Zickenkrieg und sonstiges Gender-Gedöns

Neulich war ich mal wieder im ICE unterwegs: Vierer mit Tisch, Gangseite, niemand links und gegenüber, also Smartphone ausschalten, Beine langmachen, Buch rausholen und ein paar gemütliche Stunden verbringen.

Der Mann schräg gegenüber werkelte an seinem Notebook und fiel zunächst nur dadurch auf, dass er gelegentlich seufzte. Das wurde allerdings zusehends lauter und ähnelte schon mehr einem Stöhnen. Dann beging ich den Fehler, Augenkontakt aufzunehmen, in der Hoffnung, ihm dadurch klarzumachen, dass er nicht alleine sei. Dummerweise interpretierte er das als Aufforderung zum Gespräch.

„Diese Frau macht mich verrückt!“ tönte es verärgert aus seiner Ecke. „Wie kann man so bescheuert sein?“ Ich versuchte, so zu tun, als rede er nicht mit mir, aber es half nichts, er fuhr einfach fort: „Statt einfach ihre Arbeit zu machen verbringt sie ihre Zeit damit, sich mit jedem anzulegen. Ständig ist sie wegen irgendwas beleidigt, betroffen oder sonstwie angefasst. Und nur weil ich ihr Chef bin soll ich auf ihre Gefühle Rücksicht nehmen. Ich hätte keine emotionale Intelligenz! Dafür hat sie überhaupt keine Intelligenz, zumindest keine, mit der ich irgendwas anfangen könnte.“

Ich versuchte, ihn zu beruhigen, in der Hoffnung, sein Anfall gehe schneller vorüber. Aber über ein „Na ja, wissen Sie …“ kam ich nicht hinaus.

„Und jetzt hetzt sie mir auch noch die Gleichstellungsbeauftragte auf den Hals. Die verlangt von mir eine Rechtfertigung für mein Verhalten. Das ist mir in dreißig Berufsjahren noch nicht passiert. Nur weil dieses Sensibelchen der Arbeitswelt nicht gewachsen ist, glaubt sie, ich diskriminiere sie. Soll sie doch erst mal Leistung bringen, dann lobe ich sie auch.“

Ich nutzte seine Atempause, um mal kurz zu reflektieren, wie es in meinem Umfeld so aussieht. Spontan fiel mir meine erste Chefin ein. Ich Greenhorn dachte damals noch, man rede mit Frauen so wie mit Männern – und umgekehrt. Pustekuchen. Auf der Sachebene zu bleiben war vor allem dann schwierig, wenn die Dame „auf’m Lappen saß“ (wie ein alter Nachbar sich auszudrücken pflegt), zumindest interpretiere ich ihre regelmäßigen Stimmungsschwankungen so. Dann verkroch sich die ganze Abteilung und machte möglichst einen weiten Bogen um sie, bis die Launen wieder erträglich wurden. Nachdem sie sich wegen nicht ausreichend höflichen Grüßens über mich in der Personalabteilung beschwert hatte, habe ich der Personalchefin mein Leid geklagt. Sie hat nur milde gelächelt und bloß gesagt, ich solle gelassen bleiben, es werde schon keine Konsequenzen haben.

Inzwischen fuhr mein Schräg-Gegenüber fort: „Früher dachte ich, Frauen seien besonders klug. Immer die Besten in der Schule und an der Uni. Und manche Frauen sind echt gut, mit denen kann man klasse arbeiten. Aber nur wenn sie sich wie Männer verhalten.“ Hmmm, in der Tat, viele der Frauen, die in Industrie und Politik das Sagen haben, machen in der Tat keinen sonderlich weiblichen Eindruck. Es hat mich übrigens immer gewundert, warum Frauen wie Männer behandelt werden wollen. Obwohl: Eigentlich wollen sie nicht genauso behandelt werden, sie wollen nur die Rechte der Männer haben, aber nicht die Pflichten, scheint mir.

Weiter kam ich nicht im Sinnieren, denn den Gedanken hat mein Dauerredner offenbar erraten. „Wenn sie Gleichberechtigung sagen, meinen sie in Wirklichkeit Bevorzugung. Wenn man heute als Mann Karriere machen will, kann man nur hoffen, dass man keine weiblichen Mitbewerber hat, sonst hat man kaum eine Chance. Die Verantwortlichen haben so einen Schiss vor den Gleichstellungsbeauftragten, dass sie schon vorsorglich den Frauen den Vortritt geben.“

Bevor ich darauf reagieren konnte, kam unerwarteter Weise von rechts ein Kommentar. Dort saßen auf der anderen Gangseite vier Frauen mittleren Alters, die mir nicht sonderlich aufgefallen waren, weil sie still in Zeitschriften blätterten, aber natürlich den Sermon unseres Reisegefährten mitgehört hatten.

Meine Gangnachbarin widersprach: „Aber Frauen werden doch benachteiligt. Es gibt doch genügend Statistiken, die belegen, dass Frauen weniger verdienen als Männer, auch bei gleicher Arbeit.“ Stimmt, dachte ich, davon hatte ich auch schon gelesen. Aber schon tönte es wieder von links:

„Wenn Frauen dieselbe Leistung erbringen, sollen sie dasselbe verdienen, damit habe ich kein Problem. Aber dafür müssen sie sich erst mal in Männerberufen tummeln und genauso schuften. Und außerdem ändert sich daran auch nichts, wenn man ständig Frauen bevorzugt. Wenn man gleiche Bezahlung erreichen will, sollte man das dann auch gesetzlich verankern. Warum geschieht das denn nicht?“ Das schien mir allerdings auch plausibel. Außerdem fiel mir jetzt ein, dass ich selbst immer wieder erstaunt war, dass sich auf anspruchsvolle Stellen in meinem Zuständigkeitsbereich einfach viel weniger qualifizierte Frauen als Männer bewerben. Wenn daran der Karriereknick wegen Kinderkriegen schuld ist (was ich nur vermuten kann), ist das wohl keine Diskriminierung.

