwas in diese Richtung Gehendes plant wohl facebook, nachdem jetzt (endlich) von offizieller Seite Druck gemacht wird, um zumindest offenkundig Falsches zu identifizieren).
Aber das Beispiel wikipedia beweist, dass auch dieses System unterwandert und ausgehöhlt werden kann. Es zeigt zudem, dass es klare Faktenlagen selbst bei scheinbar überschaubaren Phänomenen nicht zu geben scheint. Objektivität ist ein Idealzustand, den wir anstreben, aber letztlich nicht erreichen können. Denn eine objektive 1:1-Abbildung der Realität wäre konfus und unverständlich. Begreifbar (qualitativ und auch quantitativ) wird die Realität nur durch Vereinfachung und Kommentierung, und so sehr sich Wissenschaft und Medien hier auch bemühen: Das Ergebnis wird immer defizitär sein. Da zudem die Empfänger dieser Botschaften alle ein persönliches bzw. soziales Vorverständnis haben, wird die Deutung einer identischen Information je nach Empfänger(gruppe) immer unterschiedlich sein.
Zu viele Kommentatoren haben diese keineswegs neue Erkenntnis offenbar verdrängt. Und durch das nachplappernde Heraufbeschwören des „postfaktischen Zeitalters“ tun sie im Grunde nichts anderes als jene, die sich (im Netz oder anderswo) ständig von sozialen Epidemien anstecken lassen: Das eigene Denken einstellen und sich an dem orientieren, was andere tun und sagen. Dabei ist unerheblich, was genau die anderen tun und sagen, wichtig ist nur, selbst in diesem Mainstream mitzuschwimmen.
An diesem Bild kann man sich auch orientieren, wenn man nach Abhilfe sucht: Versuchen, sich selbst nicht anstecken und die Epidemie nicht entgleisen zu lassen. Und im Übrigen daran zu arbeiten, die Gesellschaft zu immunisieren: Wer oft genug von dieser Krankheit befallen wurde und ihre Folgen erlitten hat, wird sich nicht mehr so schnell von der nächsten „In-fake-tion“ anstecken lassen. Solange eine Gesellschaft einigermaßen gesund ist, muss man sich also keine besonderen Sorgen machen, weil dieser Organismus lern- und anpassungsfähig ist. Wichtig ist es, diese kollektive Reaktionsfähigkeit zu bewahren und unterschiedliche Gegenstrategien zu entwickeln, um in der Summe ein ausreichendes Gegengewicht zu schaffen, das unser Gesellschaftssystem im Gleichgewicht hält.
In diesem Sinne ist es wichtig, über das „Postfaktische“ nicht nur zu reden, sondern mit daran zu arbeiten, dass fakebook & Co nicht unser ganzes Bewusstsein besetzen. Denn nur wenn unsere Steuerungseinheit vernünftig funktioniert, werden wir das „post-fake-tische“ Zeitalter erreichen.