Seit Jahren wird in den Bundesländern darüber diskutiert und politisiert, entschieden und kritisiert, welche Schuldauer für GymnasiastInnen angemessen sei. Dazu ist inzwischen eigentlich alles gemeint, aber wenig bewiesen worden. Nachdem man inzwischen einige Erfahrungen sammeln konnte, hat sich kürzlich im Auftrag der Mercator-Stiftung Prof. O. Köller vom Kieler Leibniz-Institut für Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik die vorliegenden Erkenntnisse angesehen und sie wissenschaftlich ausgewertet (Langfassung bzw. Kurzfassung).
Dabei kam einiges Ernüchterndes zutage (Zitate kursiv), das man in einem weiter gefassten Kontext nur bestätigen kann:
1. „Im internationalen Vergleich nimmt Deutschland mit einer Schulzeit von zwölf Jahren bis zum Erwerb der Hochschulzugangsberechtigung keine Sonderrolle ein und trotz der Verkürzung der Gymnasialzeit sind Abiturientinnen und Abiturienten in Deutschland im internationalen Vergleich eher alt.“
Manche Eltern empfinden G8 als einen Diebstahl der Kindheit, liest man. Man beachte: Es handelt sich in erster Linie um das Einsperren von Volljährigen (18-19-Jährigen), denen man ein Jahr Verantwortungslosigkeit verordnet. Dass manche dieses Jahr der Reifung noch brauchen, bevor sie ins echte Leben starten, ist durchaus beobachtbar. Aber dann macht es weitaus mehr Sinn, ein klug gewähltes FSJ oder Auslandsjahr einzulegen als den jungen Erwachsenen Schulpflicht aufzuerlegen. Dass dies ohne weiteres möglich und zumutbar ist, zeigen zahllose andere Länder.
2. „Hinsichtlich der fachlichen Leistungen bzw. Kompetenzen am Ende der gymnasialen Oberstufe lassen sich keine konsistenten Unterschiede zwischen G8- und G9-Abiturientinnen und -Abiturienten nachweisen. Dieses lässt den Schluss zu, dass in kürzerer Zeit mit einer Verdichtung der Unterrichtsinhalte genauso erfolgreich gelernt werden kann wie im neunjährigen Gymnasium.“ Entsprechend ergeben sich „keine empirischen Hinweise … dahingehend, dass G8-Schülerinnen und -Schüler schlechter auf das Studium vorbereitet sind als G9-Schülerinnen und -Schüler.“
Wenn man sich mit derselben Leidenschaft für die Qualität der Curricula und die Qualifizierung der Lehrenden einsetzte, wäre den Kindern in der Tat wesentlich mehr geholfen als mit der Thematisierung der Schulzeitdauer. Aber dazu müsste man sich sachkundig machen …
3. „Die Verkürzung der Gymnasialzeit hat die anhaltende Bildungsexpansion nicht stoppen können. Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln, ist gestiegen. Die Einführung von G8 hat diese Entwicklung eher beschleunigt als verlangsamt.
Die sozialen Disparitäten in der Bildungsbeteiligung haben infolge von G8 nicht zugenommen. Das Gymnasium ist sozial heterogener geworden, die Chance, als 15-Jährige oder 15-Jähriger ein Gymnasium zu besuchen, ist für sozial weniger privilegierte Jugendliche heute größer als vor der G8-Reform. Gleichwohl ist der Zusammenhang zwischen Gymnasialempfehlung am Ende der Grundschule und sozialer Herkunft enger geworden.“
Bzgl. der sozialen Dimension sollte man auch bedenken, dass durch ein zusätzliches Schuljahr ein Jahr Berufsleben entfällt. Das mag man zunächst mal als nicht schlimm empfinden, führt aber zu einem verlorenen Jahr des Berufseinkommens und möglicherweise zu Renteneinbußen. Wer aus reichem Hause kommt, wird sich daran nicht stören. Wer aber den sozialen Aufstieg schaffen will, wird durch G9 benachteiligt (zumal die Kinder den Eltern dann ein Jahr länger finanziell zur Last fallen).
