Jan Schweitzer hat in der ZEIT (24.10.2019, S. 33) in seinem nimmermüden Feldzug gegen Impfgegner, Homöopathiegläubige und sonstige Naturheilkundeanhänger zur Abwechslung nicht nur die Dummheit und uneinsichtige Sturheit dieser Schulmedizinverächter angeprangert, sondern versucht es jetzt einmal mit den Argumenten der gedanklichen Inkonsequenz und fehlenden Logik.
Sein simples Argument (mit einigen überflüssigen Zutaten aufgepeppt): Wenn der Feind (in diesem Fall müssen die Grünen dafür herhalten) beim Klimawandel (zurecht) die eigene Position auf naturwissenschaftliche Erkenntnisse stützt, dann könne er unmöglich gleichzeitig Anhänger der Homöopathie sein, da die Naturwissenschaft wiederholt deren Wirkungslosigkeit nachgewiesen habe. Wer so inkonsequent sei, der tappe in eine (inakzeptable) Logikfalle und müsse sich endlich der Naturwissenschaft und Schulmedizin beugen.
Es kann hier nicht dazu Stellung bezogen werden, ob Homöopathie Scharlatanerie ist oder nicht, aber wohl muss festgestellt werden, dass der Autor als offensichtlich blinder Anhänger der Naturwissenschaft und Schulmedizin weitaus größere gedankliche Defizite aufweist als die Grünen.
Seine wesentlichen persönlichen Logikfallen sind die folgenden:
- Glauben, dass Wahrheit immer Logik voraussetzt, dass und Logik zu Wahrheit führt.
Es wäre schön, wenn man die Realität auf ein Logikkonglomerat reduzieren könnte, das man mit Gedankengesetzen und Konsequenz erklären und verstehen könnte. Angesichts der Hyper-Komplexität der Realität und insbesondere der menschlichen Gesundheit ist das aber allenfalls Wunschdenken. (Naturwissenschaftliche) Logik ist b.a.w. allenfalls ein Seziermesser, das hilft, die Komplexität zu untersuchen. Sie hat uns viele nützliche Erkenntnisse gebracht (die Schweitzer natürlich anführt), aber auch viel Ignoranz bei komplexen Krankheitsbildern, bei denen schon die Diagnose, erst recht die Therapie daran scheitert, dass die Komplexität die Logik überfordert. Die richtigen Maßnahmen müssten in komplexen Antworten bestehen, nicht in logisch abgeleiteten Einzelmaßnahmen.
Die Realität ist im Übrigen nicht nur komplex, sondern auch widersprüchlich und verworren. Wer sichere und mit Logik begründbare Antworten sucht, wird bis zu einem gewissen Grad erfolgreich sein, aber insgesamt scheitern. Naturwissenschaft und Schulmedizin sind inzwischen an ihre logischen Grenzen gestoßen, und nur wenn sie sich der „Unlogik“ öffnen, werden sie noch signifikante Fortschritte machen. - Logik predigen, aber selber die Regeln der Logik nicht beherrschen.
Anhänger der Homöopathie macht man nicht zu Anhängern der Schulmedizin, indem man ihnen verbietet, homöopathische Mittel auszuprobieren. Sie sind ja gerade deshalb homöopathieaffin, weil sie der Schulmedizin nicht trauen, und das in vielen Bereichen vollkommen zurecht. Die Nichtwirksamkeit der Homöopathie bedeutet eben nicht automatisch die Wirksamkeit (und Harmlosigkeit) der Schulmedizin, wie Schweitzer offenbar glaubt.
Angesichts ihres einfachen Wirkungsmodells kann man die Homöopathie leicht in Frage stellen, Naturwissenschaft und insbesondere Medizin hingegen vertuschen geschickt ihre Unzulänglichkeit und Hilflosigkeit. Insbesondere verweisen sie auf ihre Erfolge, aber ignorieren die Kosten und das unnötige Leiden, das sie verursachen. Homöopathie hingegen ist allenfalls wirkungslos, verursacht aber keinen Schaden (außer überschaubare Kosten für die Präparate).
Dass schulmedizinische Maßnahmen unterbleiben, weil die Menschen irrationalerweise die Homöopathie vorziehen (wie Schweitzer behauptet) kann, soweit dies überhaupt vorkommt, eine durchaus rationale Entscheidung der Erkrankten sein, weil sie z. B. die katastrophalen Nebenwirkungen von Medikamenten (die von der Medizin lieber nicht quantifiziert werden) nicht in Kauf nehmen wollen. - Nur an die Logik dessen glauben, von dem man ohnehin annimmt, dass er recht hat.
Die Schulmedizin beweist die Nichtwirksamkeit der Homöopathie (oder anderer naturheilkundlicher Verfahren und Mittel) – logischerweise – mit Kriterien und Methoden der Schulmedizin. Wirkungsmodelle, die von dieser nicht verstanden oder dargestellt werden (können), werden erst gar nicht in Betracht gezogen. So wie derjenige, der die falschen Fragen stellt (und das keineswegs immer aus Unwissenheit, sondern meist sehr geschickt mit dem Ziel der Irreführung), meist auch falsche Antworten erhält, so kann auch derjenige, der sich selbst als das Maß der Dinge nimmt, sich schlecht als derjenige outen, der den anderen lobt, der ihn kategorisch in Frage stellt.
Wer den Apfel fragt, welche Obstform er ideal findet, wird sich nicht wundern dürfen, dass er die Birne suboptimal findet, weil sie so wenig apfelförmig ist. Und wer die Schulmedizin fragt, was sie von der Naturheilkunde hält, kann sich die Antwort schon denken (zumindest solange, wie die Medizin deren Ideen nicht klauen und selber Geld damit verdienen kann …).
Dies ist kein Plädoyer für wirres Gerede und haltlose Behauptungen. Dafür ist die menschliche Gesundheit zu wichtig. Aber gerade deshalb wäre etwas mehr Unvoreingenommenheit gegenüber Dingen, die man nicht versteht, sowie eine größere Fähigkeit zur selbstkritischen Betrachtung derjenigen zwingend notwendig, die nach eigener Einschätzung im Besitz der Wahrheit sind. Wer das nicht tut, muss sich nicht wundern, wenn er niemanden überzeugt und sein Geschreibsel im Gedankenmüll entsorgt wird.