
Zu den Dingen, die bei fast jedem einen positiven Gedanken-Frame auslösen, zählen Stiftungen: Geld für gute Zwecke, was soll daran auch falsch sein?
Kurioserweise ist es bei Steuern umgekehrt, obschon es auch hier um Geld für gute Zwecke geht. Liegt es an der Freiwilligkeit? Oder daran, dass bei Steuern alle ran müssen, Stiftungen aber nur auf der Initiative weniger beruhen? Oder funktioniert die Gehirnwäsche in Sachen Stiftungen so gut, dass wir jede kritische Distanz verloren haben?
Wie dem auch sei, Stiftungen sind in Deutschland in. Auch die ZEIT ist ein großer Stiftungsfan, wohl nicht zuletzt auch, weil diese wöchentlich schöne Anzeigenerträge generieren. Dummerweise schlägt diese Begeisterung dem einen oder anderen Redakteur arg aufs Gehirn, so letztens M.J. Hartung und M. Spiewak (ZEIT vom 21.4.16). Unter dem Titel „Jetzt wird nachgerechnet“ tauchen ungeprüfte Allgemeinplätze und ideologiegeprägte Behauptungen auf, die einer PR-Abteilung würdig wären, mit kritischem Journalismus aber nichts zu tun haben.
Eigentlich geht es um das Thema, dass einige große Stiftungen professionell prüfen wollen, was aus ihrem Geld eigentlich wird. Daran ist nichts auszusetzen. Wohl aber daran, dass die Autoren erst einmal alle traditionellen Stiftungen verunglimpfen („das eigene Denkmal als Legitimation für stifterisches Engagement“, „Hobby der Stifter“, „Kinderkrankheiten der Philanthropie: Eitelkeit, Ehrpusseligkeit, Eigenbrötelei“). Dass es solche Fälle gegeben hat und noch gibt, dürfte nicht verwundern, aber was ist falsch daran? Muss man Mutter Teresa sein, um Stiften zu dürfen?
So genau wollen das die Autoren auch gar nicht wissen, denn es geht eigentlich darum, das leuchtend Neue und Bessere herauszustellen: Endlich gibt es Phineo, das Beratungs- und Analysehaus, das den Reichen dieser Welt die Tools an die Hand gibt, gesellschaftliche Wirkung zu erzielen und zu kontrollieren: „Input, Output, Outcome, Impact“. Dass Phineo eine Gründung der Bertelsmann-Stiftung, Deutschen Börse sowie den Wirtschaftsprüfern KPMG und PwC ist, sollte zu denken geben, was hier eigentlich bezweckt wird – außer natürlich einem neuen Geschäftsfeld, bei dem das teure Geld doch lieber an Berater und Prüfer verschwendet wird, als es unzweckmäßig philanthropisch zu verwenden: Welch ein Fortschritt!
Es geht um eine „neue Geisteshaltung: nicht einfach nur eine gute Idee zu haben, sondern sich zu fragen, wie viel man mit ihr konkret erreichen kann – und den Nutzen auf Zielgruppen und Gesellschaft hin zu prüfen.“ Abgesehen davon, dass hier alle beleidigt werden, die das längst machen, wird dann auch schnell deutlich, um welche Zielgruppe es hier geht: den „Bildungsbetrieb“. Schon die Terminologie verrät, aus welcher Perspektive Bildung hier betrachtet werden soll. Dass die ZEIT sich als Sprachrohr der Meinungsführer in der Bildungspolitik versteht, ist nicht neu, nicht zuletzt aufgrund der engen Bindungen an die neoliberale Bertelsmann-Stiftung. Dass sie aber jede kritische Distanz vermissen lässt, ist mehr als fragwürdig.
Zunächst mal wird wieder „der Feind“ schlechtgemacht, hier jetzt die Bildungspolitiker und –verwaltungen: „Kaum ein bildungspolitisches Reformthema der vergangenen Jahre kam ohne die Expertise der Stiftungen aus. … bei all diesen Themen konnte man besser bei den Fachleuten einer Stiftung anrufen als bei der Kultusministerkonferenz.“ Da müssen die beiden Autoren aber eine Menge Telefonate geführt haben, um das schlussfolgern zu können!
