Ich hatte mir vorgenommen, nicht mehr auf jede Dummheit in Sachen TTIP&Co zu reagieren (siehe TTIP-Wahn), aber Josef Joffes ‚TTIPleite‘ (ZEIT 22.9.2016, S. 10) ist ein so wirres Gedankengemisch, wie es ein Primitivpopulist ärger nicht mixen könnte. Von differenzierender Analyse kann hier keine Rede sein, schon gar nicht von einem fundierten Plädoyer für eine Sache, die zwar eindeutig abzulehnen, aber einer ernsthaften Auseinandersetzung würdig ist.
Mit dem Vertragswerk, seinen Voraussetzungen und möglichen Wirken – also den Fakten – setzt Joffe sich in der Tat keine Sekunde auseinander. Vielmehr assoziiert, amalgamiert und schwadroniert er wild drauflos.
So ist TTIP für ihn offenbar schon deshalb eine gute Sache, weil
- sonst Protektionismus wie vor dem 1. WK droht: Richtig ist, dass der Nichtabschluss eines weiterführenden Freihandelsabkommens noch lange kein Protektionismus ist, sondern eine Besinnungspause in einem Liberalisierungswahn, dessen Folgen Joffe kritiklos als wünschenswert und bisher gelungen betrachtet. Negative Auswirkungen hat es für ihn bisher nicht gegeben und wird es demnach auch nicht geben.
- Mittelständler profitieren, weil sie nicht zwei verschiedene Produkte für den US- und den EU-Markt anbieten müssten: Dieses gerne zitierte Beispiel ist Unfug, denn Standardisierung bringt zwar Kosteneinsparungen, aber nicht nur für die deutschen Unternehmen, sondern für alle ausländischen auch. Der Wettbewerb wird schärfer, und die Kosteneinsparungen führen keineswegs zu mehr Gewinnen und Arbeitsplätzen. Im Übrigen verkaufen sich deutsche Produkte derzeit im Ausland hervorragend trotz unterschiedlicher Normierungen.
- US-Chlorhühnchen nicht schädlich sind: Das mag durchaus sein, ist aber noch lange kein Beweis, dass Verbraucherinteressen nicht in anderer Weise geschädigt werden.
- Schiedsgerichte von den Deutschen erfunden wurden (wo hat er dieses Halbwissen her?) und seit Langem existieren: Schiedsgerichte sind in der Tat zwar nicht das eigentliche Problem von TTIP, aber auch in keiner Weise ein Argument zu dessen Gunsten.
- der Exportanteil in der deutschen Gesamtwirtschaftsleistung im weltweiten Vergleich der größte ist: Auch hier kommt Joffe über Stammtischparolen nicht hinaus. Besäße er ein wirtschaftswissenschaftliches Mindestverständnis, wüsste er, dass langfristig diese Konstellation sehr problematisch ist, sowohl binnen- als auch außenwirtschaftlich. Deutschland muss seine Exporte nicht noch ausbauen, sondern deutlich bremsen.
- eine Ablehnung von TTIP eine Flucht der Verantwortlichen darstellt: Dies sei ein Omen, ‚das besagt, dass die offene Welt, die in den zwei Globalisierungen märchenhaftes Wachstum gezeugt hat, keine bekennenden Freunde mehr hat.‘ ‚Offene Welt‘? Märchenhaftes Wachstum? Für wen und was? Für den Geldbeutel der bekennenden Freunde? Der Mann lebt offenbar wohlgenährt in besseren Kreisen und vermeidet Kontakte mit Problemrealität, die – wenn sie dann doch unausweichlich ist – für ihn offenbar keinerlei Bezug zu diesem Märchen hat, an das er nur zu gerne glaubt. Da belügt er sich dann gerne mit Statistiken wie z. B., dass die ‚Zahl der ganz Armen‘ sich seit 1990 halbiert habe. Statistiken gibt es für jede Lüge, vor allem beweisen sie keineswegs, dass die positiven Effekte (sofern es sie denn gibt) auf den Freihandel zurückzuführen sind.
Joffe gibt sich keine Mühe, auch nur ein einziges bewiesenes Argument pro TTIP zu bringen. Seinem Zehntelwissen entspringenden Wunschdenken fügt er vielmehr zum Schluss noch schnell ein Bedrohungsszenario hinzu: Abschottung, Konkurrenzabwehr, Verlagerung der Produktion ins Ausland und als krönender Abschluss ein ‚Verarmungswettlauf‘. Wem jetzt noch nicht Angst und Bange ist und TTIP schon deshalb befürwortet – der hat vermutlich etwas mehr Grips im Kopf als Joffe (dem als Einstieg dringend die Lektüre der Bücher seiner Kollegin Prinzler zu empfehlen ist).
Da der Mann regelmäßig mit solchem Geschreibsel auffällt, er bei der ZEIT daran offenbar auch nicht gehindert werden kann, bleibt nur eines: Laut lachen und ignorieren. Weil er damit aber zugleich auch schamlos zur Verdummung der Gesellschaft beiträgt, darf man ihm das Prädikat ‚Joffendoof‘ (im Rheinland auch gerne ‚Joffenjeck‘) verleihen, ohne ihn zu beleidigen.