4. „Die Befundlage zum Stress- und Belastungserleben ist uneinheitlich. Viele Studien erbringen keine Unterschiede zwischen G8- und G9-Schülerinen und -Schülern. Wenn Unterschiede gefunden werden, so deuten sie eher darauf hin, dass das Stress- und Belastungserleben von G8-Schülerinnen und -Schülern etwas höher ist.“
Man achte auf den Terminus „Stresserleben“! Hier geht es nicht um objektive Messung, sondern um das Erleben freizeitverwöhnter Kinder. Interessant wäre ein Vergleich mit Kindern anderer Länder, die Ganztagsschule und 12jähriges Schulsystem schon immer gehabt haben. Mit ist nicht bekannt, dass dort die Kinder unter nennenswert schlimmeren Stresserscheinungen leiden als in Deutschland. Im Übrigen verlagert sich der im Schulleben eingesparte Stress offenbar ins Studium: Denn dort wird eine 38-Zeitstundenwoche akkreditierungstechnisch vorgegeben, und es verwundert nicht, dass viele Studierende sich damit schwer tun (s. die Studie „Studienstress in Deutschland 2016“ der Unis Potsdam/Hohenheim gesponsert durch die AOK ).
5. „Die G8-Reform hat dazu geführt, dass Schülerinnen und Schüler etwas weniger Zeit für außerschulische Aktivitäten haben, was der höheren Wochenstundenzahl geschuldet ist. Gleichzeitig ergibt sich keine Evidenz, dass die G8-Reform negative Effekte auf die Mitgliedschaften in Sportvereinen oder in bundesweiten Schülerwettbewerben gehabt haben könnte. Viele Wettbewerbe verzeichnen steigende Anmeldezahlen. Wenn die Anmeldezahlen sinken, so ist dieser Abfall deutlich geringer, als aufgrund der abnehmenden Schülerinnen und Schülerzahlen zu erwarten wäre. Dasselbe gilt für die Mitgliederzahlen in Sportvereinen.“
Kurios an diesem Diskussionspunkt ist die Tatsache, dass niemand recht klar machen kann, welchen Bildungsbeitrag die Freizeit eigentlich bringt. Sportliche und musische Aktivitäten sind sicher lobenswert, befriedigen in vielen Fällen aber mehr das Leistungsstreben der Eltern als das der Kinder, vom Freizeitstress der Kinder ganz zu schweigen. Könnt es sein, dass es hier mehr um die Wünsche betuchter Eltern geht (Freizeit kann richtig teuer sein!) als um das Bildungswohl der Kinder?
„Insgesamt ergibt sich so ein Bild, wonach die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre keine substanziell negativen Effekte hatte. Gleichwohl muss auch konzediert werden, dass sich empirisch keine großen positiven Effekte der Reform nachweisen lassen, abgesehen davon, dass junge Menschen mit Hochschulzugangsberechtigung heute im Mittel zehn Monate jünger sind als vor der Reform.“
Das G8/9-Getöne hat mit kindgerechtem Lernen und persönlichkeitsentwickelnder Bildung nichts zu tun. Es geht vor allem um die Ängste „übersorgter“ Eltern, Dummheit, (politischer) Ideologie und Opportunismus. Und natürlich eignet das Thema sich herrlich als Ablenkung von den echten bzw. harten Defiziten des Bildungssystems: Man redet den Menschen ein, es sei wichtig, und jeder glaubt, mitreden zu können (dabei haben viele nicht einmal begriffen, dass nur Gymnasien betroffen sind, nicht die anderen Schulformen mit allgemeiner Hochschulreife). Das bindet dann soviel Energien, dass der Rest eben unbeachtet bleiben muss.
Die Studie schließt dann auch mit der richtigen Folgerung: „Hinsichtlich der immensen finanziellen Kosten, die solch eine Rückkehr impliziert, ist zu fragen, ob man die großen Summen Geldes, die im Raum stehen, nicht besser in die Schul- und Unterrichtsentwicklung investieren sollte. Gegenwärtig steht die Summe von ca. 600 Mio. Euro im Raum, welche die Rückkehr zum G9 in Bayern kosten würde. Mit einer derartigen Summe ließe sich in Bayern ein Professionalisierungsprogramm der Lehrkräfte auf den Weg bringen, das viel stärker zur gelingenden Entwicklung der Schülerinnen und Schüler beitragen könnte als die Rückkehr zum G9.“
Schau‘n mer mal, was draus wird!