Da wäre die (leider sehr (!)) umfangreiche Menge an Studien, die entweder gar keinem methodischen Standard entsprechen oder gravierende Mängel aufweisen. Ihnen liegen manchmal interessante Beobachtungen zugrunde, zumindest für ihren Autor, aber einen Nutzen hat das für den Leser höchstens als Inspiration, wenn ihm eigene Ideen fehlen. Es finden sich dann garantiert auch Leser, die gegenteiliger Meinung sind oder andere Erfahrungen gemacht haben, und das der Welt natürlich mitteilen müssen. Das adelt gewissermaßen den Unfugschreiber, füllt die Publikationslisten, aber es überansprucht die Arbeitszeit und verstopft die Gehirne derjenigen, die nach tatsächlich belastbaren Erkenntnissen suchen.
Neben diesen Beobachtern und Meinungsmachern gibt es die Statistiker, die very sophisticated statistical methods (sorry, wer es in Psychologie zu was bringen will, muss sich auf Englisch äußern) beherrschen, aber überwiegend Datenmüll produzieren, weil sie sehr wissenschaftlich Banalitäten beweisen oder Abstrusitäten hypothetisieren.
Die Mainstreamer sind dann diejenigen, die mit Metaanalysen, akademischer Autorität und/oder gutem Gefühl für die Themen der Zeit und Zugang auch zu populärwissenschaftlichen Medien und nicht zuletzt durch Aufnahme in Lehrbüchern dafür sorgen, dass ein common sense entsteht, der sich dann als allgemein akzeptierte wissenschaftliche Erkenntnisse etabliert (zumindest solange nicht herauskommt, dass geschummelt wurde bzw. die wirtschaftlichen Interessen der Forschungsauftraggeber doch etwas zu stark eingeflossen sind).
Und schließlich gibt es noch die Vermarkter, die entweder unzählige angeblich hilfreiche Tests für teures Geld anbieten, oder die Erkenntnisse anderer so aufbereiten, dass je nach Marktgängigkeit eine möglichst große Anzahl Unwissender Geld dafür zahlt. Die Grenze zur angenehmen Unterhaltung ist dann sehr fließend, aber viele suchen ja auch gar kein objektives Wissen, sondern nur die persönliche Überzeugung, etwas gelernt zu haben, und sind bereit, dafür zu zahlen. Wer eine Therapieausbildung nicht schafft oder zu anstrengend findet, kann im Übrigen als Coach o. ä. mit weniger Aufwand den nur leicht psychisch geschädigten Teil der Bevölkerung auf Vordermann bringen (oder es zumindest versuchen, aber Ergebnisse garantieren ja auch Therapeuten nicht).
Die Psychologen (ich meine jetzt die echten -logen) beackern leider ein Feld, das noch schwieriger ist als die Theologie. Während man bei letzterer über etwas redet, von dem man nie wissen wird, ob es tatsächlich existiert und deshalb von manchen auch abgelehnt wird, beschäftigt auch die Psychologie sich mit einem Gegenstand, zu dem es zwar kein einhelliges Verständnis gibt, von dem aber alle überzeugt sind, dass es ihn tatsächlich gibt und der Erkenntnis zugänglich ist.
Die Psychologie ist also im Grunde eine Begriffsspielkunst, deren Wissenschaftlichkeit nur die Aufgabe erfüllt, andere zu beeindrucken oder überzeugen. Beweisen wird man es nie können, was man so theoretisiert, allenfalls plausibilisieren – oder eben falsifizieren, aber Letzteres sollte man in der Psychologie nicht so ernst nehmen, da es dort wohl keine einzige Erkenntnis gibt, die noch nicht falsifiziert wurde, wenn man sein Untersuchungsdesign nur klug genug konzipiert.