Passend dazu werden auch gleich ein paar Musterbeispiele genannt:
„Ohne das Centrum für Hochschulentwicklung, mit dem die ZEIT beim ZEIT-Studienführer kooperiert, würden die deutschen Universitäten immer noch glauben, dass sie alle gleich gut seien.“ Danke CHE!, möchte man jubeln, wenn man nicht doch lieber am Verstand der Autoren zweifeln müsste: Niemand hat je behauptet und geglaubt, dass alle Unis gleich gut sind. Aber erst seit das CHE massiv Wettbewerb und Differenzierung predigt, ist das Uni-System in Gefahr, zur Mehr-Klassengesellschaft zu werden. Hier ist jede Menge Ideologie im Spiel, aber kein Beweis, dass das deutsche Hochschulsystem in der Breite seither irgendwelche Fortschritte gemacht hätte.
„Ohne die von Stiftungen gegründeten Privathochschulen wie … die Bucerius Law School wäre die Ausbildung von … Juristen schlechter.“ Die Studie möchte ich sehen, die das belegt! Die BLS ist nichts als die deutsche Kopie amerikanischer Elite-Law-Schools, die zwar ein perfektes Marketing macht und damit die besten Kandidaten anzieht. Inwiefern sie aber eine bessere Ausbildung macht und welche Wirkung das auf die Juristenausbildung insgesamt hat, darüber gibt es nicht einmal ansatzweise Erkenntnisse – außer natürlich bei dem beiden Autoren, die seit Jahren unvoreingenommen und heimlich Analysen durchführen, um ihre Erkenntnisse in solchen Sätzen zum Besten zu geben. Respekt vor so viel Bescheidenheit!. Oder doch eher: Für wie blöde halten die beiden uns eigentlich?
Worum es hier einmal mehr geht, ist die Verbreitung neoliberalen Gedankenguts: „Wenn man Probleme großflächig lösen und als Stiftung relevant sein möchte, muss man in Märkten denken.“ sagt der neue Generalsekretär des Bundesverbands Deutscher Stiftungen. „Immer wieder sind auch die Stifter und ihre Hinterbliebenen für das Stiftungsgeschäft eher eine Belastung als eine Hilfe – ihr Geld mal ausgenommen. Dabei sollte der Effizienzgedanke den Stiftern besonders vertraut sein. Die meisten Stiftungen beruhen schließlich auf unternehmerischem Erfolg. Gerade Unternehmer werfen Politik und Verwaltung gern Ineffizienz, Konzeptlosigkeit und kurzfristiges Denken vor. Die Stifter können zeigen, wie sie es besser machen.“ ergänzen die Autoren. Mit dieser abschließenden Gedankendusche, die gleichzeitig mal wieder den angeblich unfähigen Staat bloßstellen soll, bringen die Autoren ihre Marktwirtschaftsideologie noch mal schön in Stellung.
Gerade das belegt die Problematik der Stiftungen: Gemeinnützigkeit ist so weit gefasst, dass sich dahinter jede Ideologie verstecken lässt. Statt sie über die Politik im öffentlichen Raum zur Diskussion zu stellen, stellen Stiftungen ideale Vehikel dar, Einfluss zu nehmen, ohne der Allgemeinheit Rechenschaft ablegen zu müssen, manchmal auch ohne sich selbst zu erkennen zu geben. Da gerade die Wirtschaft und Unternehmer über das Geld verfügen, Stiftungen zu gründen, ergibt sich hier eine Möglichkeit, Neoliberalismus durch diese Hintertür subtil zu verankern, während gleichzeitig ggf. die Wähler diese Art Politik ablehnen. Nicht umsonst sind viele Stiftungen inzwischen mit solchen Zielsetzungen unterwegs, andere Projekte und Initiativen werden entsprechend durch Stiftungsmittel „gefügig gemacht“. Da bietet es sich an, das Ganze auch kontrollieren zu lassen: Denn diese Stiftungen wollen vor allem sich selbst (bzw. ihren Geldgebern) Gutes tun, nicht der Gesellschaft. Und dann möchte man natürlich wissen, ob das gute Geld auch richtig investiert wurde.
Statt als verkappte Pressesprecher dieser kapitalkräftigen Stiftungen aufzutreten wäre es Aufgabe der Journalisten, diese kritisch zu prüfen, weil sonst keine Kontrolle stattfindet. Dann würde der Spruch „Jetzt wird nachgerechnet“ seine echte Bedeutung entfalten. Von einem solchen Verständnis sind Hartung und Spiewak aber Lichtjahre entfernt. Aber da wird früher oder später sicher ein gut dotierter Job bei einer kapitalkräftigen Stiftung frei werden … Bis dahin sollte man uns von diesem bildungsfernen Geschreibsel verschonen.