Aber vielleicht sind die Frauen ja auch schlauer als Männer: Es kommt ja eigentlich gar nicht auf das absolute Gehalt an, sondern auf das Verhältnis Gehalt/Leistung. Vielleicht ist das ja gar nicht so schlecht, wie man uns glauben lässt. Denn darin sind Frauen auf jeden Fall gewiefter als Männer: Andere glauben lassen, sie hätten etwas entschieden, was de facto frau entschieden hat (wie z. B. bei der Partnerwahl). Vielleicht spielen sie uns ja nur was vor und wir Männer tanzen schon nach ihrer Pfeife, ohne dass wir es merken?

Bevor meine Gedanken weiter abschweifen konnten, kam schon wieder contra aus der Damen-Ecke: „Aber Frauen sind besonders geeignet als Führungskräfte. Sie haben ein besonderes Fingerspitzengefühl und eine größere soziale Kompetenz als Männer.“ Weiter kam die Rednerin nicht, denn nun schallte es zunehmend laut von links: „Was denn? Zickenkriege führen ist wohl keine männliche Erfindung, ebenso wenig Klatsch und Tratsch. Und mir ist kein Unternehmen bekannt, dass besser performt hätte, nur weil es von einer Frau geleitet wird. Wenn es eine gute Chefin gibt, dann handelt sie wie ein Mann. Wo soll denn da der Vorteil sein, eine Frau zu nehmen?“

„Ach, und warum sollen jetzt 30% der Aufsichtsräte in Dax-Unternehmen Frauen sein?“

Ich kam gar nicht mehr zum Denken: „Das ist ja der Witz überhaupt: Da haben sich ein paar Unternehmensberaterinnen und Gewerkschafterinnen einen lukrativen Nebenjob an Land gezogen, sonst wird das gar nichts ändern. Wenn diese Frauen sich ernsthaft für Gleichberechtigung einsetzten statt an persönlichen Profit zu denken, wäre der Sache sicher mehr gedient.“

Ich sah aus dem Augenwinkel, dass zwei der Damen hastig ihre Zeitschriften so platzierten, dass damit ein IG Metall-Logo (so glaubte ich es wahrzunehmen) verdeckt wurde, das auf einer Mappe prangte, die auf dem Mitteltisch lag. „Touché!“ dachte ich, denn die Damen schwiegen. Auch der Mann schien ob der fehlenden Gegenwehr verdutzt und schaute mich an, der ich wohl gerade kein besonders kluges Gesicht machte.

Ich nickte ihm nur kurz zu und nahm demonstrativ mein Buch wieder zur Hand. Mein Thema ist das nämlich nicht. Meines Erachtens lenkt das Gender-Gedöns von den echten Problemen ab. Und der ritualisierte Gleichbehandlungshinweis in wissenschaftlichen Publikationen, wenn man es unfein findet von „Mensch*innen“ zu reden, ist nur noch erträglich, wenn man eine originelle Formulierung findet. Das Buch, das ich gerade las, formulierte (immerhin erst in Fußnote 3) übrigens gekonnte wie folgt: „Im gesamten Text schließt, soweit nicht ausdrücklich anders vermerkt, das Maskulinum als Genus Funktionsträger jeden Geschlechts ein.“ Liest sich wie ein Gefahrenhinweis mit Haftungsausschluss, hat aber den Charme, dass man damit auch Transgender, Neutra oder was auch immer mit abdeckt („beiderlei Geschlechts“, wie manche Amateure noch formulieren, ist vermutlich auch schon diskriminierend). Die etwas Konservativeren belassen es bei dem Hinweis, sie fühlten sich für diese Probleme nicht zuständig, Beschwerden seien an die Gesetzgeberin zu richten.

Von rechts hörte ich noch die Damen tuscheln, wobei der Begriff „Männer-Seilschaften“ fiel. Woraufhin sich eine der vier bei den anderen beschwerte, sie sei von ihnen bei ihrer Bewerbung nicht unterstützt worden. Danach wurde es wieder still.

Am liebsten habe ich mit dem Thema nichts zu tun. „Meine“ Gleichstellungsbeauftragte hat den Charme einer Hyäne, aber da ich nicht nur gesetzestreu bin, sondern mir auch daran liegt, dass mein Laden funktioniert, schleime ich mit höchster emotionaler Kompetenz immer gerade so viel, dass ich möglichst meine Interessen durchsetze (verraten Sie es bloß nicht!). Mir kann zwar nicht passieren, was einem (renommierten) englischen Wissenschaftler passierte, nämlich die fristlose Kündigung wegen eines „Frauenwitzes“ trotz langjähriger hervorragender Leistungen. Und ich bin auch nicht der Meinung, dass hier eine feministische Verschwörung im Gange ist, die letztlich zum Matriarchat führt, wie manche (Männer) behaupten.

Allerdings: Wenn ich lese, dass es in Deutschland inzwischen fast 200 Professuren mit Gender-Bezug gibt, schwant mir, dass wir das Schlimmste noch nicht hinter uns haben.

Dass ich das erzähle liegt übrigens daran, dass ich mit meiner (klugen, aber karrierescheuen) Frau darüber nicht reden kann. Sie will sich mit diesem „Kram“ nicht beschäftigen und würde sich jede Art ungewollte Unterstützung verbitten, egal ob sie von Männern oder Frauen kommt. Das hat mir an ihr schon immer gefallen.