Warum/Wozu Wahrheit und Wahrheitssuche?

Was ist Wahrheit bzw. Wahrheitssuche?

Die Verwendung des Begriffs ‚Wahrheit‘ ist natürlich heikel, denn wenn jede persönliche Überzeugung als Gewissheit oder subjektive Wahrheit firmiert, ergibt sich daraus letztlich eine Beliebigkeit, die weder den Aufwand des Blogschreibens noch den des -lesens rechtfertigt.
Auf der anderen Seite kann es nicht darum gehen, absolute Wahrheiten im philosophisch-religiösen Sinne anzustreben. Dieses Feld sei Philosophen und Theologen überlassen.

Der Begriff wird daher in diesem Blog wie folgt verstanden:

(1) Wahrheit ist eine notwendige Denkkategorie bei Aussagen über die Realität, d. h. es gibt tatsächlich Wahrheit und Nicht-Wahrheit.
(2) Wahrheit ist grundsätzlich der Erkenntnis zugänglich, und den Zugang dazu verschafft uns das Denken. Dieses beruht zum einen auf Daten und Informationen, zum anderen auf der Fähigkeit zum Umgang hiermit, sowohl in praktischer (Umgang mit Medien) als auch in (denk)logischer (Denkgesetze) Art und Weise.
(3) Wahrheit ist manchmal einfach zu entdecken, manchmal aber auch schwer zugänglich. Nichts garantiert, ob und wie wir Wahrheit finden (können) und/oder ob wir die Existenz der Wahrheit beweisen können. Aber die zur Wahrheitsgewinnung eingesetzten Mittel führen jedenfalls immer zu einer Verbesserung der Ausgangslage.
(4) Wahrheit ist zwar relativ, d. h. auf eine bestimmte Fragestellung bezogen, aber nicht subjektiv. Sie ist vielmehr teilbar, kommunizierbar und intersubjektiv überprüfbar. Es ist also möglich, über Wahrheit objektiv zu reden und andere auf objektivierbare Weise von Wahrheit zu überzeugen.

P1050684Das Streben nach Wahrheit ist demnach der Versuch, zumindest der Beschränkung und Verblödung zu entkommen, in die uns Schule, Erziehung, Studium, Wissenschaft, Religion, Medien und Orthodoxien jeglicher Art hineingezogen haben, und damit den Irrtümern und Fehlentscheidungen, die unser Handeln leiten. Wenn jemand darüber hinaus weitergehende Erkenntnis oder gar Erleuchtung erlangt, ist das ein gern gesehener Kollateralgewinn.


Was soll und kann die Wahrheit bewirken?

Die Wahrheit ist kein Selbstzweck, sondern der Kompass in einer Welt
– des Informations- und Meinungsüberflusses,
– der Dummheit und Manipulation,
– der Orientierungsprobleme bei der Meinungsbildung und Wertewahl,
– der Überforderung bei der Priorisierung von Alternativen und beim Treffen von Entscheidungen.

Es gibt aber (leider?) keinen Mechanismus, welcher die gefundene Wahrheit dann auch quasi-zwangsläufig zur Anwendung bringt. Ob und in welcher Form das der Fall ist, hängt von weiteren Faktoren ab: die (individuelle und kollektive) Psyche, die Machtverhältnisse, die materiellen Mittel, die (zu) kurze Reaktionszeit usw.

Wahrheit ist also keine zureichende Voraussetzung für Weltverbesserung, aber eine äußerst hilfreiche.
Es ist auch nicht so, dass Wahrheit immer für gutes und richtiges Handeln notwendig wäre. Wohl aber, dass ein an Wahrheit orientiertes Denken und Handeln sowohl ein ethisches Postulat darstellt als auch mit größter Wahrscheinlichkeit positivere Wirkungen entfaltet als ein von Nicht-Wahrheit geleitetes.

Im Grunde finden sich hier die Ideen und Anliegen der Aufklärung im modernen Kontext wieder. Die Befreiung aus der unverschuldeten Unmündigkeit ist heute so aktuell wie seinerzeit, und nicht minder gilt, dass die modernen ‚Mächtigen‘ die Wahrheit lieber vor dem ‚Volk‘ verstecken. Nur sind die Ausgangsbedingungen andere: Unwissen wurde ersetzt durch Zuviel- und Falschwissen, Nichts-Dürfen durch Alles-Können, Unterdrückung durch subtile Manipulation usw.

Und weil die traditionellen Massenmedien in dem Zusammenhang eine ziemlich unrühmliche Rolle spielen, bietet zumindest das Internet (zumindest bislang) die Möglichkeit der Suche nach und Verbreitung von Wahrheit. Mag sein, dass ein Einzelner nicht viel bewirkt. Aber das Schöne an der Wahrheit ist, dass man sie nur verbergen, aber nie zerstören kann. Und wenn erst mal viele Wahrheitssamen gesät sind, wird es schwer sein, alle Wahrheitspflänzchen zu rupfen.