Und wieder einmal hat Jan Schweitzer (Schluss mit lustig, ZEIT Nr. 3 vom 13.1.2022) die grobe Keule ausgepackt, um auf jene einzudreschen, die vom Pfad der naturwissenschaftlichen Rechtgläubigkeit abgewichen sind. Während ihm beim letzten Mal die Unlogik der Grünen als Vorwand diente, wird nunmehr dasselbe undifferenzierte Denken (allerdings auf einem noch niedrigeren Niveau) auf angebliche Esoteriker und Konsorten losgelassen.
Anhand des Beispiels des Tennisstars N. Djokovic, offenbar ein Anhänger esoterischer Methoden (vermutlich wegen seines Missionierungseifers hat Schweitzer sich nicht einmal die Frage gestellt, wie man denn trotz einer aus einer Sicht mindestens zu belächelnden ineffizienten Haltung weltbester Tennisprofi werden kann) und von uneinsichtigen Impfunwilligen (die der Autor der Einfachheit halber mit Esoterikern in einen Topf wirft) versucht Schweitzer eine große Bedrohung an die Wand zu malen, nämlich die „wissenschaftliche Medizin zu verunglimpfen und unpassende Fakten zu leugnen“.
Sein eigentliches Anliegen aber ist folgendes: „Esoteriker und Alternativmediziner hatten bislang erstaunlich viel Spielraum, viele Heilpraktiker etwa dürfen ohne nennenswerte Ausbildung erstaunlichen Unsinn treiben. […] Geht es aber um ernste Krankheiten, die mit wissenschaftsbasierten Methoden behandelt oder verhindert werden können, darf die Alternativmedizin keine Rolle spielen.“
Ein solcher Aufruf (Schluss mit lustig!) ist starker Tobak, vor allem wenn man berücksichtigt, wie schwach Schweitzers Argumentation ist:
- Zunächst einmal führt Schweitzer keine Belege für seine Kritik (z. B. Verunglimpfung der wissenschaftlichen Medizin) an. Ihm reicht die persönliche Erkenntnis, dass Viren sich nur in einem kranken (oder geschwächten) Immunsystem wohlfühlen, kein vernunftbasiertes Argument darstellt. Man fragt sich dabei, welche Qualifikation ihn zu einer solchen Folgerung führt, und welche Erklärung die Wissenschaft dann für all jene Fälle hat, bei denen Menschen ohne Impfschutz problemlos mit dem Virus fertig werden. Denn auch das sind Fakten, nur dass diese nicht von Esoterikern, sondern von Schweitzer ignoriert werden.
- Noch gilt in Deutschland der Grundsatz, dass jeder Mensch frei entscheiden darf, ob, von wem und nach welcher Methode er gesundheitliche Probleme behandeln lassen möchte. Dieses Recht steht ihm auch dann zu, wenn das für ihn negative gesundheitliche Folgen hat, die er bei einer anderen Behandlungsmethode nicht erlitten hätte. Im Übrigen kann man eine Methode nicht per se verbieten, nur weil sie in manchen Fällen nicht sinnvoll angewendet werden kann (das ist in der Schulmedizin auch nicht anders).
- Die Gesetzgebung ist ausreichend restriktiv, um die Anbieterseite zu kontrollieren. Wenn die zuständigen Stellen etwas engagierter hinschauten, wären schnell alle schwarzen Schafe ermittelt. Ein weitreichendes Verbot der Alternativmedizin würde an der derzeitigen Lage nichts ändern, da diese sich dann in den Untergrund begäbe, wo sie noch weniger kontrollierbar wäre.
- Die Qualitätssicherung im Gesundheitswesen ist eine herausfordernde Daueraufgabe, aber mitnichten nur bei Heilpraktikern, sondern auch in der sogenannten wissenschaftsbasierten Medizin. Schweitzer glaubt offenbar, dass der Wissenschaftsbezug in abstracto als Qualitätsgarantie reicht. Würde er sich mal die Mühe machen, in dieses System einzutauchen, würde er dort genauso viele Scharlatane, an echter Heilung Uninteressierten oder Unfähige treffen, vor allem wenn es um komplexere Krankheitsbilder geht. Ganz zu schweigen von den Ärzten (und Krankenhäusern), die nur aus finanziellen Interessen unnütze oder sogar schädigende Therapien durchführen.
- Würde man einmal den ernsten Versuch unternehmen, die durch die wissenschaftsbasierte Medizin verursachten Schäden zu quantifizieren, würde man sich wohl wesentlich mehr Heilpraktiker wünschen. Im Übrigen wenden sich viele Leidende ja der Alternativmedizin zu, weil sie schulmedizinisch austherapiert sind oder weil sie wegen negativer Erfahrungen erst einmal weniger schädliche Methoden ausprobieren wollen. Es ist daher unsinnig anzunehmen, die Impfverweigerer würden von den Esoterikern „verführt“ und es würde reichen, letzteren den Mund zu verbieten.
- „Wer heilt, hat Recht“, auch wenn er keinen wissenschaftlichen Beweis dafür erbringen kann. Und dass auch eine noch so wissensbasierte Medizin nicht per se heilt (sondern immer wieder auch krass danebenliegt), dürfte sich auch herumgesprochen haben. Die Medizin hat zudem leider das Heilen aufgegeben (es ist bezeichnend, dass auch Schweitzer vom „Behandeln“ spricht) und kaschiert ihre Unfähigkeit durch wissenschaftliche Erkenntnisse, die aber meist sehr fachdisziplinorientiert sind und alles andere ausblenden. Nur nützen letztere nichts, wenn der Therapeut nicht in der Lage ist, sie auf den Einzelfall anzuwenden, oder wenn die Erkenntnisse gar nicht auf den Einzelfall sinnvoll angewendet werden können, weil sie wichtige Begleitparameter nicht berücksichtigen. Auch Alternativmedizin kann nicht jedem helfen, aber sie hat zumindest noch den Anspruch, ganzheitlich zu denken und ohne schädliche Nebenwirkungen zu heilen. So mag es z. B. sein, dass die von Schweitzer belächelten Homöopathie-Kügelchen selbst keinen Wirkstoff enthalten (was sie nach seiner Auffassung als Nicht-Medikament disqualifiziert). Trotzdem können sie heilen, weil z. B. der Placebo-Effekt hilft oder weil ganz einfach das Nichteingreifen in die Selbstheilungskräfte des Körpers (die im Übrigen durch wissenschaftsbasierte Medikamente gestört oder ausgeschaltet werden, was die Medizin wegen ihres mechanistischen Verständnisses aber gar nicht berücksichtigt) zur „Spontanheilung“ führen.
Man muss sich wundern, wie so ein Artikel es auf die Titelseite der ZEIT geschafft hat. Führt die Corona-Hysterie zum Totalausfall der Denkfunktion nicht nur bei Schweitzer, sondern auch der Chefredaktion?
Im Übrigen muss man sich fragen, was jemanden motiviert, solche undifferenzierten und letztlich hetzartigen Artikel zu schreiben. Wird der Autor von der Pharma- bzw. Medizinlobby „gefüttert“, hat er private traumatische Erfahrungen mit Heilpraktikern gemacht oder ist er einfach nur denkfaul und unfähig, selbständig und unvoreingenommen zu denken, also seinerseits einem wissenschaftsbasierten Standard zu genügen statt sich als irrationaler Wissenschaftsfanatiker zu outen?