Viel Geschreibsel um fast gar nichts

Viel Rauch um fast gar nichts. Wo ist der Feminismus, wenn man ihn braucht? So überschreibt E. Raether in der ZEIT (1.12.16 S. 6) einen seitenlangen Artikel, bei dem man zumindest ansatzweise eine inhaltlich orientierte Auseinandersetzung mit dem Feminismus erwartet hätte.

Es geht aber nicht um eine Sachlichkeit, sondern Raether ist schlecht zu sprechen auf das eigene Geschlecht bzw. die Feministinnen (oder kann man als Mann auch Feminist sein?), bringt dabei aber keinen klaren Gedankengang zustande: Sie scheint besoffen und überfordert von einer Vielzahl von Themen, die alle irgendwie mit Feminismus zu tun haben: Mainsplaner, Trump, sexuelle Gewalt in Deutschland gegenüber Frauen, Selbstbetrachtung erfolgreicher Frauen der Mittelschicht, sozial unsensible Schauspielerinnen, LGBTQIA, Sexismus und Moral, Frauenrechte und Gleichberechtigung, Frausein in geschützten Räumen der westlichen Gesellschaften, usw. usw. Das liest sich, als hätte sie zum Jahresende ihren Zettelkasten ausgeräumt und daraus einen Artikel gemacht, damit zur Soll-Erfüllung der Genderquote in der ZEIT beigetragen, ansonsten aber jene bestätigt, die noch nie verstanden haben, was das Sammelsurium an Themen, die dem Feminismus zugeordnet werden, eigentlich im Kern bedeuten soll. Raether selbst scheint es auch nicht zu wissen, denn außer ihre (verloren gegangenen) Mitstreiterinnen zu kritisieren bringt sie die Anliegen der Frauen – welche auch immer sie gemeint haben könnte, vermutlich einfach „alle“ – keinen Schritt weiter.

Das jedenfalls scheint ein gemeinsames Merkmal feministischen Mediengetöses zu sein: Viel Entrüstung, starke Worte, mäßige Objektivierung über den eigenen Horizont hinaus, Feindbildpflege, und immer wieder den Eindruck erweckend, man sei jetzt endlich auch mal an der Reihe, notfalls durch Ersetzung des Machotums durch Feminismus, vollkommen unabhängig davon, ob es dafür eine sinnvolle Begründung gibt oder nicht.

Wenn die Feministinnen geschockt sind, dass sehr viele ihrer Geschlechtsgenossinnen den Sexisten Trump gewählt haben, und das, obschon ihnen mit Hillary Clinton eine einigermaßen feministische Alternative zur Verfügung stand, und wenn sie Angst haben, das könnte sich in Europa oder gar hierzulande (wo wir doch Merkel haben) wiederholen, dann sollten sie mal über Folgendes nachdenken:

Vielleicht vertreten die Feministinnen eben nicht die Interessen aller Frauen, sondern nur die derjenigen, die es angeblich besser wissen. Und vielleicht sind die anderen es Leid, sich diese innergeschlechtliche Bevormundung gefallen zu lassen. Vielleicht haben sie auch erkannt, dass es gesellschaftliche Probleme gibt, die (noch) wichtiger und dringender sind als die Themen, die der Feminismus zur Kampfzone erklärt hat.

Statt Feministinnen aufzupeitschen, das alte Kampfgeschrei wieder aufzunehmen, sollte Raether diesen Fragen mal in Ruhe und empirisch fundiert nachgehen. Dann würde sie andersdenkende Frauen besser verstehen – und diese wiederum vermutlich auch eher bereit sein, sich für eine wichtige Sache zu begeistern, die man gemeinschaftlich neu definiert hat.

Das wäre sicher auch ein Programm, das Männer eher einsichtig macht – sofern diese überhaupt einsichtsfähig sind bzw. gegenüber Frauen sein können (auch das wäre übrigens eine interessante Frage, deren korrekte Beantwortung dem Ressourceneinsatz der Feministinnen viel unnötige Energieverschwendung ersparen könnte).

Aber vielleicht geht es Letzteren ja gar nicht darum, etwas für alle zu bewirken oder verbessern, sondern ihr Ego durchzusetzen und ihre persönlichen Präferenzen (und Probleme) den Geschlechtsgenossinnen einzureden. Dabei kann jedenfalls letztlich nichts Anderes oder Besseres herauskommen als solche Artikel wie der von Raether.

Frei nach Raethers Untertitel muss man daher schließen: Wo ist der Verstand, wenn man ihn braucht?