In schöner Regelmäßigkeit wird uns von Politik und Medien erklärt, unser Trinkwasser sei das am besten kontrollierte Lebensmittel und könne bedenkenlos getrunken werden. Außerdem sei es ökologischer als Mineralwasser, das vergleichsweise nicht nur viel zu teuer, sondern in der Umweltbilanz dem Leitungswasser eindeutig unterlegen sei.
Gleichzeitig liest man aber auch, das Grundwasser sei nitratverseucht und berge sonstige Landwirtschaftschemie. Seit Langem weiß man zudem, dass riesige Mengen Medikamentenreste entweder direkt über die Toiletten oder indirekt durch menschliche Ausscheidung entsorgt wird. Und wo geht das alles hin?
Die Klärwerke sind jedenfalls nicht darauf eingerichtet, diese Stoffe alle zu neutralisieren, verfügen in aller Regel nicht einmal über Aktivkohlefilter. Der ganze Dreck geht also weiter dahin, wo das Wasser eben nach Klärung hingeht, und das sind z. T. die Flüsse, die an anderer Stelle für die Trinkwasserversorgung genutzt werden. Wieviel Abwasser verschmutzt in die Flüsse geht oder im Untergrund versickert, möchte man fast gar nicht wissen. In Essen z. B. ist der Baldeneysee zumindest wieder so sauber, dass man darin an geeigneter Stelle baden darf – außer wenn es geregnet hat, denn dann steigt die Schadstoffbelastung so sehr, dass man das dem Körper nicht zumuten will bzw. darf. Flussabwärts wird das Ruhr- bzw. Seewasser trotzdem für die Trinkwassergewinnung genutzt.
Aber was soll’s, das wird doch kontrolliert, bevor es in die Wasserleitung kommt, oder?
Klar, fragt sich nur, was man da testet. Chemie funktioniert ja nicht so, dass man Wasser in einen Apparat gießt und dann sagt der, was alles drin ist. Man muss schon genau fragen, ob etwas drin ist. Das tut man auch mit großem Fleiß (z. B. Stadtwerke Essen) Da aber mehrere zehntausend Chemikalien im Umlauf sind, deren Eigenschaften man überwiegend nicht kennt, muss man schon sehr vertrauensvoll sein zu glauben, das Wasser sei reines H2O.
Anfang der nuller Jahre hat ein Forschungsinstitut in Dortmund eine Studie erstellt, derzufolge im schon kontrollierten Trinkwasser noch ca. 70 chemische Substanzen gefunden wurden. Die seinerzeitige NRW-Umweltministerin Bärbel Höhn fand das bedenklich. Das hätten die Bürger wohl auch gefunden, also wurde die Studie vorsichtshalber nie veröffentlicht und auch nicht wiederholt. Das könnte Teile der Bevölkerung beunruhigen, …. und das will man ja nun wirklich nicht.
Vielleicht ist die Lage heute ja in der Tat etwas besser. Aber selbst wenn man eine Totalanalyse vornähme, wäre letztlich eine Bewertung unmöglich: Denn welche Substanzen in welcher Kombination welche Wirkungen hervorrufen, weiß niemand. Entsprechend „willkürlich“ sind die Grenzwerte für einzelne Substanzen. Dass nach herrschender Lehre Minimalrückstände nicht gesundheitsgefährdend sind kann man am eigentlich nur dadurch begründen, dass man keinen unmittelbaren Schaden diagnostizieren kann. Langzeit- und Fernwirkungen sind genauso schwer zu fassen wie die zahllosen Nebenwirkungen irgendeines Medikaments (die man immerhin aufzählt, aber auch in Kauf nimmt).
Es geht letztlich also gar nicht darum, das Wasser wirklich reinzuhalten, sondern nur so belastet, dass durch jeden Stoff einzeln betrachtet vermutlich keine unmittelbare Schädigung hervorgerufen wird. Alles andere ist zu ertragender gesundheitlicher Kollateralschaden (zumal man ohnehin niemanden zur Verantwortung ziehen kann), genauso wie uns verpestete Luft zugemutet wird.
Im Gegensatz zu Letzterer kann man bislang immerhin sauberes Wasser kaufen. Aber wenn wir lange genug nichts gegen die Wasservergiftung selbst tun (statt immer nur auf die Säuberung zu setzen), wird die Chemie irgendwann soweit hinuntergesickert sein, dass auch das Mineralwasser gleichermaßen verseucht ist. Dann ist es eh egal.
In diesem Sinne: Prost!
Nachtrag Februar 2018: Jetzt wurden multiresistente Keime in Flüssen und im Meer nachgewiesen – es ist noch schlimmer als befürchtet! S. Berichte NDR und Tagesschau.
Nachtrag 2 November/Dezember 2019: Deutschland sabotiert strengere EU-Richtwerte für Bleigehalt, Umwelthormonen und Mikroplastik im Trinkwasser. Immerhin konnte eine Besserung in der Trinkwasser-Richtlinie durchgesetzt werden (Einigung im Dezember: Giegold, Tagesschau).