Die von der Psychologie zu verbegrifflichende Realität ist nämlich so komplex, dass sie die menschliche Fähigkeit der Begriffsbildung überfordert. Die psychologischen Begriffe sind viel zu simpel, manchmal sogar noch eindimensional, während die Realität es erfordern würde, in n Dimensionen zu denken und entsprechend differenzierte Begriffe zu verwenden. Weil die Sprache aber eine solche Vielfalt nicht hergibt, müsste man mit Kunstbegriffen arbeiten, die letztlich Codes darstellen, die Sprache und Zahlen vermischen und es dadurch erlauben, abstrakt definierte Entitäten anhand bestimmter Merkmalsausprägungen je nach Beobachtungsgegenstand differenziert einzusortieren. So würde sich Plt2x60N2 von Plt2x60N3 leicht unterscheiden, von PAt2x60N2 aber erheblich. Nur verstehen würde das niemand mehr, spätestens dann, wenn auf dieser Basis Zusammenhangsnetzstrukturen gebildet würden.
Solange also nur der menschliche Geist sich mit der Psyche beschäftigt, wird die Kumulation letztlich nichtssagender Vermutungen erfolgreich weitergeführt werden. Schon jetzt sind manche Forschungsgebiete so überfrachtet, dass man bei einer halbwegs relevanten Forschungsfrage Jahre brauchen würde, um ernsthaft alle bisherigen Publikationen auch nur durchzuarbeiten, geschweige denn einen eigenen Forschungsmehrwert zu generieren. Das erklärt im Übrigen auch, warum in aller Regel Erkenntnisse aus anderen psychologischen Spezialisierungsbereichen gar nicht erst wahrgenommen werden, obschon dort (natürlich mit anderen Begriffen) dieselbe Realität untersucht wird. Was dann dazu führt, dass sich letztlich die Realität der Psychologie beugen muss, und nicht umgekehrt.
Letzteres würde auch erklären, warum Streit um die Deutungshoheit mancher Begriffe so verbreitet ist: Wer den Begriff besetzt, eignet sich die Realität an, die es zu erklären gilt. Und es verwundert nicht, dass manche Begriffsstreitigkeiten so vehement geführt werden, als könne ein Wort nur eine einzige – quasi-ontologische – Bedeutung haben (abgesehen davon, dass manche Begriffe ja auch „Marken“ sein und Reputation sowie Einkünfte generieren sollen): Obschon jede unterschiedliche Perspektive auf bestimmte Phänomene andere reale Dimension desselben abbildet, müssten dafür auch spezifische Begriffe verwendet werden. Weil man das aber nicht hinbekommt, sind Begriffsstreitigkeiten im Grunde Gerangel darum, wer das bekannte Wort in seinem Sinn verwenden darf (und wer sich einen neuen Begriff für seine Realität suchen muss).
Wer in der Psychologie wirkliche Fortschritte erzielen will, muss auf KI und komplexe formale Modelle hoffen. Aber es würde mich nicht wundern, wenn das noch eine Weile von den Psychologen boykottiert wird: Für die einen ist das zu anspruchsvoll; für andere wäre es die Zerstörung einer Illusion, weil die Psyche dann möglicherweise als etwas ganz anderes erscheint, als sie es sich eingebildet haben; für noch andere käme es einer Desavouierung gleich, weil sich zeigt, dass ihre Konstrukte nichts taugen; und für alle anderen möglicherweise der Wegfall eines Hobbies, in dem sie ohne jegliche Haftung Gehalt oder Honorar kassieren können für etwas, dass man früher wohl als Spinnerei bezeichnet hätte.
Aber vielleicht irre ich mich ja auch grundlegend: Vielleicht ist Psychologie ja nur eine ziellose Beschäftigungsmaschine, die analog zur Philosophie (nur mit seriöserem Touch und lukrativeren Berufsperspektiven …) die Menschen zum Denken und Fühlen bringen soll und die Psychologen befähigt, mit ihren eigenen Gedanken-, Gefühls- und Verhaltens-Auffälligkeiten klarzukommen.
(PS: Übereinstimmunen und Ähnlichkeiten mit anderen Geistes-, Human- und Gesellschaftswissenschaften sind zwar nicht beabsichtigt, aber (mutatis mutandis) wohl unvermeidlich.)